Darmstädter Sezession

»Vogelschwärme im Raum« – Nachruf G. Schlotter

Von Horst Hartmann – 19.09.2008

Nachruf

Bei Gotthelf Schlotter ist der Wechsel vom Gegenständlichen zum Abstrakten weder Willkür noch Zufall, vielmehr gleichzeitige Weiterentwicklung einmal gewählter Themen. Was auf den ersten Blick wenig Gemeinsames zu haben scheint, gehört doch zusammen. Als Tierplastiker steht der 1922 in Hildesheim geborene Schlotter in der Nähe von Künstlern wie Philipp Harth, Hans Wimmer, Gustav Seitz, Otto Baum und Kurt Lehmann, die Naturformen in eigener Handschrift weitergeführt haben.

Schlotters Entwicklung unterscheidet sich jedoch von den Genannten. Die kubischen , geometrischen Formen seiner Plastiken wie „Tauben“, in denen die ausgeplustert dasitzenden Tiere eine geschlossene Form bilden, einigen Kleinplastiken wie den „Aasgeiern“, mehrfach variierten Eulen, gewann Schlotter das Raumerlebnis ab, das er sich wie kein anderer Tierplastiker zu eigen machte, mit Besessenheit und Sensibilität. Die unbestreitbare Anziehungskraft der Schlotterschen Arbeiten zwischen handwerklicher Akkuratesse und genialischer Auffassung ist leicht zu erklären. Mit den immer wieder gewählten Vogelmodellen stellt er das Raumerlebnis dar, zahlreich sind seine Varianten: Ob es sich um den „Gemeinsamen Abflug“ handelt, bei dem der Moment festgehalten wird, in dem die Tiere sich vom Boden lösen, um den „Vogelkreis“, wo Schwingen und Rumpf einen Halbkreis bilden, den „Kurvenflug“ mit der Schrägstellung eines Flügels oder die „Große Gestreckte“, bei der Kopf und Hals unter dem großen Bogen der Schwingen untertauchen.

Obwohl Schlotter häufig die Merkmale bestimmter Tiere und Vögel betont, wie Eulen, Gänse, Phönix, Hahn, lösen sich die Gattungen im Zustand des Fliegens auf. Die meisten seiner anmutigen Vogelkörper mit langen Schnäbeln und stromlinienförmigen Körpern sind nicht für den Ornithologen ansprechbar. Der Aufstieg in die Lüfte macht die Genauigkeit der Naturform überflüssig. Zu der Darstellung schwebender Vogelformen gesellen sich abstrakte Gebilde, wobei Schlotter teilweise die bisherige Namensgebung beibehält, wie beim „Jungfräulichen Pfau“.

„Tänzerische Erhebung“ nennt Schlotter eine säulenartige Erhebung. Erstarrte Spirale, in der die zerklüftete Oberfläche an Granatsplitter erinnert. Auch „Harlekin“, dessen spiralförmiges Gewand von einem an Halluzinationen mahnendes Gebilde gekrönt werden, gehört in diese Gruppe, neben dem „Magischen Tänzer“ und großräumigen Variationen. Falsch wäre es allerdings, die Tierplastiken gegen die abstrakten Arbeiten abzuwägen. Die Übergänge sind fließend. Es gibt eine Vogelgruppe von Schlotter, in der zwar jedes einzelne Tier erkennbar ist, die Summierung und Verästelung der einzelnen Körperteile jedoch gleichzeitig ein abstraktes Gebilde erstehen lassen, Teil irgendeiner industriellen Serienproduktion. Gotthelf Schlotters Arbeiten sind anmutige Beispiele für die Auflösung kubischer Formen in einen plastischen Rhythmus, Durchkreuzung der Lüfte. Die Freiheit künstlerischer Phantasie verdient hier das Adjektiv vogelfrei.

* 24.12.1922 in Hildesheim
† 04.08.2007 in Darmstadt
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