Darmstädter Sezession

»ZUKUNFT BRAUCHT HERKUNFT« ODER VOM PASSEN DER ALTEN HAUT

Von Horst Dieter Bürkle – 20.05.2004

Allgemein

Im vergangenen Jahr hatte die Sezession auf der Mathildenhöhe ihre 32. Jahresausstellung, wobei lediglich die Ausstellungen nach 1945 aufgezählt sind, nicht die seit 1919. In diesem Jahr veranstalten wir die 17. Ausstellung von Skulptur im Freiraum, wobei die Zählung erst 1973 einsetzt. Bedenkt man dabei eine Unzahl von zusätzlichen Sonderausstellungen landauf, landab, hat die Sezession ganz offenbar viel herzuzeigen.

Uwe Eßer, Sezessionpreis 1995 und Thomas Duttenhoefer, Preisträger 1976

Doch ist es nicht die Anzahl der veranstalteten Ausstellungen, die ausschlaggebend ist. Die eigentlich essenzielle Frage ist doch vielmehr immer wieder die, wie man es anstellt, eine 85 Jahre alte Idee am Leben zu halten. Es liegt – wie wir alle wissen – nun einmal in der Natur der Dinge, dass eine »Abspaltung« (was Sezession ja bedeutet) früher oder später zu etwas führt, von dem man sich im Namen eines wie auch immer gearteten Fortschritts im Prinzip immer wieder abspalten kann, wenn nicht gar muss. Die Frage verkürzt gestellt: Kann so etwas Überkommenes wie eine bald hundertjährige Sezession denn überhaupt noch eine Existenzberechtigung, gar eine Zukunft haben?

Wäre die Antwort darauf ein Nein, würden Sie diesen Katalog nicht in der Hand halten und diese Zeilen lesen können. Dass sie sich bejahen lässt, hat unter anderem zu tun mit einer Behauptung, die der Philosoph Odo Marquard Ende der 80er Jahre aufgestellt und in dem inzwischen vielfach kolportierten Schlagwort »Zukunft braucht Herkunft« gebündelt hat.Weil in unserer so wandlungsbeschleunigten und eben dadurch stets auf’s Neue fremden modernen Welt der Mensch ganz zwangsläufig an Vertrautheitsdefiziten leidet – sagt Marquard – bedarf er zur Kompen-sierung dessen des Alten, des Vertrauten.

Er braucht dieses Vertraute – so Marquard überaus anschaulich – wie die ganz jungen Kinder, für die Wirklichkeit allemal unermesslich neu und fremd ist. Und die deshalb mit ihrem Teddybären ständig ihre “eiserne Ration an Vertrautem” mit sich herumtragen.

Versuchen wir uns kurz einmal vor Augen zu halten, was angesichts der geradezu tumultuösen Situation der Kunstentwicklung in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts aus einer Sezession geworden wäre, wenn bei jedem neu auftauchenden Ismus einige ihrer Mitglieder sich wieder und wieder zur Abspaltung bemüßigt gefühlt hätten – das Ergebnis liegt klar auf der Hand, es wäre unausweichlich einer allmählichen Pulverisierung ihrer Vereinigung gleichgekommen.

Dass es mit der Darmstädter Sezession dazu nicht kam, hat einen relativ simplen Grund. Ihr anfängliches Sezessionieren anno 1919 war grundsätzlich ja keineswegs gegen gute Kunst gerichtet, sondern lediglich gegen Künstler, die reflexionslos gemeint hatten, nach den Schrecknissen des eben zu Ende gekommenen Ersten Weltkriegs einfach da weiter machen zu können, wo sie fünf Jahre zuvor jähnunterbrochen worden waren. Das war damals somit keine Entscheidung gegen Qualität, sondern lediglich eine gegen völlig überholte künstlerische Tradition gerichtete.

Dieses »Spiel« mussten die Sezessionisten 1945 übrigens ein zweites Mal treiben. Wieder lag ein Weltkrieg hinter ihnen, schrecklicher noch als der erste. Nur hatten sie diesmal, anders als 30 Jahre zuvor, nachzuholen, womit sie sich unter der Diktatur der Nazis zwölf Jahre lang nicht beschäftigen durften oder konnten. Und weshalb die erste Ausstellung der Darmstädter Sezession nur sieben Monate nach Kriegsschluss folgerichtig dann auch den Titel »Befreite Kunst« trug. Schon da zeigte sich, wie ungemein wichtig das Rückbesinnen auf »das vertraute Alte des Anfangs« gewesen ist, was im Prinzip ja nichts anderes meinte als die alte Freiheit der Kunst an sich, gekoppelt mit dem steten Trachten nach Qualität – das und nichts anderes war und ist – so drollig das klingen mag – bis zum heutigen Tag der »Teddybär« der Sezession.

Und hier verlasse ich den philosophischen Pfad und komme zur Praxis des »Am-Leben-Erhaltens« einer sezessionistischen Künstlervereinigung. Es war so etwa um die Mitte der 70er Jahre, als man in der Sezession spürte, dass sich nach dem zweiten euphorischen Nachkriegs-Aufbruch, der immerhin spannungsreiche zwei Jahrzehnte angehalten hatte, eine gewisse Behäbigkeit breit zu machen begann. Man war inzwischen immerhin ein Vierteljahrhundert lang gemeinsame Wege miteinander gegangen und kannte sich bisweilen bis auf die Knochen. Da kam einer – es war der leider viel zu früh verstorbene damalige Geschäftsführer Reinhold Staudt – auf die Idee mit dem »Preis für junge Künstler«.

Mit seinem Gedanken, Jahr für Jahr einen jungen talentierten Künstler oder eine Künstlerin auszuzeichnen und in die Sezession hereinzuholen, hat er die Tür aufgemacht zu dem, was ich gerne die »transfusorische Rezeptur« der munteren alten Sezession bezeichne. Und nach dieser Rezeptur verfahren wir seit nunmehr 28 Jahren. Eine oder einer unter den Neun, die sich anno 2004 um den Preis der Sezession bewerben, wird heuer die Nummer 29 auf der nach oben offenen Zuwanderungsskala der Darmstädter Sezession sein. Und weil uns ein Zugang pro Jahr zu wenig war, schuf man 1987 gleich noch die Rolle eines Förderpreisträgers, womit sich die Anzahl der künstlerischen Zuwanderer anheben ließ. Und dabei war das Augenmerk der Sezessionsjuroren immer auf Qualität gerichtet und zwar auf eine Qualität, die keine vom modischen Kunstmarkt diktierte war, sondern eine, die nach Tragfähigkeit trachtete.

Da zeichnet man eben nicht nur so »en passant« jemanden aus, dem man mit den 5.000 Euro, die damit verbunden sind, eine Freude machen will. Da sucht man eine oder einen, neben deren oder dessen Arbeiten man die seinen auch in zehn oder zwanzig Jahren noch gerne sehen will. Da liegt der Unterschied zu vielerlei Wettbewerben hierzulande. Da liegt aber auch das feste Fundament für das Fortbestehen einer Künstlervereinigung, die uralt ist und sich dennoch ihrer Existenzfrage unbekümmert stellt.

Kurz nochmals zurück zu Odo Marquards philosophischen Betrachtungen: Die Fundamentalschwierigkeit der wandlungsbeschleunigten Welt bestehe darin, dass die Menschen in ihr langsam sind, die moderne Welt selber aber schnell. Abschaffen – sagt Marquard – können wir weder das eine noch das andere. Wer die schnelle Welt negiert, verzichtet auf notwendige Überlebensmittel der Menschen. Wer den langsamen Menschen negiert, verzichtet auf den Menschen. Das bedeutet, so Marquard: Wir müssen in der modernen Welt beides leben – die Schnelligkeit der Zukunft und die Langsamkeit der Herkunft.

Ich glaube die Behauptung wagen und aufstellen zu dürfen, dass die Darmstädter Sezessionisten ihre philosophische Lektion mit dem Anspruch »Zukunft braucht Herkunft« intus haben. Wir können – auf Marquards Thesen setzend – noch immer und weiterhin »Abspielfläche« für die gute alte Qualitätsidee sein, weil wir diesbezogen nicht stehen- geblieben sind. Und wir müssen deshalb auch nicht aus unserer Haut, weil diese alte Haut noch immer wundersam passt.

05.06.2004
Künstlerhaus Ziegelhütte
05.06.2004
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01.06.2004
Regierungspräsidium Darmstadt
05.06.2004
Institut Mathildenhöhe