36. Jahresausstellung – Vielfach verortet – Teil 3

in der Regionalgalerie Südhessen des Regierungspräsidiums

17.08.2011 – 31.08.2011

Turnusmäßig würde die Darmstädter Sezession mit ihrer Jahresausstellung 2011 in den Ausstellungshallen des Instituts Mathildenhöhe gastieren. Da wegen der Sanierungsarbeiten, die Räume aber in diesem Jahr nicht zur Verfügung stehen, wird die Ausstellung auf 4 Ausstellungsorte innerhalb Darmstadts verteilt. So können vielfältige künstlerische Ausdrucksweisen präsentiert werden, die jedem Ort in konzentrierter Form ein eigenes »Gesicht« geben.

ZEICHNUNG
Galerie des Regierungspräsidiums:
Mo – Do 8.00 – 16.30 und Fr 8.00 – 15.00 Uhr
Eröffnung: 17 August, 19 Uhr

Barbara Bredow, Bea Emsbach, Manfred Fuchs, Horst Haack, Helmut Hellmessen, Kurt-Wilhelm Hofmann, Rolf Kissel, Pierre Kröger, Helmut Lander, Rainer Lind, Werner Neuwirth, Mirja Nicola Ruhmke, Renate Sautermeister, Lisa M. Stybor, Helmut Werres, Gerd Winter.

BARBARA BREDOW

Vom Beginn des Malprozesses an
entwickelt die Farbe
eine Eigendynamik und Gewalt,
der man sich nicht entziehen kann.

ROLF KISSEL

» …Was wir um uns erblicken, blickt vieldeutig, rätselhaft auf uns zurück, weil wir in nichts das Erblickte mehr als Unseresgleichen wahrnehmen… und die Schönheit, welche die Dinge annehmen, ist die hoffnungslose ihres Scheinens….

… Die Anekdote von jenem alten Mönch, der in der ersten Nacht nach seinem Tod einem befreundeten Ordensbruder im Traum erscheint und ihm „Alles ganz anders“ zuflüstert, könnte … zur Maxime dienen …. Aber das „Alles ganz anders“ bliebe geschlagen mit der Ohnmacht des Aparten, wäre nicht seine Kraft auch die des „So ist es“….«

( Theodor W. Adorno, Kleine Proust – Kommentare, in: Noten zur Literatur II, Frankfurt am Main, 1963, S.98ff )

Abb. li.: Barbara Bredow, »Rot II«, 2010, Acryl auf Papier, 57 x 77 cm
Abb. mi.: Rolf Kissel, »N-Meta 5 A«, 2007, Bleistift auf Karton, 50 x 70 cm
Abb. re.: Kurt-Wilhelm Hofmann, »Fisch 1339«, 2011, Blei- und Farbstift auf Papier, 21,5 x 30,5 cm


BEA EMSBACH

Die Ideen erscheinen an den Grenzen von Licht und Schatten, zwischen schrecklich und schön:
Zeichnen als das Ringen um die Bilder aus dem Bodensatz des allgemeinen Unterbewussten und der Mythen aber auch aus einer bewussten Beschäftigung mit Anthropologie und Psychologie. Es ist der Versuch, sie zu bergen im Bewusstsein, dass das meiste unsagbar bleibt. Was der Betrachter schließlich zu sehen bekommt, sind die Forschungsergebnisse eines subjektivistischen Naturstudiums, anthropomorphe Pflanzen und Protagonisten eines inneren Naturvolkes, dessen Riten ein Stück weit rätselhaft bleiben und zugleich eine Vielzahl an Assoziationen hervorrufen. Hier ist das Zeichnen ein Ringen zwischen dem Greifbarmachen und dem Sichentziehen, also ein sowohl intuitiver als auch in hohem Grad gesteuerter Prozess: Die Lust am Finden und Erfinden.

Das Format ist das der Intimität des Schreibens und des Schreibtisches: DIN A4.

Abb. li.: Bea Emsbach, »Haushaut«, 2011, Kolbenfülleraquarell
Abb. mi.: Manfred Fuchs, »Ballonhalle«, 2009, Eitempera auf Papier, 115 x 85 cm
Abb. re.: Horst Haack, Aus »Haack‘s Tierleben«, 2009, Gouache auf Papier, je 30 x 21 cm


HELMUT HELLMESSEN

Eine Zeichnung

kann erstaunlich sein,
kann unwahrscheinlich sein,
kann unvollkommen sein,
kann unglaublich gut oder schlecht sein,
kann erregend oder peinlich sein,
kann bodenlos ordinär sein,
kann höllisch wie Dantes Inferno sein,
kann leuchtend wie ein Himmelstor sein,
kann aus Milliarden von Punkten sein,
kann aus Millionen von Strichen sein,
kann unbewusst gekritzelt sein,
kann genial schön dürerhaft sein,
kann hilflos schreiend kafkaesk sein,
kann wie mit Blut geschrieben sein,
kann wie mit Gift gestochen sein,
kann wie aus dem Hintern gezogen sein,
kann wie ein warmer Hauch aus dem Mund sein,
kann mutig vor 30.000 Jahren in den Fels geritzt sein,
kann kühn als geprägte Tafel auf dem Mond gelandet sein,
kann auf einem zerknitterten Abfallpapier eine Schönheit gezeichnet sein,
kann auf einem vergilbten Zeitungsrand die Pranke eines Löwen gezeichnet sein.

So kann eine Zeichnung alles oder nichts sein.
Nur langweilig darf eine Zeichnung nicht sein!

MIRJA NICOLA RUHMKE

VERSUCH EINER SELBSTFORSCHUNG

Während des morgendlichen und abendlichen Duschens wird der fortwährende Strom täglicher Eindrücke in der Überlappung von Schrift und Zeichnung auf Leinen-Duschvorhänge übertragen.

Nicht nur der mentale Unrat gelangt an die Oberfläche.

Abends sind die Gedanken dichter und dunkler.

WERNER NEUWIRTH

Neuwirth ist, ich zitiere aus dem Einladungsprospekt, «ein Instinktmaler, der sich beim Malakt von einem sicheren Gefühl leiten lässt». Dennoch ist Neuwirth kein Künstler, der nur aus dem Bauch arbeitet. Er hat auch einen Kopf. Mit dem erwähnten «sicheren Gefühl» hängt es zusammen, dass seine Bilder trotz ihrer spontanen und freien Grundhaltung mitunter wie konstruiert anmuten. Ich meine dies keinesfalls negativ, sondern eher im Sinne einer Bezugnahme auch auf die Klarheit und Prägnanz der konstruktiven Kunst, auf deren Intelligenz und Ökonomie, auf eine gewisse Leichtigkeit, die Witz und Charme beinhaltet, keineswegs aber mit Oberflächlichkeit zu tun hat, wohl aber mit dem Verzicht auf emotionale Überfrachtung und Redundanz. Strenge und Heiterkeit schließen bei Neuwirth einander nicht aus. Zu den bereits erwähnten Spannungspaaren gehört insbesondere auch der Dialog und die Balance zwischen diesen beiden Grundprinzipien: Dem Geometrischen und dem Organischen, dem Kalkulierten und dem Intuitiven, dem Rationalen und dem Irrationalen.

Seine Arbeiten, so autonom und so wenig abbildend sie sind, entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern sie verarbeiten Erfahrungen, verdanken sich der lebendigen Wahrnehmung. Dabei ist die Experimentier-freude dieses Künstlers enorm, seine Lust, die Welt der Formen und Farben nach allen Seiten hin auszuloten und zu erforschen – wobei sich auch hier, im Hinblick auf das Gesamtwerk – polare Gegensätze zur Einheit verbinden: Ich meine die Gegensätze zwischen Vielfalt und Verschiedenheit einerseits und einer trotz allem durchgäng erfahrbaren Haltung und Handschrift, die alle diese noch so unterschiedlich beschaffenen Blätter und Tafeln als Teile eines größeren, durchaus in sich geschlossenen Ganzen – bei alten Meistern sagte man «Oeuvre»- ausweist.

Textauszug: Prof. Hans Gercke, Heidelberger Kunstverein

Abb. li.: Helmut Hellmessen, Jahresringe II »Die Festung«, 2010 beendet, Bleistiftzeichng., Frottage, 33 x 32 cm
Abb. mi.: Mirja Nicola Ruhmke, »Schutzhülle III«, 2007-2008, Tinte auf Leinen, 120 x 170 cm
Abb. re.: Werner Neuwirth, »O.T. 3«, 2010, Mixed Media, 150 x 107 cm



Abb. li.: Helmut Lander, »Metamorphose II«, 2002, Farbstift/Aquarell, 50 x 70 cm
Abb. re.: Rainer Lind, »O.T.«, 2010, Graphit, Eisenoxyd und Leinöl, auf Papier, 30 x 40 cm


LISA M. STYBOR

EIN PAAR WORTE ÜBER MICH

begonnen habe ich meine auseinandersetzung mit der gestaltung 1981 in einem sehr breit angelegten studium von kunst und design an der fachhochschule aachen. fasziniert hat mich immer die zeichnung, sie begleitete mich täglich wie essen und trinken. später kamen malerei und bildhauerei dazu. schon früh war ein schwerpunkt das auskundschaften unzähliger verschiedener materialien, die ich einzeln bearbeitete oder in collagen miteinander verband. ausgelöst durch ein fulbrightstipendium 1987/88 an der universität von oklahoma (usa) wurde der RAUM mein zentrales thema. danach reiste ich für fünfzehn jahre durch die welt und entwickelte meine arbeit als landschaftszeichnerin. 2000 setzte eine grundlegende veränderung ein; ich nahm die FIGUR und die MUSIK mit in meine arbeit auf und entwickle seitdem kleine oder große komplexe bildkompositionen, die in sich mehrere, voneinander verschiedene bildgruppen oder stile verbinden. ziel ist ein höheres ganzes. in meiner hochschullehre entwickeln sich oft projekte, die sich direkt auf das leben vorort beziehen. Innen ist der RAUM das zentrale thema, außen geben verschiedene themen des LEBENS der arbeit ihre gestalt. innen und außen durchdringen einander.

Abb. li.: Lisa M. Stybor, »Zeichnung 10/10/2010-II«, 2010, 51 x 75 cm
Abb. re.: Pierre Kröger, »Femme lisant«, 2010, Pastell, 50 x 64 cm


HELMUT WERRES

Ambulante Zeichnungen entstehen im Gehen, beim Fahren, bei Konzerten und Ausstellungen. Die Blätter füllen sich ohne den korrigierenden Blick aufs Papier.
Die Arbeiten zeigen kein Abbild, sondern sind eher seismographische Aufzeichnungen aus der Außenwelt.

RENATE SAUTERMEISTER

Das Treppenmotiv, das in Renate Sautermeisters früheren Arbeiten immer wieder einmal auftauchte, ist nun ausschließliches Thema und scheint zum bildnerischen Anlass geworden zu sein.

In den neuen Blättern formieren sich auf Linien reduzierte, vor allem in Gelb und Blau farblich verhalten akzentuierte, aus höchstens drei Stufen bestehende Treppen nun zu Paaren, bilden Brücken, werden leicht und fliegen, kippeln auf einer Kante, scheinen tanzen zu wollen mit Leitern, denen Beine wachsen, die sich krümmen und ihre Sprossen wie Arme ausbreiten. Leitern, Stufen, Sprossen, Postamente und Podeste und ähnliche, auch als Lebensmetaphern lesbare Symbole für Auf- und Abstieg, bleiben unbelebt, sind nun ihrer eigentlichen Funktion beraubt und herausgelöst aus einem architektonischen Zusammenhang. Reduziert auf wenige freie, zeichnerische Linien sind sie keineswegs geometrisch gerade, sondern taumeln ohne festen Untergrund über die Bildfläche…

Katinka Fischer

Abb. li.: Gerd Winter, »Skizze zu großer Zeichnung«, 2011, Mischtechnik auf Papier, 40 x 54 cm
Abb. mi.: Helmut Werres, »Jazzfestival Ffm 2010, Lansine/Komate«, 2010, Tntenstift/Papier, ca. DIN A 3
Abb. re.: Renate Sautermeister, »Zeichnung 10/10/2010-II«, 2010, 51 x 75 cm

Veranstaltungsort:

Regierungspräsidium Darmstadt
Luisenstraße 2, 64283 Darmstadt, Deutschland

Veranstalter:

Darmstädter Sezession
Ist Teil der Ausstellung
07.08.2011 – 31.08.2011
07.08.2011
VIELFACH VERORTET
von Darmstädter Sezession (Hg.)