Darmstädter Sezession

STRICHE GEGEN DAS NICHTS

Von Dr. Roland Held – 17.05.2003

Allgemein

Mathildenhöhe: Die 32. Jahresausstellung der Darmstädter Sezession ist die seit langem stärkste Schau der Vereinigung

DARMSTADT. „Jeder Strich ist ein Streich gegen das Nichts“: Nicht von einem Künstler stammt dieser Satz, sondern vom 1981 verstorbenen Darmstädter Oberbürgermeister Heinz-Winfried Sabais. Im Triumph der Poetenseele über die Beamtenseele glaubt man einen existenzialistischen Unterton herauszuhören, den Trotz des Individuums im Angesicht der Übermacht des Unausweichlichen.
Mit dem Motto ihrer diesjährigen Jahresausstellung „Striche gegen das Nichts“ knüpft die Darmstädter Sezession nicht nur an Sabais an, sondern auch an den Anlass, zu dem er einst den Satz schrieb: die erste von drei Internationalen der Zeichnung, die zwischen 1964 und 1970 auf der Mathildenhöhe stattfanden. Nach gut der Spanne einer Generation befragt die Künstlervereinigung 66 Mitglieder und Gäste, was unter heutigen Umständen alles als Zeichnung durchgehen kann. Herausgekommen ist die sehenswerteste Sezessionsschau seit langem. Trotz unterschiedlichster Ansätze sind Vergleiche möglich, um die Eindrücke und Erkenntnisse des Betrachters zu bündeln.
Diese Vergleiche beginnen schon beim Einsatz des üblichsten zeichnerischen Werkzeugs: des Stifts. Die Aktzeichnungen von Christian Höpfner etwa mögen entstanden sein an der Akademie, wo der Bildhauer lehrt; dennoch überwinden sie das Akademisch-Steife durch Umrissoffenheit, flinke Modellierung und Verzicht auf Unwesentliches. Ganz ohne Volumen zu modellieren, gelangen die Tusche-Landschaften von Helmut Lortz zu ihrer speziellen Beschwingtheit. Konträr dazu die dichten Dickichte, mit denen Wolf Heinecke sich zum Thema Wald bekennt.

Reichen Gebrauch von den Graustufen des Graphit macht Barbara Bredow auf ihrer „Flüchtlingsstrom“-Trilogie. Von glasklarer Transparenz dagegen sind die wie Astronauten in der Schwerelosigkeit des Papierweiß schwebenden Figuren von Karl Willems. Und Hagen Hilderhof, abermals ein Bildhauer, überrascht mit eckig-bizarren Strich-und-Punkt-Konstellationen.

Bis vor einigen Jahrzehnten war eine Ausstellung allein mit Zeichnungen fast undenkbar. Galten sie doch als Vertreter eines dienenden Mediums, Skizze im Zweifelsfall, um ein Gemälde vorzubereiten. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts zog der besondere Reiz einer Zeichnung, eine Idee mit wenigen Strichen zu fixieren, weitere Kreise – bis hin zu der Behauptung, nur das spontan hingeworfene, kürzelhaft freie Minimum von künstlerischer Notation sei dem Begriff von Zeichnung adäquat. In der Ausstellung begegnet man solcherart Beiträgen von Detlef Kraft, Friedemann Grieshaber, Volker Lehnert oder Ryan Medoza, wenn auch mit völlig diversen Mitteln angepackt. Interessanterweise finden sich mehr Beispiele, wo Zeichnerisches und Malerisch-Farbliches so eng verquickt sind, dass von einer bildhaften Wirkung der Resultate gesprochen werden muss. Dafür stehen Pierre Kröger, Hans Sieverding, Uwe Esser, Sigrid Nienstedt, Karl Oppermann, Thomas Grochowiak, Ute Brinckmann-Schmolling – bei Letztgenannten hat der Pinsel längst den Stift als Vorzugswerkzeug verdrängt. Aus dem Chaos erwächst die Form, aus der Ungebärdigkeit des Materials die Figuransätze auf den Bildern von Peter Tomschiczek und Rainer Lind. Ganz anders im Temperament und doch in diesen Kontext gehörig ist Gerd Winter; seine großformatigen Blätter verteilen ihre organisch-erotischen Gebilde formatfüllend über Gründe von nuanciert warmem Kolorit. Unbedingt erwähnt sei hier noch Werner Neuwirth, dessen Ornamente von Magentarot auf dem Weiß des Kartons sich zu textiler Anmutung verdichten – hochoriginelle Arbeiten nach einer längeren Abwesenheit von der hiesigen Szene. Unerschöpflich, in welch wechselndem Gewand Zeichnung daherzukommen vermag: als Aufriss oder Plan bei Julia Philipps und Manfred Fuchs; als Phantasmagorie, surreal-wuchernd bei Siegfried Rischar, signethaft-seriell bei Bernhard Jaeger; als tektonische, landschaftliche oder physiognomische Analyse bei Elizabeth Weckes, Klaus-Jürgen Fischer, Susanne Ritter; als literarische Illustration bei Leo Leonhard; als politische Karikatur bei Kurt Sandweg; als Graffiti bei Jochen Senger; als Comic sowohl bei Miguel Epes als auch bei Ariel Auslender, der mit einem wahren Wasserfall einander überlappender Blätter die Fantasie eines kreativen Tausendsassa beweist.

Die Darmstädter Sezession hat den Begriff Zeichnung dehnbar aufgefasst und entschieden zeitgenössische Techniken und Strategien in die Ausstellung integriert. Zur Collage greifen Gloria Brand, Manfred Staudt, Matthias Gessinger; zum über-dimensionalen Schwarz-auf-Weiß-Scherenschnitt Stefan Thiel; zum dunklen Klebestreifen Barbara Eitel: Sie hat die reale Dreidimensionalität einer Raumecke genutzt, um dem Betrachter per angepapptem Liniengerüst einen irrealen Durchblick zum nächsten Saal vorzuschwindeln. Logisch schließt hier eine Gruppe Bildhauer an, die mit ihrer gewohnten plastischen Arbeitsweise Relief- oder Raumzeichnungen zuwege bringen. Eine größere Gruppe Kollegen jedoch bezeugt die Wichtigkeit der Bildhauerzeichnung im engeren Sinne, die traditionell Vorskizze, Paraphrase oder Nachgedanke einer Skulptur sein kann.

Die Ausstellung auf der Mathildenhöhe wird am Sonntag (18.) um 11 Uhr eröffnet. Es sprechen Oberbürgermeister Peter Benz, Sezessionsvorstand Horst Dieter Bürkle und Peter Joch, Direktor der Kunsthalle. Danach ist die Ausstellung bis 15. Juni zu sehen, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Die Kataloge zu Haupt- und Sonderausstellung kosten zusammen 15 Euro.

Dr. Roland Held, Darmstädter Echo

Preisträger von gestern und von morgen

Gäste besonderer Art in der Ausstellung auf der Mathildenhöhe sind die acht Bewerber um,den Preis der Sezession. Wenn man der Vorauswahl trauen darf, hat sich die oft angekündigte Rückkehr des Figürlichen tatsächlich vollzogen – und mit Wucht! Vom kunstvoll inszenierten Porträt bis zum Trompe l’oeil ist ein kleines Spektrum Möglichkeiten ausgetastet, darunter, nach Jahren des Ignoriertwerdens, auch wieder verhaltene Varianten von Fantastischem Realismus.

Mit einer Mini-Retrospektive wird der Preisträger von 2001, Michael Fieseler, geehrt. In seinen Ölbildern erscheint menschliches Fleisch so lädiert und mutiert dass es sich in eine Kulisse aus toten Dingen und künstlicher Landschaft einfügt. In Wahrheit stehen die Gemälde außerhalb von Schubladen wie Figur oder Abstraktion.

Die eigentliche Sonderpräsentation innerhalb der 32. Jahresausstellung der Darmstädter Sezession jedoch ist ein Doppel mit farbigen Fotoarbeiten von Lucinda Devlin und Peter Hendricks. Die Fremdheit zur Hauptausstellung ist unüberbrückbar. Von dokumentarischem Ansatz ausgehend, haben Devlin und Hendricks Werkserien entwickelt, die ihre Eindringlichkeit gewinnen aus der obsessiv engen Umkreisung ihrer Themen. Bei der Amerikanerin sind das kalt und steril schimmernde Räume, Institute, Apparate und Präparate, die mit Alter, Krankheit, Tod verbunden sind. Mit Porträts aus schiefem Blickwinkel und Nahaufnahmen von Körperpartien dagegen nähert sich der Bochumer Fotograf den Prostituierten und Fixern, die – lebendig wie tot – seine Modelle abgeben. Schonungslos werden verwüstete Gesichter publik gemacht geschwollene Augen, ausgeschlagene Zähne, Einstiche, Narben, Abszesse.

Ungewiss trotzdem, ob die Hoffnung des Sezessionsvorstands, über die Schockwirkung der Exponate in die öffentliche, auch politische Diskussion zurückzukehren, -aufgeht. Langfristig vielversprechender ist die Öffnung hin zu den neuen künstlerischen Medien, wozu Uwe Schnatz mit einem Videofilm und Nikolaus Heyduck mit einem Projektionsraum quasi den Testlauf durchführen.

Erstveröffentlichung: 17.05.2003, Darmstädter Echo

18.05.2003
Institut Mathildenhöhe