Ausnahmezustand II

Zum zwanzigsten Mal hatten wir im Vorjahr auf dem Gelände an der Ziegelhütte das exerziert, was dort seit dem Jahr 1973 in …

36. Jahresausstellung

Vielfach Verortet – Teil 1

07.08.2011 – 31.08.2011

Zum ersten Mal widmet sich die Sezession in ihrer diesjährigen Ausstellung dem Schwerpunktthema Video · Foto · Installation sowie Zeichnung. Anders als in den letzten Jahren, ist die Ausstellung bewusst thematisch offen gehalten. Es wird interessant zu sehen sein, inwiefe sich allein durch den Einsatz der Medien ein thematischer Schwerpunkt ergibt. Dabei soll die Ausstellung keine auf Einzelpräsentationen basierende Leistungsschau sein. Stattdessen wird aufgezeigt werden, mit welchen künstlerischen Methoden und Strategien sich Künstler heute beschäftigen und welche virulenten Fragestellungen sie dabei aufgreifen.

Auch die räumliche Situation ist neu. Turnusmäßig würde die Darmstädter Sezession mit ihrer Jahresausstellung 2011 in den Ausstellungshallen des Instituts Mathildenhöhe gastieren. Da wegen der Sanierungsarbeiten, die Räume aber in diesem Jahr nicht zur Verfügung stehen, wird die Ausstellung auf 4 Ausstellungsorte innerhalb Darmstadts verteilt. So können vielfältige künstlerische Ausdrucksweisen präsentiert werden, die jedem Ort in konzentrierter Form ein eigenes »Gesicht« geben.

FOTO UND INSTALLATION

Ateliers im Museum Künstlerkolonie


RANIL BEYER

6 Fotografien aus der Serie »Lithosphären«, 2010, je 60 x 90 cm


MARTIN BRÜGER ALS GAST * 1965 in Amorbach,lebt und arbeitet in Darmstadt, 1988-1994 Kunststudium an der Hochschule der bildenden Künste Kassel bei Dorothee von Windheim und Urs Lüthi, 2000-2001 Lehrauftrag an der Kunsthochschule Kassel, 1995-1997 Charlotte-Prinz-Stipendium, Darmstadt, 1998-1999 Arbeitsstipendium der Hessischen Kultur GmbH, 2007 Projektstipendium des Kunsthaus Kloster Gravenhorst

Ausgangsbasis für meine Objekte, Fotoarbeiten und Installationen sind z.B. architektonische Räume und Gegenstände, die uns ganz selbstverständlich im Alltag begegnen.

Durch einen Kontextwandel und die Befreiung des Gegenstandes von erwarteten Benutzbarkeiten z.B. durch Zerteilen und der Einfügung von fremden Formelementen, eröffnet sich ein neuer Blick auf die Unbekanntheit des Gewöhnlichen.

Was passiert bei dieser Art der Bearbeitung? Die Informationsdichte wird auf ein Maß reduziert, das knapp unterhalb der Schwelle liegt, ab der Dinge gewöhnlich erkannt und benannt werden können. Genauer betrachtet gibt es Details, die wir in bekannte Erkennungsschemata einordnen können, während andere Details (die künstlerischen Eingriffe) eine Fährte zu anderen Kontexten legen. Durch diese Irritation werden Fragen aufgeworfen, die sowohl die Natur des Gegenstandes, als auch die des Blicks darauf beleuchten.

Die Wahrnehmung eines Objekts beinhaltet sowohl individuelle Abstraktionsprozesse (aufgrund der Überfülle von Reizen), als auch Assoziationsprozesse (aufgrund von Mangel an Reizen). Somit generiert sich Wirklichkeit nicht unabhängig vom Betrachter, sie ist vielmehr ein Konglomerat aus in Wechselwirkung stehenden inneren und äußeren Bildern. Sehen ist Gestalten. Wir entscheiden unwillkürlich in jedem Moment, wie uns die Dinge erscheinen und verwechseln gleichzeitig diese Projektion mit der Annahme, die Dinge, in dem was sie wirklich sind, erfasst zu haben.

Martin Brüger

»Tefal 3«, 2006, Teile einer Joghurtmaschine, MDF hochglanzlackiert, 22,0 x 22,0 x 28,0 cm


UTE DÖRING ALS GAST * 1958 in Dresden,lebt und arbeitet in Darmstadt, 1979-1984 Studium der Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig
1984-1989 Management in einer Künstleragentur in Leipzig, 1990 Arbeitsstipendium des Landes Schleswig-Holstein, 1997-1998 Ausbildung als »MultiMedia-Autorin«, 2002 Förderstipendium Stiftung »Klärwerk« Darmstadt

Die Fotos entstanden in der Demilitarisierten Zone (DMZ) an der Grenze von Süd- zu Nordkorea, von wo aus man in den nördlichen Teil des Landes blicken kann. Die Arbeit kombiniert die Fotos aus der DMZ mit Postkarten aus der ehemaligen DDR. Diese Städteansichten stehen symbolisch für das Gesellschaftsmodell der DDR. Die Überlagerungen der Bildmotive führen den Betrachter aus dem Südkorea der Gegenwart in die Vergangenheit des realen Sozialismus. Die Bildmontagen sind einerseits Blicke in eine vergangene Zeit – in ein Land, das ebenso geteilt war, diese Teilung politisch aber überwunden hat. Die sozialistische Idealisierung der Postkartenmotive wiederum ist ein Verweis auf und in die Zukunft dieses von Nordkorea vertretenen Ideals einer Gesellschaft.

In den Fotomontagen berühren sich Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges, wie auch die DMZ einen solchen Schnittpunkt der Zeiten repräsentiert.

Aus der 16teiligen Serie »Sehnsucht III. Nord Süd – Ost West«, 2009, Digitaldruck auf Metall, je 50 x 75 cm


LUKAS EINSELE ALS GAST * 1963 in Essen,lebt als freier Künstler und Fotograf in Darmstadt, Studierte, ehe er sich der Fotografie zuwandte, Literaturwissenschaften und Philosophie in Berlin, Seit 1991 Künstleratelier der Stadt Darmstadt, Stipendien u. a.: Kunstfonds, Akademie Schloss Solitude, Hessische Kulturstiftung, Sein Projekt »One Step Beyond – Wiederbegegnung mit der Mine« (2001-2008) wurde weltweit ausgestellt; das Buch zum Projekt erhielt den Karl-Hofer-Preis der UdK, Berlin sowie den Deutschen Fotobuchpreis, Aktuell arbeitet Einsele an einem Projekt über Streumunition

»Sprengstoff, Kabul/Afghanistan, November 2002.«, Diasec, Ed. 3, 90 x 70 cm


BARBARA EITEL

»Teerhof Nr. 40«, 2005, Objekt, hängend, Seitenansicht, Holz, Lasur, 100 x 180 x 20 cm


MARGARETA HESSE

… Neun gleißend rote Laserstrahlen schossen dort knapp 20 cm über der spiegelnden Wasseroberfläche in die dunkle Tiefe des Zweckraumes, der für die Besucher für die Dauer der Ausstellung geöffnet und begehbar wurde. Rational betrachtet, schienen die Laserstrahlen die Breite der Raumfluchten zwischen den mächtigen Bogenpfeiler des alten Funktionsbau bis in die Tiefe seiner Rückwand zu vermessen und zu erkunden. In Kombination mit der dunstig-feuchten Raumatmosphäre sowie der besonderen Akustik der von den Besuchern erzeugten Wellenbewegungen des klaren Wassers und der wabernden Wasserspiegelungen facettierte sich das streng geordnete und geometrisch gegliederte Raumbild jedoch. Es entstand dabei in vielfacher Hinsicht ein ganz außergewöhnlicher Erfahrungsraum und einmaliger Erlebnisort für ‚Reflexionen‘. (…) Ihre temporären Laser-Installationen überdauern als Werke lediglich in der Erinnerung der Besucher sowie in den Dokumentationen aus Wort und Bild, die aber eine eigene, sekundäre Wirklichkeit besitzen und dem direkten körperlichen und kognitiven Erlebnis nie ganz gerecht werden können. Räumlich-zeitliche Wahrnehmungen und emotionale Erfahrungen des in dreidimensionale Installationsräume mit allen Sinnen eintauchenden Publikums werden zu zweidimensionalen Bildern verflacht. Gleichwohl demonstrieren sowohl fotografische Installationsansichten als auch Videofilme, wie sie die Künstlerin für ihre Serie der „lichtschneisen“ produziert und in Katalogen reproduziert, anschaulich wie hier die darstellenden Künste mit den performativen kongenial konvergieren. Der Ausstellungsbesucher selbst wird in Margareta Hesses Laserlichträumen nicht nur zum Partizipienten, sondern auch zum aktiven Akteuer und Performer.

Auszug aus dem Katalogtext «Laser.Licht.Räume» von Pamela C. Scorzinprint

»Lichtschneise V«, 2011, Leuchtkästen, Lambdaprint


MONIKA GOLLA ALS GAST UND NIKOLAUS HEYDUCK

Monika Golla, * 1966 in Bytom/Polen, Studium der Kunstgeschichte an der J. W. Goethe Universität Frankfurt a. M., Schwerpunkt Film und Video, Studium der Visuellen Kommunikation – Audiovisuelle Medien an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach a. M., Arbeitsstipendium Universitätsstiftung Augsburg, Aufbaustudium Fotografische Konzepte bei Rudolf Bonvie, seit 1996 zahlreiche Ausstellungen und Installationen im In- und Ausland

Pflanzliches Öl wurde bereits in der Antike als Heilmittel und Kosmetikum genutzt. Arganöl, das sogenannte Flüssige Gold Marokkos, ist eines der seltensten und teuersten Öle der Welt. Es wird aus Früchten des Arganbaumes gewonnen, welcher vom Aussterben bedroht ist. Öl war den Etruskern und später den Römern heilig und beleuchtete ihre Tempel. Neben Brot, Wein und Wasser gehört Öl auch zu den Grundsubstanzen der christlichen Liturgie. Es ist eines der vier Elemente der Schöpfung, aus denen der Kosmos der Sakramente gebaut ist. Öl steht für den Heiligen Geist. Es ist Nahrung und Medizin, es gibt Schönheit und Stärke für den Kampf.

Erdöl ist ein wertvoller Energieträger und darüber hinaus heute die wesentliche Grundlage der chemischen Industrie. Kaum ein Produkt unserer Konsumgesellschaft kommt ohne Erdöl-Erzeugnisse aus. Die Förderung des Öls zerstört das Gefüge der Ökosysteme und beeinträchtigt die Nahrungsketten. Bei der Erdöl- und Erdgasförderung fallen zudem jährlich Millionen Tonnen radioaktiv verseuchte Rückstände an. Die Abhängigkeit von der Öl-Industrie steigt weiter, doch die Vorräte in der Erdkruste sind endlich und werden in wenigen Jahren nicht mehr ausreichen. Was auf lange Sicht bleiben wird, sind die Abfälle. In manchen Meeresregionen gibt es schon heute mehr Schwebteilchen aus Plastikmüll als Plankton.

Die Installation „Öl“ besteht aus einer variablen Zahl im Raum angeordneter Klangskulpturen. Jede verbindet ein Ölkännchen, ein sichtbar montiertes Lautsprecherchassis und einen Sockel, der mit schwarzem Hochglanzlack überzogen ist. Jede dieser Skulpturen gibt einen eigenen Klangablauf wieder. Das Material hierzu wurde ausnahmslos aus elektroakustischen Ableitungen des Wortes „Öl“ entwickelt. Quellen dafür waren TV- und Radioberichte über Evolution, Religion, Politik, Unterhaltung, Wirtschaft und schließlich Nachrichtensendungen und Katastrophenberichte. So wie der Rohstoff Öl für die petrochemische Industrie tatsächlich die Basis zur Synthetisierung vielfältigster Kunststoffe darstellt, dient hier der Klang des Wortes als Grundlage für ein breites Spektrum an auditiven Umgestaltungen. Diese geben Raum für unterschiedlichste Assoziationen, etwa an Motor-, Glocken- oder Pumpgeräusche, und bilden wiederum das Ausgangsmaterial für die Gesamtkomposition.

»Öl (Version 2)«, zwölfteilige Klanginstallation, 2010/11,
MDF hochglanzlackiert, Lautsprecher-Chassis, Ölkännchen, Elektronik, ca. 25 qm, Höhen zw. 112 und 220 cm


SIEGFRIED KREITNER

Ausgehend von kinetischen Körpern in Verbindung mit Licht erforscht Kreitner in seinen Arbeiten die Themen Bewegung und Raum. Die Gehäusewände seiner Skulpturen öffnen und schließen sich kinetisch und kaum merklich. Dabei tritt das lichtgefüllte Innenleben der Körper zutage. Die sich bewegenden Körper erwecken den Anschein, als wolle sich das Licht Raum verschaffen und ausbrechen. Im Bestreben, den engen Behälter zu verlassen, gelingt es dem Licht immer wieder, wie Luft an den Gehäusekanten zu entweichen, sich im Raum zu entfalten und mit dem Raum und dem Betrachter auf unmittelbare Weise zu kommunizieren. Kreitner thematisiert und untersucht in seinen Arbeiten den Moment der sich in den Raum ausweitenden Bewegung.

Meine minimalkinetischen Arbeiten setzen sich aus Elementen der Bewegungserzeugung, -übertragung und visuellen Vermittlung zusammen.

Diese Kausalkette von Motor – Getriebe – Nockenscheibe – Linearlager – Stößelstange – bewegte Masse oder bewegtes Leuchtelement ist eine unveränderbare Kette, die dem Ziel der Erzeugung und Wahrnehmbar-Machung eines in vier Himmelsrichtungen gleichwertigen, minimalen Bewegungsablaufes dient.

Wie sich die Aufgabe des Architekten darauf beschränken sollte, unter den gegebenen topographischen, sozialen und technischen Bedingungen, bei geringstem Aufwand optimale Raum- und damit Lebensbedingungen für seine Mitmenschen zu organisieren, fokussiert sich meine Arbeit auf die nachvollziehbare Anordnung dieser Elemente zur optimalen Erfüllung ihres Zwecks.

Das Erscheinungsbild der Arbeiten erwächst einer konstruktiv architektonischen, nicht einer bildhauerischen Arbeitsweise.

Siegfried Kreitner

»I 2011«, 20 bis 23 x 20 bis 23 x 210 cm, Aluminium,
5 E-Motore 3 U/min, Neonsystem, Farbfolien mit Neonkante (Deatail)


WILLES MEINHARDT

»Shadow II«, 2002, Farbdruck auf Aludibond hinter Diasec, 66 x 78 cm

ANNEGRET SOLTAU

»Female Hybrids« 1-13, 2002/2008, Digitalisierte Fotofragmente in Digiframe, je 30 x 40 cm

Veranstaltungsort:

Museum Künstlerkolonie
Olbrichweg 13, 64287 Darmstadt, Deutschland

Veranstalter:

Darmstädter Sezession
Zugehörige Veranstaltungen
07.08.2011 - 31.08.2011
07.08.2011 - 31.08.2011
17.08.2011 - 31.08.2011
13.08.2011 - 31.08.2011
03.08.2011
Ausnahmezustand II
von Horst Dieter Bürkle
03.08.2011
Grußwort
von Jochen Partsch, Oberbürgermeister der Wissenschaftsstadt Darmstadt
03.08.2011
Ausnahmezustand
von Horst Dieter Bürkle
07.08.2011
VIELFACH VERORTET
von Darmstädter Sezession (Hg.)
Gastkünstler

Martin Brüger
Ute Döring
Lukas Einsele
Monika Golla
Christoph Zdzuj