32. Jahresausstellung - Lucinda Devlin · Peter Hendricks
Sonderausstellung »Corporal Arenas« und »Sehsüchtig Sehnsüchtig«

Darmstädter Sezession

… TO THINK SO BRAIN-SICKLY OF THINGS

Von Rainer Lind – 25.04.2003

Künstlerkritik

»Die Unglücklichen, die der Tod ausgespart hatte… stürzten sich auf die Leichen, von denen das Floß bedeckt war, und zerschnitten sie in Stücke, die einige von ihnen auf der Stelle verschlangen… Als zu sehen war, dass diese abscheuliche Nahrung diejenigen gestärkt hatte, die davon gegessen hatten, kam der Vorschlag, sie zu trocknen, um ihren Geschmack ein wenig erträglicher zu machen.«2

Hoch über einer Berglandschaft ein Galgen – auf einer angelegten Fläche seitlich eingelassen und mit seinem erhöhten Fallboden wie ein Museumsstück umgeben von Abgrenzungspfosten mit Seilen. Steht da wie ein Gipfelkreuz oder Fernmeldeturm, ist vielleicht sogar Ausflugsort für Reisende heute. Der Hängestrick intakt, sofort einsatzbereit?

Auf einer Edelstahlpritsche liegend ein lebloser Frauenkörper, eine Hand, ein Stück Oberschenkel sichtbar. Gänsehaut überzieht den Schenkel, Ansätze von Totenflecken. Daneben liegt ruhig die Hand, kühl wie Marmor. Winzige Einstichstellen von Drogenspritzen. Violett lackierte Fingernägel mit Resten von Nikotin zwischen Zeige- und Mittelfinger. Die Hand und der Schenkel ohne Verbindung, als gäbe es keinen Gesamtkörper und schon gar keinen Menschen dazu. Detailaufnahmen einer Verstorbenen.

Théodore Géricault, Lucinda Devlin, Peter Hendricks

Drei Anlässe, drei Beschreibungen.
Die eine hat zu tun mit Théodore Géricaults Gemälde Das Floß der Medusa, das mit seinen kolossalen Ausmaßen von 5 x 7 Metern zuerst im Pariser Salon des Jahres 1819 ausgestellt wurde und heute Teil der Sammlung im Louvre von Paris ist. Zu sehen ist keine fiktive apokalyptische Szene, sondern ein naturalistisches Werk, das sich auf ein wirkliches Geschehen bezieht, auf eine reale, tatsächlich gescheiterte Schiffsreise im Jahre 1816: Ein Vorauskommando zur Erkundung einer von England an die Franzosen übergebenen Kolonie erlitt vor der afrikanischen Westküste Schiffbruch. Hunger, Meuterei, Kannibalismus dezimierten die anfangs über einhundertfünfzig Schiffbrüchigen auf nurmehr fünfzehn. Beamte, Soldaten und Ärzte waren unter ihnen. Berichtet von diesem Ereignis hat – fernab des Geschehens – der Arzt Henri Savigny am 10. September 1816 im »Moniteur Universel«.

Dann Gallows, Le Struthof Concentration Camp, eine Arbeit aus der Fotoserie Corporal Arenas von Lucinda Devlin, die in der Ausstellung auf der Darmstädter Mathildenhöhe zu sehen ist. »Quel beau jardin!« soll Ludwig XIV ausgerufen haben, als er 1681 von der Zaberner Steige auf diesen Teil des Elsass blickte, wo fast 300 Jahre später der Galgen auf dem Struthof, einem KZ-Lager errichtet wurde.

Struthof war nicht die undifferenzierte Vernichtungsmaschine, wie es die Tötungslager im Osten des NS-Herrschaftsbereichs waren. Vielmehr wurden nach Struthof politische Gegner der NS-Diktatur oder der deutschen Besatzer im annektierten Elsass gebracht, aber auch »Randseitige«: Kriminelle, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Zigeuner, Partisanen und natürlich auch Juden. Zahlreiche Gefangene wurden Opfer von Menschenversuchen zu »rassenkundlichen« Untersuchungen und zur Erprobung chemischer Kampfstoffe. Lucinda Devlin entrückt den Galgen visuell der Lagerumgebung und transponiert ihn zu einer denkwürdigen Ikone von Rechtswillkür über den sanften Hügeln des Elsass.3

Und schließlich eine Fotografie von Peter Hendricks aus der Serie Sehsüchtig Sehnsüchtig. Dazu Georg Diez: »Bilder von Frauen sind das, von Drogenabhängigen und Prostituierten, die ihren Körper vor allem dazu benutzen, ihre schwach flackernden Seelen spazieren zu führen: mit Venen, die nur für Drogen gut sind, mit Schenkeln, die zum Geldverdienen taugen, mit Augen, hinter denen es kaum noch Leben gibt. Es sind aber auch Bilder von Männern, oder besser gesagt: vom männlichen Blick, von Begehren und Sex, von Haut und Fleisch.«

Vergänglichkeit und Sterben sind Motive von Reflexionen jeder Kultur. In der Ausstellung auf der Mathildenhöhe wird das Ableben von Menschen auch einmal unter dem Aspekt der Unmöglichkeit zur Diskussion gestellt, das Leben natürlich zu beenden.

Géricault, Devlin und Hendricks beschäftigen sich in ihrer jeweils eigenen Bildsprache mit zeitnahen Geschehnissen, Schicksalen, Lebensumständen. Und dabei gilt: Je näher diese Ereignisse zur Zeit des Betrachters sind, desto fragwürdiger wird die Glaubwürdigkeit ihrer Aussage als Kunstwerke, denn diese Themen werden auch von anderen Informationsmedien zeitgleich in Besitz genommen, verbreitet und kommentiert. Die Medien erzielen flüchtige Betroffenheit und rasante Vergesslichkeit. Der Kunstmarkt aber mit seinen – auch fragwürdigen – Filtern, ermöglicht es, solche Arbeiten in einem Museum zu platzieren. Damit verschafft er ihnen eine Informationsgarantie für mehrere Generationen, auch über unsere gegenwärtige Kultur hinaus.

Peter Hendricks Fotografien sind erschreckende Zeugnisse gesellschaftlicher Wirklichkeit. Er hat die drogenabhängigen Prostituierten in ihrem Umfeld, ihrem Milieu fotografiert – so wie sie leben oder lebten. Von 1994 bis 1998 entstanden seine Bilder in Hamburg, Frankfurt, Berlin und Essen.

Für sein Projekt Sehsüchtig Sehnsüchtig hat Hendricks verschiedene Präsentationsformen gefunden. In unserer Ausstellung sehen wir davon die Farbfotografien, je 37,5 x 30 cm groß. Im Gegensatz zu Géricault, der sein Gemälde aus der Entfernung, aus seiner Vorstellung und dem ihm vorliegenden Bericht entwarf, ist Hendricks gewissermaßen Zeitzeuge und damit direkter Teilhaber und Mitwisser des schicksalhaften Geschehens. Die Methode besteht in der sachlichen, emotionslosen Sichtweise des Fotografen ohne jegliches voyeuristische Pathos. Noch überhöht werden Hendricks Fotoarbeiten durch den Präsentationsort: die Ausstellungshallen auf der Mathildenhöhe in Darmstadt, einer Hochburg des Jugendstils, jener Kunstrichtung zur Verherrlichung der Jugend in Schönheit und der optimistisch naiven Lebenserwartung.

Corporal Arenas ist der Titel der Fotos aus Lucinda Devlins Werkreihe, die jeweils 49,5 x 49,5 cm groß sind. Es werden hier Räume gezeigt, Räume für Menschen, für den menschlichen Körper. Zum einen geht es hier um Krankheit und Heilung: Untersuchungs-, Kranken-, Behandlungs-, Massage- und Operationsräume. Daneben sind aber auch die Räume für den Umgang mit Toten zu sehen: Leichenschauhaus, Autopsie, Bestattungs- und Einbalsamierungsräume.

Es handelt sich um Grenzräume, Kontrollräume, Vermessungsräume. »Die Fotografie-Serie spricht spezifisch die Mythologie an, die die bei der Behandlung des Körpers genutzten Räume, Apparate und Technologie umgibt. Die Geräte wurden ent-worfen, um zu funktionieren, erscheinen dabei aber kühl, imponierend, dominierend. Diese Räume erzwingen Passivität, die uns Angst und Verwundbarkeit fühlen lässt.« (Lucinda Devlin)

Lucinda Devlin führt uns zielstrebig in eine unbekannte, eine vielleicht verdrängte, aber wirkliche Welt, in der wir Menschen als Fremde, als Neophyten wirken und erscheinen. Isoliert und auf uns selbst gestellt, werden wir beobachtet, vermessen, beleuchtet inventarisiert: Die Türen versperrt, die Fenster geschlossen, kein Sonnenlicht, kein Aus- und Einatmen der Tage. Der naturgemäße Wandel der Zeiten scheint aufgehoben.

In den Corporal Arenas könnte jeder «verschwinden«, zunächst noch nicht einmal mit dem Ziel der Zerstörung oder Verletzung. Drogensucht, Krankheit, Unfall, Krieg, dies alles sind Gründe genug, uns mit diesen Wirklichkeiten bekannt zu machen. Die Protagonisten dieser Inszenierungen sind allenfalls – aber deutlich genug – in Spuren gegenwärtig.

32. Jahresausstellung der Darmstädter Sezession, Mathildenhöhe, Darmstadt, 2003
…TO THINK SO BRAIN-SICKLY OF THINGS, Shakespeare, Macbeth, Act 2, Scene 2
(1)cf: Dietmar Schings, Phantasmorgie des Absurden: Theodore Géricaults Bild „Das Floß der Medusa“, Frankfurter Rundschau 2002
(2) cf: Lexikon: Natzweiler / Struthof (KZ), S..1. Digitale Bibliothek Bd. 25: Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 2025
(3) cf also: Georg Dietz / http://www.mkg-hamburg.de/ausstell/02_trien/hendricks.html
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