Darmstädter Sezession

Wenn eine Künstlervereinigung …

Von Horst Dieter Bürkle – 27.12.2005

Allgemein

… wie die Darmstädter Sezession heuer sechsundachtzig Jahre »auf dem Buckel hat«, liegt es – wen wundert’s – auf der Hand, dass man von Fall zu Fall retrospektiv wird und historische Daten auf ihre wie auch immer geartete Brauchbarkeit hin abklopft. Solcherart Klopfen lag anno 2005 auf der Hand, schließlich sind es fast auf den Monat genau sechzig Jahre her, dass die Sezession sich nach dem unseligen »tausendjährigen« Reich – das Gott sei Dank nur schreckliche zwölf Jahre alt geworden ist – wiederbegründet hat.

Es ist heute nicht eben einfach, einem derzeit lebenden Menschen mittleren Alters und weit mehr noch einem jungen Menschen inmitten unserer reizüberfluteten Welt plausibel zu machen, was Künstler im Spätherbst des Jahres 1945, inmitten einer völlig zerstörten, desolaten Stadt bewogen hat, möglichst rasch wieder Kunst sehen zu wollen. Was sie – lumpenbekleidet und knurrenden Magens – dazu gebracht hat, neben den an die damals primär gefragten Wunscherfüllungen wie Hungerstillen, Bekleiden und Wohnen sich offenbar nichts sehnlicher gewünscht haben als einen Blick auf das, was ihnen seiner zeit die Freiheit der Kunst bedeutet hat. Man kann sich heute, in einer Zeit des »Anything goes«, wirklich nur sehr schwer vorstellen, welcher Hunger herrschte auf eine freie Kunst bei all denen, die für die unsäglichen zwölf Jahre nationalsozialistischer Kulturpolitik kategorisch ausgesperrt gewesen sind.

Nationalsozialistische Kulturpolitik, das klang in Darmstadt aus dem Mund des Darmstädter Künstlers und Inhabers einer privaten Kunstschule, (der Mann hieß Adolf Beyer) 1936 so: Er habe als künstlerischer Ausstellungsleiter seine Aufgabe darin gesehen: »meiner Vaterstadt eine Kunstschau zu bieten, die dem Wunsche des Führers entspricht, dass die deutsche Kunst das Volk wieder beglücken möge. Ferner soll sie helfen, unserem Volke die Erkenntnis zu vermitteln, dass wir eine deutsche Kunst von unerhörtem Reichtum haben, auf die wir stolz sein können, und dass kein anderes Volk der Welt uns künstlerisch überlegen ist.«

Auf solcherart Gedankenzug sprang der damalige Darmstädter Oberbürgermeister Wamboldt nur allzu gerne auf. Darmstadt als Kunststadt war ihm schon wichtig, aber: »Wir können und wollen es nicht ertragen, dass der aus älterer Vergangenheit übernommene gute Ruf unserer Stadt als eigenschöpferische und mitführende deutsche Kunststadt durch die gefährdet wird, die glauben, das fortsetzen zu können, was sie in der Verfallszeit begonnen haben.« (Mit Verfallszeit meinte Oberbürgermeister Wamboldt nichts anderes, als das, was mit dem Beginn der Moderne bis zum heutigen Tage kunsthistorisch als definitiv abgesichert gilt.) »Daher müssen die neuen Darmstädter Ausstellungen bewusst unter dem Zeichen: Deutsche, volksverbundene Kunst stehen. In der überwundenen schlimmen Zeit wurden ja auf der Darmstädter Mathildenhöhe Bilder gezeigt, vor denen das Volk wie vor einem Rätsel stand, soweit diese bildnerischen Machenschaften durch ihre eigenen Greuel nicht den Mann aus dem Volke zur zeitigen Flucht zwangen.«

Wer nicht einsehen will, so Oberbürgermeister Wamboldt in seiner Rede aus dem Jahre 1935, wie krank die Kunst damals gewesen ist, dem solle man einmal die Bilder aus der Zeit zwischen 1919 und 1931 neben die jetzigen (gemeint waren natürlich die ihm weit genehmeren von 1935) hängen. Und mit den Bildern aus der Zeit zwischen 1919 und 1931 meinte er wiederum nichts anderes als jene der Ausstellungen der Darmstädter Sezession mit den so überaus »kranken» Beckmanns, den Meidners, den Noldes, den Grosz’, den Dix’, den Heckels, den Schmitt-Rottluffs, den Klees, den Kirchners, den Kandinskys, den Picassos. Lauter Kranke. Nur sie, die Wamboldts, die Beyers und etliche mehr, waren die ach so Gesunden.

Zurück zu 1945 und zum Hunger auf das, was seinerzeit zwölf Jahre lang als künstlerisch »gesunde Kost« gegolten hat. Man muss sich heute einfach einmal vorstellen, wir wären für die Dauer der nächsten zwölf Jahre abgeschnitten von Fernsehen und Radio und verfügten auch sonst nur über sehr spärliche Beziehungen zur Welt außerhalb unserer Landesgrenzen. Allenfalls als vages Gerücht würde von außen gelegentlich etwas zu uns durchdringen von dem, was sich im Rest der Welt begibt. Ist, was dabei herüberkommt, wahr, würden wir uns fragen. Ist es glaubhaft? Kann man es sich vorstellen? Oder ist es feindliche und somit uns zersetzen sollende Propaganda? Und falls nicht, hätte es womöglich etwas von unendlich beflügelnder Phantasie?

Da muss – so die dringliche Frage der wenigen übrig gebliebenen Sezessionisten von anno ‘45 – in der Malerei doch noch etwas anderes gewesen sein als die klischeehaften Abbilder heroisch dreinblickender Soldaten, etwas mehr als endlos aneinander gereihte, stets entschlossen zupackende Arbeiter und etwas mehr als gebärfreudige, blondbezopfte Jungmädels, ob diese nun nackt oder züchtig bekleidet hinein gepinselt waren? Womöglich war mittlerweile Abstraktion angesagt? Womöglich null Realismus? Farbe pur?

Das waren Fragen, welche die Künstler damals abseits knurrender Mägen und abgerissener Klamotten ganz intensiv beschäfigt haben. Was ist uns vorenthalten worden, haben sie sich gefragt? Wieviel haben wir versäumt? Was um Himmelswillen ist wohl zwischenzeitlich alles an uns vorbeigelaufen?

An ihnen vorbeigelaufen war beispielsweise eine Musik, wie die Fugen des Paul Hindemith, die der – als einstiges Mitglied der Sezession – im amerikanischen Exil komponiert hat, nachdem die Nazis den aus Hanau stammenden Musiker als »Kulturbolschewisten« aus seinem Heimatland gebrüllt hatten. Die wollten sie jetzt hören und hatten deshalb, kein halbes Jahr nach Kriegsschluss, in den »den Ruinen entrissenen«, zugigen Räumen der Technischen Hochschule zwischen wenigen Belegen »Zeitgenössischer Kunst im südwestdeutschen Raum« Hindemiths »Ludus tonalis« erstaufgeführt.

Diese erste Ausstellung der Sezession nach dem II. Weltkrieg wäre übrigens beinahe als die allererste deutsche Nachkriegsausstellung in die Annalen eingegangen, hätte ihr nicht – mit nur achttägigem Vorlauf eine Schau mit dem Titel »Deutsche Kunst unserer Zeit« in Überlingen am Bodensee damals den Rang abgelaufen. Gleichwohl hatte die Sezession mit der im selben Jahr noch quasi nachgeschobenen und umfangreicheren Ausstellung mit dem Titel »Befreite Kunst« großen Anteil an der Rückkehr zur Moderne im Deutschland der Nachkriegszeit.

Viel Wasser ist seit jenem Wiederbeginn den Rhein hinuntergeflossen. Von denen, die auf der Liste der Ausstellenden von 1945 gestanden haben, lebt kein einziger mehr. Dafür sind heute, sechzig Jahre später, mehr als ein Drittel der Teilnehmer der heutigen Ausstellung Träger des seit dreißig Jahren vergebenen Preises der Sezession für junge Künstler oder auch des Kunstpreises der Stadt Darmstadt, der seit geraumer Zeit den Namen des bedeutenden Sezessionisten Wilhelm Loth trägt.

Wenn wir der diesjährigen Ausstellung den Titel »Tendenzen 2005« gegeben haben, dann greift das auch wieder etwas auf von dem Geist, der unsere sezessionistischen Väter schon anno ‘45 beflügelt hat. Müde bis angewidert vom eben überreichlich genossenen platten Naturalismus gierten sie tendenziell nach Anderem als dem, was ihnen die ebenso reaktionäre wie unverbindliche NS-Kunst vorgesetzt hatte.

Nicht Gleiches, aber sehr entfernt Vergleichbares tut sich heute: Leicht ermüdet von einem – vielleicht – Allzuviel an Abstraktion und Informel ist in der Malerei seit geraumer Zeit ein Zug zu spüren, der in andere Richtung führt. Von dieser Zugluft ist in der jetzigen Ausstellung deutlich etwas zu spüren.

Wer die Geschichte der Darmstädter Sezession seit Anbeginn auch nur einigermaßen wachen Sinnes verfolgt hat, wird unschwer feststellen können, dass gewaltsamer Umsturz allen noch so revoluzzerhaften Tönen im Gründungsmanifest von 1919 zum Trotz nicht deren Sache gewesen ist.

Eines allerdings scheint mir mindestens ebenso sicher: Die Sezession sah sich im Verlauf ihrer langen Geschichte vor allem anderen stets hohen Qualitätsmaßstäben verpflichtet und war nicht zuletzt deshalb selten bereit, auf allseits abfahrtbereite Modezüge aufzuspringen. Dass das nicht das schlechteste Rezept zum Überleben ist, lässt sich auch in dieser 33. Ausstellung der Nachkriegszeit wieder einmal gut und sehr anschaulich überprüfen.

Mit verursacht hat das in diesem Jahr Dr. Peter Joch, der Direktor der Kunsthalle Darmstadt, dem an dieser Stelle deshalb im Namen der Sezession an erster Stelle Dank zu sagen ist. Er ist als Kurator bereitwillig und engagiert eingesprungen, nachdem Dr. Klaus Wolbert Mitte des Jahres wegen anderweitiger Verpflichtungen aussteigen musste.

Ich danke darüberhinaus meinen Kollegen vom Vorstand der Sezession und dem Ausstellungsteam des Instituts Mathildenhöhe für die tatkräftige Unterstützung beim Aufbau der Ausstellung.

Vor allem aber ist einmal mehr denen zu danken, die die Sezession – einzig unterbrochen von der eingangs erwähnten zwölfjährigen Blockade – immer und immer wieder mit allen Kräften nicht nur finanziell unterstützt haben: die kultursinnigen Sachwalter unserer Kommune, ob sie nun unter der Fahne der Kunst oder der der Wissenschaft angetreten sind. Wir haben, so glaube ich, immer dankbar empfunden und gewusst, was wir an ihnen haben, so wie die Stadt immer wusste, was sie an der Sezession gehabt hat und auch künftig sicherlich haben wird.

25.09.2005
Institut Mathildenhöhe
25.09.2005
Institut Mathildenhöhe
25.09.2005
Institut Mathildenhöhe