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Darmstädter Sezession

Von der Illusion von Kunst

Von Carina Jielg – 29.08.2011

Künstlerkritik

»Von der Illusion von Kunst: Kulturredaktion Fernsehen oder Was soll ich hier mit diesen Farbklecksen?« So nannte Maria Anwander ihre Ausstellung im Funkhaus Dornbirn. Der Titel ist mehr oder weniger eine Aneinanderreihung verschiedener Aussagen aus verschiedenen Folgen der Krimireihe „Tatort“. Seit 41 Jahren läuft die von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ARD, ORF und dem SF gemeinsam produzierte Krimi-Reihe. Ebenso viele Folgen sind es auch, in denen Maria Anwander fündig geworden ist auf der Suche nach einem Zusammenhang mit Kunst in der Geschichte. In den einzelnen Folgen ermitteln Kommissare zwischen Berlin, Hamburg, Wien und Konstanz in Künstlerkreisen, verhören Galeristen und Sammler oder durchsuchen Ateliers. 

Maria Anwander interessiert sich dafür, wie Kunstbetrieb, Künstler und Kunstwerk in diesem öffentlich-rechtlichen Sendeformat dargestellt werden, wie auf Kunst reagiert, wie Kunst rezipiert wird. „Künstler“, sagt sie, „werden in unterschiedlichen Ausformungen skizziert. Sie sind selten die Mörder, dafür relativ häufig die Toten.“
Die Darstellung der Künstler ist stereotyp, voller Klischees, ihnen haftet fast immer etwas Absonderliches an. Im Video, einem Zusammenschnitt verschiedener Tatort-Auszüge, wird etwa über eine Künstlerin gesagt: „Charlotte Mayer ist zwar eine bekannte Künstlerin, aber gelegentlich etwas realitätsfremd. Sie können sich in Konstanz erkundigen… das wird Ihnen jeder bestätigen. Jetzt sprechen wir es doch mal ganz offen aus: Sie spinnt ein bisschen.“

Der österreichische Schriftsteller und Philosoph Franz Schuh hat über den Tatort gesagt: „In unserer Gesellschaft ist Freiheit einer der größten Propagandawerte. Ob sie in Wirklichkeit existiert oder nicht, ist eine andere Frage. (…) Die Utopie dieses Fernsehens ist der Mittelstand. In dieser Gesellschaft der Mitte, so hat es der Soziologe Herfried Münkler gesagt, in der die meisten brav leben, gibt es aber einBedürfnis, Menschen am Rande, also Außenseiter, zu bestaunen. Das Abendprogramm des Fernsehens zeigt solche Leute, die man nicht im eigenen Haus haben möchte. „Wir möchten“, sagt Münkler, „nicht der Außenseiter sein, aber wir lassen uns durch ihn unterhalten.“*

Die Außenseiter im Tatort sind dabei wohl nicht nur die Verbrecher, sondern auch die inszenierten Künstler. Bisweilen vereinen sie beides in einer Rolle: Wir möchten zwar nicht der Künstler sein, aber wir lassen uns durch ihn unterhalten. Maria Anwander gibt mit ihren Fotoarbeiten bzw. Filmstills Auskunft über inszenierte Vernissagen oder Ateliersituationen und macht damit auf etwas Entscheidendes aufmerksam: All die Künstlerpersönlichkeiten, all die Kunstevents, all die Künstlerwohnungen bis hin zu den Kunstwerken selbst sind fiktiv, von Drehbuchautoren erfunden und von Setdesignern gebaut. Dieser erfundenen Kunstwerke nimmt sich Anwander an. Sie eignet sie sich an und macht aus den Filmrequisiten eigenständige Kunstwerke, die sie in einer Ausstellung in den real-existenten Kunstkontext rücküberführt. Dass die Ausstellung in einem Gebäude des öffentlich-rechtlichen Fernsehens stattfindet, das ursprünglich ja die Erfindung des virtuellen Kunstwerks in Auftrag gegeben hat, schließt den Kreis, komplettiert den Kreislauf der Kunstwerke, dem Anwander auf der Spur ist. Sie denkt dabei an die be- kannte amerikanische Schriftstellerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein und ihren Satz „a rose is a rose is a rose …“ und denkt für sich weiter – „ein Kunstwerk ist ein Kunstwerk ist ein Kunstwerk …“.

Aber wann genau hat in diesem ‚unserem Fall‘ ein Kunstwerk begonnen, eines zu sein? War das, als es noch Idee war, im Kopf des Drehbuchautors für die Tatortfolge, war das in der Requisitenwerkstatt des Filmstudios, als es gebaut wurde, bei den Dreharbeiten, bei der Ausstrahlung des Tatorts oder erst als die echte Künstlerin Maria Anwander dem Werk durch ihren Aneignungsakt seine ‚Würde‘ als autonomes Werk zurück- oder besser überhaupt erst gegeben hat? Oder – bleibt es bei der Illusion von Kunst, sowieso, sowohl in der Parallelwelt Fernsehproduktion als auch in der realen Kunstwelt?

Das sind spannende, substantielle Fragen, die zentral sind in der Kunst 19 der letzten 100 Jahre. Antworten darauf, ob überhaupt und ab wann etwas ein Kunstwerk ist oder sein kann, gab etwa der Künstler Marcel Duchamp. Er vertrat die Meinung, dass bereits die Auswahl eines Gegenstandes ein künstlerisches Werk sei. Oder Joseph Beuys, der meinte: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Also auch der Setdesigner, der die Filmrequisiten baute?

Zurück noch einmal zum Titel der Ausstellung und zum Moment der Aneignung durch Maria Anwander. Auch bei einer weiteren ihrer Arbeiten spielt diese Aneignung eine große Rolle. Für die Arbeit „My Most Favourite Art“ – frei übersetzt: „Meine liebste Kunst“ – hat Maria Anwander sich eine ungewöhnliche Kunstsammlung – man kann sagen: zusammengeklaut. Die Sammlung besteht aus Titelschildern zu Kunstwerken, die Anwander eigenhändig in den großen Museen und Ausstellungshallen der Welt abmontiert und entwendet hat. Auch diese Arbeit erzählt von vielen Dingen und sie stellt Fragen – etwa wiederum jene: ob Kunstwerk oder nicht, nach Autorenschaft, nach geistigem Eigentum, nach Original und Kopie. Und: Ist ein Kunstwerk nicht auch dann ein Kunstwerk, wenn es (lediglich) in der Vorstellung erscheint, ausgelöst durch ein Titelschild, das einmal zum ursprünglichen Kunstwerk gehörte? Den Auslöser für die Vorstellung betätigt dabei die Künstlerin, indem sie das Titelschild zum eigenständigen Werk erklärt.

Als Repräsentanten, als Wegweiser für den Kopf nutzt Anwander Titelschilder (diesmal eigens gefertigte) auch für ein großangelegtes Kunst-am-Bau-Werk: den Bauzaun des vorarlberg museums. Für diese temporäre Arbeit im öffentlichen Raum hat Anwander 11.000 Titelschilder anfertigen lassen. Jedes einzelne verweist mit Angaben zu Künstler, Titel, Entstehungsjahr und Maße auf ein Kunstwerk, das sich in der Sammlung des Museums befindet, aber während der mehrjäh- rigen Bauphase eben nicht sichtbar ist. Durch die Schilder bleiben die Kunstwerke präsent, verschwinden nicht vollends im Depot.

Titelschilder funktionieren in der Kunstwelt wie Gütezeichen, Qualitätssiegel bzw. Etiketten. Hat es ein Werk in ein namhaftes Ausstellungshaus geschafft, dann steigt dessen Wert. In ihrer Arbeit „The Kiss“ ist Anwander den umgekehrten Weg gegangen: Hierfür hat sie nicht ein Schild aus einer Ausstellung entwendet, sie hat ein Werk und ein dazugehöriges Schild in ein Museum ‚hineingeschmuggelt‘. Im Museum of Modern Art in New York hat Anwander als reguläre Besucherin eine freie Wandstelle „geknutscht“ und unmittelbar daneben ein von ihr gefertigtes Schild im Stil der gängigen MoMA-Labels angebracht. Entscheidend ist, dass Anwander dabei den ‚normalen‘ Weg, den ein Künstler bzw. ein Kunstwerk zu durchlaufen hat, bevor es in einer so renommierten Institution wie dem MoMA aufgehängt oder aufgestellt werden darf, einfach abgekürzt hat. Es ist nichts über eine Reaktion der Institution selbst oder der Besucher oder über die Dauer des Verbleibs der Anwander ́schen Arbeit im MoMA überliefert, man darf aber getrost annehmen, dass wohl kein „normaler“ Besucher die „Echtheit“ des Werkes angezweifelt hat.

Auch mit der Arbeit „Erased Pictures from Flash Art Nr.259“ stellt Anwander die Hierarchien der Kunstwelt und deren Rankings auf den Prüfstand. Dazu hat sie jedes einzelne Bild einer Ausgabe des „Flash Art“, nach Eigendefinition „The World ́s Leading Art Magazine“, ausradiert. Der Abrieb der verwendeten Radiergummis wurde in kleinen, durchsichtigen Plastiksäckchen gesammelt und nach Seiten sortiert. Wieder bleibt dem Betrachter nur die Vorstellung der Bilder.

In dieser Ausstellung im Funkhaus des ORF Vorarlberg begibt sich Anwander nun erneut in ein System jenseits des Kunstbetriebs und interessiert sich dafür, wie und durch wen sonst noch, in diesem Fall durch das Fernsehen, Vorstellungen von Kunst produziert werden. Es ist eine Arbeit, die viele der Fragestellungen, die in Anwanders Schaf- fen zentral sind, vereint. Sie untersucht, wie Wert erzeugt wird und was den Kunstbetrieb im Inneren zusammenhält. All das und mehr fördert Anwander äußerst klug, frech und eigenständig zutage – um es gleichzeitig zu untergraben.

* Mia Eidlhuber, Doris Priesching, DER STANDARD Printausgabe/Album, 20./21. November 2010

08.06.2013
Darmstädter Designhaus, Hessen Design e.V.
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