Darmstädter Sezession

VON UNTERSCHIEDLICHEN OBDACHLOSIGKEITEN

Von Horst Dieter Bürkle – 28.08.2008

Allgemein

Gegen Ende des II. Weltkriegs – zu einer Zeit, in der die Künstler der Darmstädter Sezession nahezu mundtot waren – hielt der im amerikanischen Exil lebende deutsche Philosoph Günther Anders einen Vortrag über den französischen Bildhauer Auguste Rodin (1).

Er nahm darin eingangs Bezug auf eine Welt, in der die sozialen Schichten Kirche und Hof, die sich über lange Zeiträume durch den Bau von Repräsentationsgebäuden hervorgetan hatten, deutlich an Bedeutung verloren und mit ihr auch die Bildhauer, die solcherart Bauten bis dahin mit verherrlichenden Skulpturen »bestücken« durften. Denn bis ins neunzehnte Jahrhunderter hinein konnte sich der Bildhauer weitgehend allenfalls als Zulieferant für Architekten verstehen. Die Architektur, so Günther Anders, errichtete reale Objekte für die Gesellschaft; und was wir auch an Skulptur bis zu diesem Zeitpunkt kennen – jedes Stück ist für einen bestimmten Platz innerhalb des Ganzen einer Architektur gedacht; mithin des Ganzen einer Gesellschaft. Noch als »Reliefs« waren sie architektonische Elemente; als vollplastische Skulpturen stellte man sie in schützende Nischen. Und weil es damit nun mehr oder weniger vorbei war, weil die Skulpturen von da an nicht mehr wie einst für einen bestimmten Zweck und auch für keinen bestimmten Ort mehr zu schaffen waren, wurde die Skulptur in gewisser Weise »obdachlos«.

Womit Günther Anders in seinem äußerst denkwürdigen Vortrag zu Rodin kommen konnte. Am Beispiel von dessen Torso der Adèle aus dem Jahre 1882 sagte er: »Versuchen Sie einmal, sich einen gesellschaftlich möglichen Ort für diesen Adèle-Körper vorzustellen. Eine Kirche? Ein Regierungsgebäude? Ein bürgerliches Heim? Ein öffentlicher Platz? Alle gleichermaßen unmöglich. Ein Garten? Kaum. Die Natur? Vielleicht.« Letztere Äußerungen wären bezogen auf heute sicherlich zurechtzurücken. Immerhin ist in den seitdem vergangenen fünfundsechzig Jahren eine Unmenge Wasser den Rhein hinuntergeflossen, sind unsere diesbezüglichen Moralvorstellungen deutlich erodiert. Doch wird durchaus begreiflich, was Anders’ seinerzeit im Sinn hatte, wenn er von obdachlos gewordener Skulptur sprach und davon, dass Rodin nurmehr die Natur als einzigen Bestimmungsort betrachten mochte. Dort wollte er auch seine Bürger von Calais stehen sehen, sockellos, auf einer freien Rasenfläche, Kinder sollten dazwischen spielen dürfen wie zwischen Bäumen und Gesträuch. Die damalige Stadtverwaltung, für die ein patriotisches Denkmal sockellos nicht ausdenkbar war, lehnte entrüstet ab. Noch sein Alternativvorschlag, die Gruppe auf einem nackten Felsen am Meer aufzustellen, wurde zurückgewiesen. Rodin sah sein Heil darin und machte es zu seiner Theorie: Weil er keinen geeigneten gesellschaftlichen Ort für seine Skulpturen sah, gab er vor oder glaubte wirklich, sie für die Natur bestimmt zu haben.

Ich erlaube mir an dieser Stelle den weit über ein Jahrhundert reichenden Gedankensprung von Auguste Rodins Vorstellungen hin zur heutigen Situation auf dem Gelände der Ziegelhütte, wo seit nunmehr fünfunddreißig Jahren Skulptur und Plastik unterschiedlichster Herkunft ihren zwar im Lauf der Jahre räumlich zurückgedämmten, aber dennoch angestammten Platz findet. Auch als die Darmstädter Sezessionisten anno 1973 den damals noch reichlich verwilderten Naturraum rund um die Ziegelhütte für sich entdeckten, lag Veränderung in der Luft: Die ungemein prosperierende Wiederaufbauphase der Nachkriegszeit neigte sich nach und nach ihrem Ende zu und mit ihr zeigte auch die aus heutiger Sicht üppig blühende Hochkonjunktur der Bildhauer, die bis dahin die aus Trümmern wiederentstandenen Bauten auf vielfältige Weise mit Kunst versehen durften, allmählich abflachendere Erfolgskurven an.

Im städtischen Verzeichnis von Kunst im öffentlichen Raum Darmstadts hat man einigermaßen präzise festgehalten, was in über drei Jahrhunderten für das städtische Umfeld an nennenswerter Kunst entstanden und heute noch vorhanden ist. Dieses rund 500 Werke umfassende Verzeichnis, das mit dem an der Südseite der Stadtkirche befindlichen Grabmal des Antonius Wolff von Todenwarth aus der Mitte des 17. Jahrhunderts beginnt und mit dem von Thomas Duttenhoefer 1995 geschaffenen Mahnmal auf dem Kapellplatz vorläufig endet, macht deutlich, in welcher Ausnahmesituation man sich nach dem Ende des II. Weltkriegs befunden hat. Kämmt man in dieser umfangreichen Sammlung nämlich die Jahre zwischen 1948 und 1973 durch, lassen sich sage und schreibe 130 plastische Werke ermitteln, die innerhalb dieser wenigen Jahre den städtischen Raum in ein veritables Museum zeitgenössischer Skulptur verwandelt haben. Man muss sich dabei vor Augen halten, dass innerhalb von nur sieben Prozent der Gesamtberichtszeit nahezu vierzig Prozent der genannten Werke entstanden sind! (2) Am Rande nur sei übrigens erwähnt, dass die damaligen Mitglieder der Sezession die satte Hälfte des genannten 130-Stücke-Kuchens für sich verbuchen konnten. Ob es allein an der mittlerweile dünner werdenden Konjunkturluft lag und man dem einschlägigen Publikum auf neuem und breitangelegtem Schauplatz demonstrieren wollte, was alles an plastischen Möglichkeiten für den Freiraum noch ausdenkbar gewesen wäre, sei dahingestellt. Nicht ausgeschlossen, dass man neuerlich – vielleicht auch nur unterschwellig – das ein Jahrhundert zuvor schon einmal vorhandene Gefühl vom Obdachloswerden der Skulptur empfand und es die Gemüter beunruhigte.

Nichtsdestotrotz richtete man sich ein auf der Ziegelhütte, das Projekt gedieh und fand alle zwei Jahre sein begeistertes Publikum. Wenn man sich überhaupt an etwas störte, dann gelegentlich an der Tatsache, dass das Terrain etwas kleiner geworden war und sich nun einmal nicht eignete für das Ausstellen von Kleinplastik, weshalb es Anfang der neunziger Jahre einen ersten Versuch gab, dem abzuhelfen. Im Katalog zur 11. Ziegelhütte war eine Lortz’sche Zeichnung zu sehen, auf der ein dem Berntheisel’schen Fachwerkhaus etwa größengleiches Bauwerk kurzerhand in dessen Garten plaziert worden war. Und im Beitext bekundete Pit Ludwig fröhlich und selbstbewusst wie stets, man sei »voll Optimismus, in zwei Jahren, bei der 12. Ziegelhütte, die Einweihung feiern zu können«. Man weiß inzwischen, dass – sowohl aus finanziellen wie anderen Erwägungen – daraus nichts geworden ist. Auch ein vor vier Jahren neu unternommener Anlauf blieb im Ansatz stecken. Diesmal lag es überwiegend an Bedenklichkeiten seitens der Baubehörden. Dabei ging es bei diesem neuerlichen Versuch nicht mehr nur um Wunsch und Wollen im Zusammenhang einer »Behausung« für Kleinplastik – es zeigte sich vielmehr, dass Erfordernisse ganz anderer Art weit wesentlicher geworden waren. Denn: Bezogen auf reines Menschenalter stellen fünfundreißig Jahre Ziegelhüttengeschichte zwar nur eine einzige Generation dar. Bezogen auf das, was sich seit 1973 in der Kunst der Bildhauerei ereignet hat, mussten indessen, in unterschiedlich ausgeprägter Form, etliche Generationen durchlebt werden. Unter diesem Aspekt betrachtet war das Ziegelhütten-Schiff trotz aller Anfangserfolge schon früh aus dem Ruder gelaufen.

Joseph Beuys, Nam June Paik oder Robert Rauschenberg wären, um nur wenige Namen (oder auch Richtungen) zu nennen, auf der Ziegelhütte nicht ausstellbar gewesen. Und gegen das Meiste, was Minimal Art, Land Art oder Concept Art ausmachte, sperrten sich – abgesehen davon, dass sich solcherlei aus den Reihen der Sezession nicht rekrutieren ließ – entweder das Gelände oderauch die Absichten der Veranstalter. Wiewohl – um ein markantes Beispiel zu nennen – so etwas wie Walter de Marias »Vertikaler Erdkilometer « (3) sich natürlich auch auf der Ziegelhütte hätte realisieren lassen.

All das wäre kaum weiter krumm zu nehmen. Freiluftausstellungen gibt es mittlerweile zuhauf. Sie nennen sich Skulpturenpark, -weg oder -pfad, Kunst im Garten, im Grünen oder auf der Wiese und bringen darauf unter, was dem Publikum ‘mal mehr, ‘mal weniger gefällt. Auch mit der Darmstädter Variante hätte man vermutlich ewig so weiter machen können, hätte es da nicht von Beginn an einen zunächst nur wenig oder gar nicht beachteten Mechanismus gegeben: Weil man alle zwei Jahre den Preis für junge Künstler an Bildhauer oder Bildhauerinnen vergab, die auf der Ziegelhütte ausgestellt haben mussten und diese dann als Preisträger gleichwohl gewollt wie wünschenswert verjüngend zu Mitgliedern unserer Künstlervereinigung wurden, spiegelte mit den Jahren zwangsläufig auch die Mitgliederschaft ein mehr und mehr überwiegend der Freiplastik zugewandtes Erscheinungsbild, das mit dem Gesamtkomplex des im plastischen Raum inzwischen Möglichen immer weniger übereinstimmte.

Hinzu kam, dass allerspätestens in den neunziger Jahren bei den Bewerbern zunehmend ersichtlich wurde, wie schon allein per erkorenem Werkmaterial die Möglichkeiten, eine Bewerberin oder einen Bewerber zum Wettbewerb einzuladen immer mehr schrumpften, wobei dies von der jeweiliegen Auswahljury häufig mit großem Bedauern zur Kenntnis genommen werden musste, weil – rein qualitativ betrachtet – einer Aufnahme in die Endrunde der Auserkorenen nichts im Wege gestanden hätte.

So wurde der an sich wunderbare, an Rodin gemahnende Gedanke, mit der Skulptur in die Natur zu ziehen, zusehends durchlöchert – und es zeigte sich drei Menschengenerationen nach Rodin speziell für die Sezession überraschend fast so etwas wie ein umgekehrtes Bild von der »obdachlos« gewordenen Skulptur.

Ausgelöst durch ungute Erfahrungen mit Holzskulpturen von Bewerbern, die von Windböen zerstört oder im Verlauf der mehrwöchigen Ausstellung unter starken Witterungs-und Temperaturschwankungen teilweise erheblich gelitten hatten, sahen wir uns schon vor vier Jahren gezwungen, für die Dauer der Ausstellung einen Bürocontainer anzumieten, um Obdach zu haben für die Installationen der Düsseldorfer Bildhauerin Nele Waldert, die am Ende dann auch den Sezessionspreis erhielt – ex aequo mit Jáchym Fleig, der zwei Jahre später bei seiner Sonderausstellung wiederum unter besagter »Obdachlosigkeit« zu leiden hatte, als er mit journey 2004, einem zur Schau gestellten Postkartenständer ständig ein-, aus- und umgeräumt werden musste, sobald am Horizont die erste Regenwolke aufzog.

Zwei Jahre später zogen wir daraus einige Konsequenzen und unter dem Titel Würfel sind gefallen versuchsweise die ganze Veranstaltung als Containerfestival auf. Dabei zeigte sich allerdings, dass auch solches nur »die halbe Miete« bedeutete, was sich erneut am Beispiel der Werke Nele Walderts erwies, wo es nicht allein darum ging, ihre Plastiken vor direkter Sonneneinstrahlung oder Regen zu schützen, weil schon die Temperaturen allein zum Schadensfaktor werden konnten, da die Container noch unterm Spätsommerhimmel rasch zu Brutöfen werden konnten.

Nele Waldert

Für die Bewerber des Jahres 2006 sahen wir uns genötigt, die unter Denkmalschutz stehende ehemalige Ziegeltrockenhalle mit Wänden zu versehen. Abermals ging es um die Hinfälligkeit der Materialien. Allen voran die empfindlichen Latexarbeiten der späteren Förderpreisträgerin Marei Lehner aus Würzburg, doch war es damit allein nicht getan. Regen hätte den minimalkinetischen Objekten des Siegfried Kreitner wohl ebenso zugesetzt wie den durchsichtig zarten Linienkästen der Christine Sabel. Und noch die scheinbar problemlosen Terrakotten des Tobias Gerstner mussten unter schützendes Dach, weil ihre Farben aufgetragen und keine den Arbeiten eingebrannten waren.

Die gemachten Erfahrungen finden anno 2008 leider wieder ihre folgerichtige Fortsetzung. Während ich diesen Text schreibe, ist noch unklar, ob die in der Zwischenzeit stark einsturzgefährdete Trockenhalle noch rechtzeitig instandgesetzt werden kann. Erneut haben wir – gegen das Gelände und seine ausschließende Beschaffenheit – Bewerber um den diesjährigen Preis der Sezession mit aufgenommen, deren Werke gemäß ihrer Materialbeschaffenheit auf ihm nicht unterbringbar sind. Dazu zählen Alexandra Klawitters aus Büttenpapier und Wachs bestehende Arbeit Weide meine Schafe ebenso wie Kayoko Matsunagas Spiegelstuhl und auch von Angela Glajcars Lichtschatten wird man erst nach Ende wissen, wie sie die Ausstellung überstanden haben. So erweist sich von Mal zu Mal eindrücklicher, wie das schöne Terrain, dem man zu Beginn einmal attestierte, es böte so etwas wie eine »Übersicht über die Tendenzen in der gegenwärtigen deutschen Plastik« solchem Anspruch heutzutage nur noch mühsam oder unter Einbußen gerecht zu werden vermag.

In nur wenig mehr als zehn Jahren wird die Darmstädter Sezession volle zwei Dutzend Ziegelhüttenausstellungen hinter sich haben und ihren hundertsten Geburtstag feiern. Es wäre zu wünschen, dass – in welcher Form auch immer – bis dahin für die hier dargelegte Problematik der »Obdachlosigkeit der Skulptur« eine befriedigende Lösung gefunden werden kann.

1 Am 13. März 1943 in den Vigovino Galleries im kalifornischen Brentwood
2 Nicht eingerechnet sind dabei weitere 80 zweidimensionale Arbeiten in Form von Sgraffiti, Wandund Fassadenmalereien, Glas- und Keramikmosaiken etc.
3 Der amerikanische Minimalist hatte 1977 aus Anlass der documenta 6 auf dem Kasseler Friedrichsplatz ein 1 Kilometer langes Loch in die Erde gebohrt und anschließend jeweils meterlange massive Messingstäbe zu einem Kilometer ineinandergesteckt in die Erde eingelassen.
24.08.2008
Künstlerhaus Ziegelhütte
24.08.2008
Künstlerhaus Ziegelhütte
24.08.2008
Künstlerhaus Ziegelhütte