Darmstädter Sezession

Siegfried Kreitner – Wahrnehmung und Bewegung

31.07.2013

Künstler über ihre eigene Arbeit

Die in einem Raum verbrachte Zeit erlaubt uns die Wahrnehmung von Geräuschen, Farben, Formen und Bewegungen. Da wir uns selbst – wie unsere Umgebung – ständig bewegen, sind wir nur sporadisch zu objektiv detaillierter Wahrnehmung fähig.

Dies sei an einigen Bespielen erklärt: Wir nehmen einen sich im Raum bewegenden Körper, der in sich starr erscheint, z. B. ein Auto, als langsamer und damit unbedrohlicher wahr als einen Fahrradfahrer, der mit seinen wirbelnden Beinen unsere Sinne wesentlich mehr in Anspruch nimmt. Ein aus den Augenwinkeln für Sekunden wahrgenommenes Mäuschen erschreckt uns verhältnismäßig stark, obwohl wir es nur am Rande unseres Wahrnehmungsfeldes registrieren. Dagegen schenken wir der rasanten Fortbewegung von Flugzeugen oder Vögeln über uns kaum Aufmerksamkeit. Unser Auge hat in seiner Evolution weniger Rezeptoren für die vertikalen als für die horizontalen Bewegungen entwickelt: die reale Bedrohung lauerte auf unsere Vorfahren im Gebüsch und kam nur selten von oben. Bewegung nehmen wir grundsätzlich als sich verändernde Koordinaten zweier Punkte im Raum wahr.

Ich nutze die Fähigkeiten und Irritationen, die uns unsere oben beschriebene Wahrnehmung ermöglicht und vortäuscht.

In der Arbeit »Apokalypse« von 1996 geschah dies noch mit nahezu brachialen Elementen: Leistungsstarke Mechaniken auf schweren Betonsäulen bewegen große Metallplatten sehr schnell aufeinander zu.

Im Bestreben, die Aufmerksamkeit auf das Phänomen der Bewegung zu fokussieren, wurde bei folgenden Arbeiten auf bedeutungsgeladene Materialien und beeindruckende Größe verzichtet. Um Bewegung als ein vierdimensionales Phänomen zu verwirklichen, entstanden nun Arbeiten ohne ein »Vorne« oder »Hinten«, »III 2002« von 2002 ist dafür ein Beispiel.

In jüngerer Zeit ist die Farbe hinzugetreten, z. B. »V 2010« und »IV 2012«. Dadurch verlagert sich die Bewegung von der »primär dingrealen« Ebene in verstärktem Maße auf die Ebene der visuellen Wahrnehmung. Die visuelle Wahrnehmung schließt rationale und emotionale Reaktionen kurz. Durch präzis gesteuerte Abläufe realisiert sich die Farbe als sichtbar gewordene Energie. Das zur Farbe destillierte Licht pulsiert und scheint die materielle Hülle der Objekte virtuell zu sprengen.

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