VIELFACH VERORTET

Katalog zur 36. Jahresausstellung 2011 in den Ateliers des Museums Künstlerkolonie, im Designhaus Hessen, auf der Ziegelhütte und …

36. Jahresausstellung – Sezessionspreis 2011

Ausstellung der Bewerberinnen und Bewerber

07.08.2011 – 31.08.2011

Ausstellung der Bewerberinnen und Bewerber zum Preis der Darmstädter Sezession 2011, im Rahmen der 36. Jahresaussstellung »VIELFACH VERORTET«.


MAUREEN KAEGI
* 1984 in New Plymouth/Neuseeland, lebt und arbeitet in Zürich und Wien, 2005-2010 Studium der Bildenden Kunst an der Universität für angewandte Kunst, Wien bei Prof. Johanna Kandl, seit 2006 Tänzerische Ausbildung am Dance Art Studio, Wien und Tanzquartier Wien, 2007-2008 Studium der Fotografie an der Hochschule der Künste Zürich, 2009-2010 School of Arts and Cultures, Newcastle UK

Gälte es eine Zeitlichkeit in Maureen Kägis Arbeiten zu definieren, liesse sich diese anhand des „Augenblicks“ strukturieren. Jener kurze Moment, der sich abertausende Male wiederholend zu unserem Sehen kumuliert, um sich aber auch ab und an aus dem Strom der Eindrücke zu lösen und sich als extrahiertes Wirklichkeitsfragment in unser aktives Bewusstsein zu drängen. Selten wissen wir, warum uns ein Anblick inne halten liess, und doch greift das ikonische Gedächtnis meist auf jene Erinnerungsbilder zurück, die aus der Fülle der alltäglichen Wahrnehmungen aus welchen Gründen auch immer herausstachen.

Wie ein Display solcher ephemerer Erinnerungsbilder funktionieren Maureen Kägis installative Arrange-ments, in denen sie Fotografie, Zeichnung, Malerei und Video in ein wechselseitiges Beziehungsgeflecht setzt. Die in diesen unterschiedlichen Medien verarbeiteten Wirklichkeitsausschnitte fügen sich dabei zu transitorischen Wahrnehmungsräumen, deren besondere Qualität darin liegt, jenen oben beschriebenen, ungemein flüchtigen Augenblicken eine andere zeitliche Dimension zu verleihen, nämlich die der Kontemplation. Sie ist das Resultat einer Verdichtung der Perspektiven und einer brüchigen Vielschichtigkeit, die auf das Springen zwischen den Medien, auf die Serialität gewisser Motive und das Arrangieren der Arbeiten zu Gruppen zurückzuführen ist. Maureen Kägis Praxis ist eine der Entschleunigung und Beruhigung – die sanfte Annäherung an ein Etwas, das sie in ihren Arbeiten zu artikulieren sucht, das jedoch so unstet ist, dass es sich immer wieder entzieht, so flüchtig, dass es in Worten kaum zu fassen ist. Maureen Kägi versucht es mit ihren Bildern einzukreisen.

Yasmin Afschar

JAN BRAND * 1975 in Frankfurt am Main, lebt und arbeitet in Frankfurt und Diez, 1998-­1999 Studium der Ethnologie an der Johann-­Wolfgang-­Goethe-­Universität Frankfurt am Main, 1999-2009 Grundstudium Visuelle Kommunikation/Kunst an der Hochschule für Gestaltung Offenbach: Rauminstallation, AV-­Medien, Film, Fotografie, bei H. Blum, R. Pape, 2003-2006 Fernseh­Grafiker und Fotograf beim Hessischen Rundfunk, 2007-­2009 Hauptstudium an der HfG Offenbach bei Heiner Blum und Christian Hahn; Diplom in Kunst/Freie Gestaltung in den Prüfungsfächern Experimentelle Raumkonzepte und Mediensoziologie, 2011 Kunstlehrer am Sophie Hedwig Gymnasium in Diez

Jan Brands Arbeiten zeichnen sich durch eine medienreflexive Arbeitsweise aus. Viele seiner Arbeiten lassen sich an der Schnittstelle von Fotografie und Video, von stillem und bewegtem Bild verorten. In «Cubic Times» stellt Brand mithilfe eines Performers eine Szene dar, wie sie häufig an Bahnhöfen zu sehen ist. Gezeigt wird ein Akteur, der die Schließfächer des Frankfurter Hauptbahnhofes nach vergessenem Kleingeld absucht. Durch das Kontrollieren jedes einzelnen Geldfaches entsteht eine Art Schlangenbewegung, die seinen Bewegungsablauf rhythmisch strukturiert und ihn in Kontrast zu den ungeordnet und zufällig vorbeilaufenden Passanten setzt. Zudem wird die Handlung durch das Öffnen der Geldfächer mit einer akustischen Konstante unterlegt, die an einen industriellen Rhythmus erinnert und auf die Maschinenwelt in Charles Chaplins Film «Modern Times» verweist, dessen Titel Brand modifiziert übernimmt. Während jedoch in Chaplins Film das Zahnrad als Sinnbild der Industrialisierung fungiert, steht in Brands «Cubic Times» der Kubus als Symbol für die Digitalisierung im Zentrum. Brand setzt somit vor allen Dingen den Fokus auf die formale Ausrichtung. Deutlich wird dies durch die lineare Anordnung der Schließfächer, die durch die rhythmischen Bewegungen des Geldsammlers durchbrochen wird. Die gewählte Bildeinstellung lässt den Performer zu einem Tänzer auf der urbanen Bühne werden. Als Antiheld setzt er sich durch seine rituellen Handlungen von seiner Umwelt ab und macht sich den öffentlichen Raum zu eigen.

Christin Müller

RUBEN AUBRECHT

(…) Ruben Aubrecht stellt durch das Medium Video Fragen an das Medium Video. Sein Ansatz ist aber nicht darauf ausgelegt, das Spezifische der künstlerischen Ausdrucksform in den Vordergrund zu rücken und dadurch Autonomie zu behaupten. Im Gegenteil, er konfrontiert die Schwere einer medienreflexiven künstlerischen Praxis mit leichtfüßiger Alltäglichkeit: Defekt (2006) steht auf einem handgeschriebenen Zettel, den er mit einem Klebestreifen im Zentrum des Bildschirms anbringt. I was here (2008) kritzelt er ähnlich beiläufig mit einem weißen Permanent-Stift auf die verführerisch schwarz-glänzende Oberfläche des Monitors und schreibt sich damit selbst in sein Medium ein. Nicht das Papier, auch nicht die Farbpigmente des Stiftes erscheinen auf dem Bildschirm, es sind Videobilder dieser Realitäten, die zu Metabildern der künstlerischen Videopraxis werden.

Die Ästhetisierung des Lebens, die der Künstler durch Störmomente und Momente der Verstörung zu forcieren sucht, spinnt er in Re-flexionen über sich wiederholende Muster des Künstleralltags weiter. Rechnung Nr. 02 – Auftragsarbeit (2009) lautet der pragmatische Titel eines mit Bleistift fein säuberlich imitierten Kassa-Bons über den Betrag von 1000 Euro – der Rechnungsleger: Ruben Aubrecht. (…)

Franz Thalmair

Abb. li.: Maureen Kägi, »Reflexion 1«, 2011, Foto, 53 x 85 cm
Abb.mi.: Jan Brand, Still aus »Cubic Times«, 2009, HDTV Video Loop, 3.09 min
Abb. re.: Ruben Aubrecht, »O.T.«, 2006, miniDV, Farbe, stumm, 3‘00 min


MELANIE GROCKI
* 1983 in Essen, lebt und arbeitet in Stuttgart, 2003-2006 Studium der freien Kunst an der Akademie der bildenden Künste Nürnberg in der Klasse für Malerei, freie Grafik und Objektkunst bei Prof. Rolf-Gunter Dienst, 2006-2009 Studium der freien Kunst an der Akademie der bildenden Künste München bei Prof. Gerhard Merz, 2008 Künstlerische Assistentin von Anna Leonie, München

Ein Weltbild wird in erster Linie durch eine spezifische Haltung bedingt. Jeder Mensch befindet sich in einer ständigen Befragung und Auseinandersetzung, mag die Welt ihm als erfahrbare Wirklichkeit entgegentreten oder sich aus Ideen und Erkenntnissen zusammensetzen. Diese kontinuierliche Arbeit an einer Haltung zur Welt und das Ringen darum, sich von dieser ein Bild zu machen, beschreibt das grundsätzliche Tun eines Künstlers.

Das besondere Interesse Grockis gilt vor allem den Bedingungen und Begrenzungen, denen diese Welterschließung unterliegt. Die Beobachtung und Enträtselung unserer Umgebung ist von Beginn an geprägt durch die Filter der sinnlichen Wahrnehmung und die kognitive Interpretation. Alle Erkenntnisse zum Denken und Wahrnehmen zeigen, dass Gedanken das Ergebnis des komplexen Zusammenspiels einer Unmenge untergeordneter einfacher Elemente sind und dass das Ineinandergreifen von Verknüpfung, Synchronisation und Relation auf verschiedenen Ebenen unsere geistige Tätigkeit ausmacht. Sich ein Bild von der Welt zu machen bedeutet in diesem Zusammenhang Struktur und Rhythmus zu finden, Ordnungsprinzipien zu entwickeln und eine Art dynamische Kartographie zu entwickeln. Abweichungen und Regelbrüche stellen die Möglichkeit einer endgültigen Lösung jedoch immer wieder in Frage.

Dieses System von Wechselwirkungen wird in den Zeichnungen nachgespürt. Tinte oder Aquarellfarbe, sowie ein Bogen Papier und ein reduzierter Formenkatalog dienen dabei als Material komplexe Konstellationen auf begrenzter Fläche zu entwickeln.

ESTHER ERNST * 1977 in Basel, lebt und arbeitet in Solothurn und Berlin, 1997-1999 Grundstudium an den Schulen für Gestaltung in Zürich und Basel, 2000-2001 Studium Kunst und Bühnenbild an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg, 2001-2005 Studium Bühnenbild an der Universität der Künste Berlin, 2005/06 Meisterschülerin, Stipendien in der Schweiz, in Argentinien, Deutschland und Südafrika

»Atlas (Arbeitstitel)« besteht aus 16 frei kombinierbaren Zeichnungen, deren Ausgangspunkt mit dem »South African Book of the Road« von 1988 ein Nachschlagewerk ist, das neben Straßenkarten bebilderte Informationen über die Pflanzen- und Tierwelt, landesspezifische Wohn- und Industriearchitekturen, traditionelle Bekleidungen und Siedlungsformen verschiedener Volksstämme Südafrikas etc. enthält.

Unter Verwendung verschiedener Zeichentechniken praktiziere ich in dem mehrteiligen Werk ein Verfahren assoziativer Gedankenschichtung, das lexikalisches Material mit persönlichen Erinnerungen, Beobachtungen und Erlebnissen meines Südafrika-Aufenthalts in 2008 konfrontiert.

MORITZ FREI

Die laufende Reihe Kunstwerk des Tages, zeigt zufällig entdeckte Objekte und spontane Konstruktionen. Der Titel spielt mit dem Zeitungsjargon und der Intellektualität. Die Erwartung entsteht, dass eine kritische Auseinandersetzung mit Kunst als Massenware folgt. Jedoch wird das in den Arbeiten selbst nicht thematisiert. Stattdessen zeigen sie Objekte, Installationen und Ausschnitte aus Freis Alltag, die oft mit dem Titel kombiniert, ein erstes Schmunzeln erzeugen. Man ist geneigt, die Wahrnehmung der Arbeit abzubrechen, jedoch fällt die ästhetische Raffinesse in der Konstruktion oder Beobachtung ins Auge, welche die Grundfrage nach der Situation des Humors in der Kunst stellt.

Ähnlich verhält es sich mit den Pisastudien. Die Erwartung eines kritischen Themas wird evoziert. Zu sehen bekommt man eine Postkarte des schiefen Turms von Pisa, welcher durch die Neigung des Passepartouts begradigt wird. Dieser Eingriff in das gewohnte Bild des Turmes, kombiniert mit dem Titel, der sich an die Diskussion um Bildung knüpft, zeigt wie schnell man tiefen Sinn heucheln kann. Diese Technik der Kombination einer schweren Bedeutung mit einem Bild, dass diese nicht einlöst, ist was die Arbeiten verbindet. Sie sind kritisch und ohne Zynismus.» (Leszek Stalewski)

Abb. li.: Melanie Grocki, »O.T. (v13)«, 2010, Aquarell auf Papier, 232 x 150 cm
Abb. mi.: Esther Ernst, »Atlas (Arbeitstitel)« Detail
Abb. re.: Moritz Frei, Beispiel aus der Fotoserie »Pisastudie«


DIANA KÜHN
* 1974 in Bad Langensalza/Thüringen, lebt und arbeitet in Kassel, 1991-1997 Friseurin, 2000 Abitur, 2002-2003 Ausbildung zur Gestalterin im Handwerk, Werkademie für Gestaltung, Kassel, seit 2004 Studium Visuelle Kommunikation und Fotografie bei Prof. Bernhard Prinz an der Kunsthochschule Kassel,

Die Pubertät ist die Zeit der Turbulenzen, Schwankungen und der Selbstfindung, die Zeit, in der man unsicher ist und Selbstzweifel hegt. Hormone überschwemmen den Körper, Stimmungschaos, Überschwang und Weltschmerz gehören zur Tagesordnung. Die Pubertierenden sind sich immer wieder selbst fremd, einem ICH ausgeliefert, das sich ständig ändert.

Das zunehmende Konsumverhalten, der ständig steigende Leistungsdruck und die medialen Beeinflussungen erschweren die Suche nach der eigenen Identität. Umso wichtiger ist für die Jugendlichen das Suchen und Ausprobieren der passenden Rolle in der Gesellschaft. Oft stellen sie dar, wer sie sein möchten und imitieren andere Identitäten und versuchen so, ihr wahres Wesen zu verbergen.

Für mich ist das Thema des Heranwachsens von besonderem Interesse, weil genau durch diese Vorgaben und den Druck der Gesellschaft, sowie das wachsende Verständnis der Eltern, es den Kindern in der heutigen Zeit sehr viel schwieriger gemacht wird, sich über die eigene Identität klar zu werden. Oft können sie die Kindheit nicht mehr richtig ausleben und werden viel früher erwachsen. Die Jungen aus meiner Serie zeigen sich besonders gern cool, lässig, selbstbewusst, bedienen sich der Codes, die in unserer Gesellschaft für Männlichkeit stehen. Dahinter steckt kindliche Unsicherheit und Verletzlichkeit. Dies offenbart sich insbesondere im Kontrast zwischen selbstbewusster Haltung und unsicherem Blick.

DIRK MÜGGENBURG * 1977 in Buchholz lebt und arbeitet in Berlin, 1999-2005 Studium Kommunikationsdesign und Fotografie bei Prof. Ute Mahler an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Hamburg, 2004 Auslandssemester an der Bezalel Academy of Art and Design Jerusalem, Israel, 2005 Diplom an der HfAW, Hamburg

Koalition kurios

Man sieht eine aus dem Supermarkt stammende Rose hinter einer im Wattenmeer gesammelten Auster, einen zerbrochenen Wecker zusammen mit Sprotten, eine Rinderbein-Scheibe neben einer unversehrten Wassermelone.

Mit den Bildern dieser Serie versuche ich Kategorien und Genre in Frage zu stellen. In Stillleben arrangiere ich Dinge unterschiedlicher Herkunft, Materialität und Charakteristika miteinander. Dabei folge ich keinen tradierten Vorstellungen, sondern suche intuitiv und spielerisch nach neuen Kombinationen. Als Fotograf begebe ich mich dazu in eine Perspektive, in der die Objekte beginnen von ihrer Herkunft befreit und ihrem trivialen Zweck enthoben zu erscheinen.

Ich spüre dem naiven Charme der Einzelteile nach, der verborgen liegt unter tradierten Bedeutungen und Gebräuchen und suche nach Gegenstücken. Gelingt es die Normen des Alltags zu dekonstruieren, entstehen mit den Stillleben Koalitionen, von denen eine Atmosphäre fremdartiger und unkonventioneller Schönheit ausgeht.

CLAUDIA SCHMITZ * 1975 in Mainz, lebt und arbeitet in Köln, 1994-1996 Studium an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz mit Schwerpunkt Filmwissenschaft und Kunstgeschichte, 1996-1999 Studium der Bildenden Kunst und Mathematik an der Universität Köln, 1999-2006 Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln, Fächergruppe Medienkunst. Diplom im Bereich Audivisuelle Medien (summa cum laude) bei Prof. Valie Export, Prof. Peter Zimmermann, Prof Marie-Luise Angerer, Susanna Schönberg, seit 2006 Medienkünstlerin

Gestanzte, genähte, gemalte, gezeichnete, durchlöcherte, erhabene, durchbrochene, übermalte Linien finden sich in meinen Arbeiten. Auch entstehen Linien nur durch in Wachs implantierte Haare. Aus der Ferne wirken diese Arbeiten wie eine Zeichnung, von nah werden die einzelnen Haare sichtbar und die flächige Zeichnung wird zum Raum.

3D-Zeichnungen treten aus dem Monitor und rücken in den Raum zwischen Werk und Rezipienten – tauchen ein in den Körper des Betrachters – erweitern das Haut-Ich.

Geprägte, in Papier eingelassene farblose und mit Tinte gezogene Linien tauchen auf. Das Spiel zwischen sofort sichtbarer Linie und nur bei bestimmten Blickwinkeln wahrnehmbarer erzeugt Spannung.

Die Linie entsteht aus einem sich durch den Raum bewegenden Punkt – das Körperbild entsteht durch Erleben eines Lebewesens im Raum – im tatsächlichen, sozialen, virtuellen… Raum – der Körper erfindet sich ständig neu. ‚Avatare’ beschreiben das Dazwischen und den möglichen Verlust oder Verzicht des vorherigen Zustandes.

„Mediale Anordnungen […] sind Ein- und Ausrichtungen, die den psychischen »Eigen-Raum« in gedoppelter Bewegung flankieren.Sie bilden einen Rahmen, sie geben Halt, sie richten ein, um das drohende »Aus-dem-Bild-Fallen« zu verhindern. Gleichzeitig jedoch – mit ihrem Angebot, Teil des Bildes zu werden – oszillieren sie auf dem schmalen Grat zwischen einem leeren und einem vollen Körperbild.“

Abb. li.: Diana Kühn, »O.T. (# 3)«, 2010, Pigmentdruck, 80 x 50 cm
Abb. mi.: Dirk Müggenburg, »The Insomniac«, 2010, Foto auf Alu-Dibond, 21 x 30 cm
Abb. re.: Claudia Schmitz, Beispiel aus der Serie »avatare« (Detail)


ANITA TARNUTZER

In ihrer Videoarbeit «Die zweite Nacht» hat Anita Tarnutzer die Blitze eines Gewitters übereinander montiert. Das Gewitter wird so manipuliert, dass es an einer Stelle verweilt. Ein immer wiederkehrender Blitz scheint in die kleine Zivilisationsanhäufung einzuschlagen, die allein durch Lichtpunkte anwesend ist. Anita Tarnutzer nimmt eine minimale Verschiebung vor und schafft so etwas Monströses. Ein Blitz der an derselben Stelle einschlägt erscheint uns als gerichtetes Werkzeug und lässt uns an alte Weisen denken.

Eine Videoaufnahme funktioniert für Anita Tarnutzer als Material wie Gips. Ihre Filmarbeit «Via» setzt sich zusammen aus Übereinanderschichtungen von Aufnahmen einer Autofahrt von Berlin nach Hammerfest, in Norwegen. Als geometrische Konstante zittert die Straße zentriert im Bild. Landschaften bauen sich rechts und links von ihr auf. Gleich Pinselstrichen erscheinen Bäume, Wälder, Brücken, Wiesen und LKWs. Die Tonspur, das Kratzen einer festhängenden Plattennadel, unterstreicht die Idee des fortschreitenden Stillstands. Alles überlappt und erzeugt ein Gefühl des permanenten Dazwischen.

Anita Tarnutzer schafft es in ihren Arbeiten Spuren der Realität so zu bearbeiten, dass sie der Zugang ins Imaginäre werden.

Nina Hoffmann

IRENE WEINGARTNER * 1971, lebt und arbeitet in Zürich, 1994-1996 – Gestalterischer Grundkurs an der Gestaltungs-schule Farbmühle, Luzern, 1996-1999 Studium der Bildenden Kunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst, Luzern, 1998 Gastsemester bei Prof. Maria Vedder, Universität der Künste, Berlin, 2000-2001 MA Fine Art am Chelsea College of Art & Design, London

Seit über vier Jahren beschäftigt sich Irene Weingartner intensiv mit der Frage, wie von Augen unsichtbare Signale, Impulse oder Energien des Körpers aufs Papier übertragen werden können. Diese Meldungen wandern vom Körper zum Hirn, werden dort zum Arm und zur Hand weitergeleitet bis sie dann via Bleistift aufs Papier gebracht werden. Beim ersten Blick trifft man auf ein scheinbar geordnetes Chaos von kurzen und langen Strichen, starken und schwachen Punkten und Linien, die sich überkreuzen und überlagern, einzelne Teile weisen Verwischungen und Ausradierungen auf. Zusammen erzeugen sie eine Räumlichkeit, die Assoziationen eines unbekannten Universums hervorrufen. Diese Aufzeichnungen bedingen ein längeres Verweilen, jedoch ist keine festgesetzte, nach Regeln aufgesetzte Ordnung resp. ein gemeinsames Sprachsystem auszumachen. Es stellt sich eine Art Orientierungslosigkeit ein. Man versucht sich mit Assoziationen auszuhelfen und erinnert sich an naturwissenschaftliche Visualisierungstechniken.

Irene Weingartner nennt diese Arbeiten Seismographische Aufzeichnungen. Jede trägt eine fortlaufende Nummer und versteht sich als eigenständige Arbeit. Der Künstlerin ist es wohl im Laufe des Arbeitsprozesses ähnlich ergangen, der Wunsch nach einer Lesehilfe, nach einer Anleitung wie man diese Aufzeichnungen lesen, verstehen, einordnen kann. Inspiriert durch Bachs mathematisch geprüften Kompositionen und John Cages Notationen, begann sie sich allmählich vor der Aufzeichnung eines Rastersystems zu behelfen. Dieses ist auf der Seismographischen Aufzeichnung (Signale Nr.26) mit einer Unzahl von verstreuten Punkten und Linien zu erkennen. Ausgehend von derselben Vorgehensweise, konzentrierte sie sich schliesslich auf Signale, die von der Umgebung ausgehen und nicht wie vorher vom Körper. Diese Aufzeichnungen führt sie mit Pinsel und Tusche aus, wie die Aufzeichnung (Signale Nr. U_02) zeigt.

Bettina Kaufmann

TOBIAS WOOTTON * 1981 in Filderstadt, lebt und arbeitet in Karlsruhe, 2003-2009 Studium derMedienkunst an der HFG/ZKM Karlsruhe, Abschluss mit Diplom bei Prof. Mischa Kuball, Prof. Elger Esser, Prof. Armin Linke, Prof. Suzanne van de Ven, 2008-2010 Master of Fine Art, Studium an der Glasgow School of Art, Abschluss mit Master of Fine Art 2010

Tobias Wootton visualisiert in seinen fotografischen Arbeiten Infrastrukturen, die vom Prozess der Nutzbarmachung unserer Umwelt erzählen. Dabei geht es dem Künstler nicht in erster Linie um die Dokumentation der jeweiligen Orte und Situationen – Fragen nach der genauen Örtlichkeit, nach Funktion und letztendlich auch nach Wirklichkeit bleiben unbeantwortet –, vielmehr stellt Tobias Wootton ein detailreiches Bildgefüge bereit, welches als visueller Rahmen für eigene Interpretationen dient. Er lädt den Betrachter ein, die gezeigten Szenerien auch über deren Bildrand hinweg zu adaptieren und miteinander zu verbinden.

Dem Betrachter eröffnen sich neben Landschaftsaufnahmen, wie einer imposanten Doppel-Talsperre oder einem alpinen Transitweg, auch Interieuransichten wie die eines im Bau befindlichen Luxusliners oder eines auf den ersten Blick höchst banalen Munitionsbunkers. Eindrücklich auch das Portrait eines einfachen weißen Trucks, Inbegriff des internationalen Güterverkehrs.

Besonderes Merkmal ist der Modellcharakter, der Woottons Bildern inne wohnt. Gerade in einer Zeit, in der CGI allgegenwärtig ist und wir längst gelernt haben, fotografischen Bildern zu «misstrauen», kreiert und platziert Tobias Wootton seine unmanipulierten Fotografien ganz bewusst im Spannungsfeld zwischen Dokumentation, Inszenierung und digital generiertem 3D-Rendering und hinterfragt damit die Grenzen zwischen Realität und Fiktion.

Abb. li.: Anita Tarnützer, »Die zweite Nacht«, 2008, Videoloop
Abb. mi.: Irene Weingartner, »O.T. (curved bridge)«, 2009, Lamdaprint auf Aludibond, 60 x 90 cm
Abb. re.: Tobias Wootton, »Seismographische Aufzeichnung (Signale Nr. 26)«, 2009, Blstft./Papier, 110 x 150 cm


IM DESIGNHAUS DARMSTADT AM EUGEN-BRACHT-WEG

Veranstaltungsort:

Designhaus Hessen
Eugen-Bracht-Weg 6, 64287 Darmstadt, Deutschland

Veranstalter:

Darmstädter Sezession
Ist Teil der Ausstellung
07.08.2011 – 31.08.2011
07.08.2011
VIELFACH VERORTET
von Darmstädter Sezession (Hg.)
Preisbewerber

Ruben Aubrecht
Jan Brand
Esther Ernst
Moritz Frei
Melanie Grocki
Maureen Kaegi
Diana Kühn
Dirk Müggenburg
Claudia Schmitz
Anita Tarnutzer
Irene Weingartner
Tobias Wootton