VIELFACH VERORTET

Katalog zur 36. Jahresausstellung 2011 in den Ateliers des Museums Künstlerkolonie, im Designhaus Hessen, auf der Ziegelhütte und …

36. Jahresausstellung – Vielfach verortet – Teil 2

in Galerie und Außenraum der Ziegelhütte

13.08.2011 – 31.08.2011

Turnusmäßig würde die Darmstädter Sezession mit ihrer Jahresausstellung 2011 in den Ausstellungshallen des Instituts Mathildenhöhe gastieren. Da wegen der Sanierungsarbeiten, die Räume aber in diesem Jahr nicht zur Verfügung stehen, wird die Ausstellung auf 4 Ausstellungsorte innerhalb Darmstadts verteilt. So können vielfältige künstlerische Ausdrucksweisen präsentiert werden, die jedem Ort in konzentrierter Form ein eigenes »Gesicht« geben.

KLEINPLASTIK / MALEREI
Künstlerhaus Ziegelhütte und Freigelände:
Do – So 11 – 18.00 Uhr
Eröffnung: 13 August, 17 Uhr

KLEINPLASTIK DRINNEN


IN DER GALERIE DES KÜNSTLERHAUSES ZIEGELHÜTTE

Laura Baginski, Gloria Brand, Volker Brüggemann, Horst Dieter Bürkle, Hagen Hilderhof, Bernhard Jäger, Detlef Kraft, Sigrid Siegele, Hartmut Stielow, Matthias Will, Christoph Zdzuj als Gast.

HORST DIETER BÜRKLE

»Collagen sind keine Rätsel: Sie sind irreduktible Widerstände gegen den Glauben an Erklärbarkeit und damit an intellektuelle
Arrangements, die Leben und Welt nur im kausalen Ablauf
akzeptieren wollen. Collage ist nach dieser Definition auch nicht die Summe der Fragmente, aus denen sie zusammengesetzt wurde.
Die verschiedenen Elemente dienen als Ausgangspunkt für einen
alchemistischen Prozess, dank dem die Herkunft der Ingredienzen und ihr Realsinn hinter dem neuen Bild meist bis zu Unkenntlichkeit verändert wird.«
Werner Spies

LAURA BAGINSKI

In der Reliefserie «Unverblümte Gewächse» behandle ich das Thema der Pflanze als Spiegel des menschlichen Inneren, sowohl was das organische als auch was das psychische Innenleben betrifft. Das vegetative Prinzip des wollenden, unbewussten Strebens nach Wachstum und Lebenserhaltung bleibt dem Menschen beim Blick auf sich selbst zunächst verborgen; in der Pflanzenwelt mit ihren hüllenlosen, organ- und nervenbahnähnlichen Körpern jedoch wird es optisch gewahr und über das menschliche Einfühlungsvermögen spürbar. Diese Möglichkeit der emotionalen Selbsterkenntnis ist meines Erachtens von entscheidender Bedeutung für das menschliche Wohlbefinden. Dieses so entstehende identitätsbildende Gefühl des In-der-Welt-Seins wird vom vorherrschenden Naturverständnis des über die Natur erhabenen Menschen überlagert und verdrängt. Ich möchte in meinen Arbeiten daran erinnern.

Abb. li.: Detlef Kraft, »Selbstbildnis«, 2004, Bronze, 24 x 14 x 9 cm
Abb. mi.: Horst Dieter Bürkle, »Alles hat seine Zeit«, 2011, Mixed Media, 63 x 47 x 22 cm
Abb. re.: Laura Baginski, »Florales II« aus der Serie »Unverblümte Gewächse«, 2009, Gipsabguss, 48 x 34 cm


GLORIA BRAND

Mein künstlerisches Ausdrucksmittel ist seit nunmehr 40 Jahren die Collage. Der von mir in unterschiedlichsten gestalterischen Techniken erarbeitete «Papierfundus» ist der Ausgangspunkt meiner Arbeit.
Parallel zu den flächigen Bildmontagen der früheren Jahre entstanden auch Reliefs, Objekte und räumliche Konstruktionen. Durch gestisches Arbeiten und rationales Vorgehen im Wechsel vereint sich Ungleichartiges, Gegensätzliches – sowohl zwei-, als auch dreidimensional. Im All-over wird, «wie aus zersprungenen Spiegeln», Zerrissenes, Zerschnittenes reorganisiert und zu einem neuen Ganzen gefügt. Ein anderes (Spiegel)-Bild entsteht. Das Konstruieren, das Spiel mit Flächen und Körpern, die einander durchdringen oder ergänzen, ist der wesentliche Aspekt in meinen Werken.

VOLKER BRÜGGEMANN

Künstlerisches Anliegen ist es bei Volker Brüggemann, Grundthemen menschlicher Existenz erfahrbar zu machen: Härte und Verletzlichkeit, Spuren der Zeit, Vergänglichkeit. Dabei geht es nicht darum, Menschen in bestimmten Situationen oder Emotionen abzubilden, sondern diese Themen auf künstlerischem Wege darzustellen. Nicht das Imitieren von Wirklichkeit ist das Ziel, sondern das Schaffen einer neuen Wirklichkeit, deren Betrachtung beim Rezipienten die Wahrnehmung für Existenzielles schärft.

Insofern bleibt der Künstler in seinen Abeiten nicht abstrakt. Vielmehr geht die «Materialbotschaft» mit bestimmten Themen einher, die Brüggemann immer wieder beschäftigen: Labyrinth – archaisch wirkende, thronartige Sitze – Stufen, die in den Himmel führen – Engel. Das Engelsthema ist bei ihm ganz zentral. Dabei ist der Engel nicht zwingend der Engel aus der christlichen Ikonographie. Der Künstler sieht ihn auch in der griechisch-antiken Tradition. Allerdings ist es bei Brüggemann eher ein zweifelnder, nicht ein auftrumpfender Sieg.

Bei seinen neuesten Arbeiten -“hovering bird“- erhalten die Flügelfiguren auch eine afrikanische Beinote, wirken wie Kultfiguren. Eine vergeistigte, fast sakrale Konnotation ist nicht zu leugnen. Sakral sicher nicht im Sinne des Unerreichbar-Göttlichen, sondern eher von etwas Transzendenten, das das Menschliche mit dem Geistigen verbindet. Das «Nach-Oben-Streben» seiner Arbeiten ist in diesem Sinne zu deuten.

Dr. Claudia Kanowski, Bröhan-Museum, Berlin

Abb. li.: Gloria Brand, »Des Würfels Lust«, 2009, Collage-Objekt, 20 x 20 x 20 cm
Abb. mi.: Volker Brüggemann, »O.T.«, 2010/11, Bronze, Unik., 88 x 18 x 19 cm, 36 x 20 x 11 cm, 45 x 20 x 10 cm
Abb. re.: Hagen Hilderhof, »Zwei« (WV 256), 2004, Karton, lackiert, 31 x 22 x 22 cm


SIGRID SIEGELE

»Mann von Suruppak, Sohn Ubara-Tutus!

Reiß nieder das Haus und erbaue ein Schiff.

Lasse ab vom Reichtum und suche statt dessen nach dem, das atmet.

Die Habe sei dir zuwider, erhalte statt dessen das, was atmet, am Leben.

Hol den Samen all dessen, das atmet, herauf in das Innere des Schiffs….. «

zitiert aus dem Gilgamesch Epos (18. Jhdt. v. Chr.)

BERNHARD JÄGER

In den letzten Jahren habe ich neben Holzschnitten auch größere Skulpturen bis zu 3 m Höhe hergestellt (IG Metall Frankfurt und in Gießen/Innenstadt eine Figurengruppe). Nach dieser sehr aufwändigen Arbeit hatte ich Lust auf kleinere Formate. Dieser Wechsel von Thema, Material und Format verhilft mir immer zu einem neuen Energieschub. Ich wollte etwas ausprobieren, das ich vorher noch nicht gemacht hatte. Diese Abwechslung bot mir die Arbeit mit formbarem Wachs, welches ich in Bronze gießen wollte. Aus einer Vielzahl von Fundstücken mit strukturierten Oberflächen wie Pappen, Blechen, Drähten und Gegenständen des täglichen Gebrauches stellte ich Abdrücke und Abgüsse her, um sie als Arbeitsmaterial für Montagen und Collagen verwenden zu können.

Meine Leidenschaft für afrikanische Kunst spielte eine Rolle bei meinem Vorhaben. Mein Atelier ist voll mit Masken und Figuren aus meiner Sammlung und ist in ständiger Korrespondenz zu meinen eigenen Arbeiten. Es blieb also nicht aus, dass ich mich an eigenen Masken versuchen wollte.

Aus der Vielfalt des hergestellten «Rohmaterials» fing ich an zu schneiden, zu biegen, zu kleben, aufeinander zu schichten und auszulöschen. Dieser Arbeitsprozess hatte etwas Lustvolles und Spielerisches. Ein ständiges Hin und Her, solange, bis auf der Wachsplatte die Form entstand. Der Zufall spielte eine glückliche Rolle dabei. Diese Wachsmasken wurden dann in einer Bronzegießerei in verlorener Form gegossen und nach meinen Wünschen patiniert.

Bernhard Jäger

Abb. li.: Sigrid Siegele, »Arche 8«, 2011, Ziegel, 14 x 30 x 9 cm
Abb. re.: Bernhard Jäger, »nach oben«, 2010, Bronze, Höhe 37 cm + »Knopfauge«, 2010, Bronze, Höhe 34 cm


CHRISTOPH ZDZUJ
ALS GAST

Nach dem Beginn meiner Arbeit bei Hannes Meinhard erfuhr ich die grundlegenden Kenntnisse zur Skulptur, ich bekam die entsprechenden Informationen in technischer und gestalterischer Form, um eigenständig Skulpturen zu entwickeln und kontinuierlich weiter zu entwickeln. Auch den Umgang mit Feuer und Eisen erfuhr ich durch ihn und es entstanden erste Schmiedearbeiten. In dieser Zeit war ich beruflich auf einem Schrottgelände tätig und bin es auch heute noch. Der gewaltige Fundus an vorgefertigten Formen regt ständig meine Motivation für das Finden und Erfinden von Skulpturen als Assemblierung an.

Abb. li.: Christoph Zdzuj, »O.T.«, 2009, Eisen, 13 x 6 x 8 cm
Abb. mi.: Matthias Will, »Zwei Flügel«, 2009, VA-Edelstahl, 45 cm hoch
Abb. re.: Hartmut Stielow, »Trapez«, 2007, Granit, Stahl, 74 x 36 x 28 cm

MALEREI DRAUSSEN

Barbara Bredow, Horst Dieter Bürkle, Frank Schylla, Sigrid Siegele, Cornelius Staudt, Helmut Werres, Matthias Will.

Veranstaltungsort:

Künstlerhaus Ziegelhütte
Kranichsteiner Straße 110, 64289 Darmstadt, Deutschland

Veranstalter:

Darmstädter Sezession
Ist Teil der Ausstellung
07.08.2011 – 31.08.2011
07.08.2011
VIELFACH VERORTET
von Darmstädter Sezession (Hg.)