18. Bildhauerausstellung - Sezessionspreis 2006
Ausstellung der Bewerberinnen und Bewerber

Darmstädter Sezession

Sezessionspreis 2006 geht an Siegfried Kreitner

Von Roland Held – 08.09.2006

Allgemein

Die siebenköpfige Jury* der Darmstädter Sezession hat ihre Entscheidung gefällt: Siegfried Kreitner (Jahrgang 1967, lebt und arbeitet in Essen) erhält den Preis für junge Künstler, der Förderpreis geht an Marei Lehner (Jahrgang 1969, lebt und arbeitet in Würzburg).

li. Abb.:Siegfried Kreitner, »V 2004«, 2004, Minimalkinetik, 5 Neonelemente, Rollenketten, Plexiglas, 1 E-Motor 1,2 U/min , Ø 20 cm, 205 cm Höhe
re. Abb.: Marei Lehner, »La Robe des Mains«, 1998/99, Latex, 140 x 70 x 40 cm

Die Jury-Mitglieder begründeten ihre Wahl mit einem Auge auf künftige Ausstellungen. Bewusst, so Horst Dieter Bürkle, Geschäftsführer der Darmstädter Sezession, hätten sie Positionen bevorzugt, die das künstlerische Spektrum der Künstlergemeinschaft in bislang eher unbesetztes Terrain hinein erweitern.

Wer sich in der Skulpturen-Ausstellung auf der Darmstädter Ziegelhütte umschaut, kommt nur ein paar Meter hinter einer dreistämmigen Weide, an deren Rinde große Tellerpilze schmarotzen, zu einem Zwetschgenbaum. Auch an ihm scheint ein Schwammpilz emporzuklettern, mit porösem violettem Korpus und wuselnden rosa Tentakeln. Berührungsängste sind unangebracht.

Christiane Haase, Bewerberin um den diesjährigen Preis der Darmstädter Sezession, ist halt spezialisiert auf Gebilde, die einem im Kontext einer Skulpturenausstellung so befremdlich vorkommen wie außerirdische Wesen. Sie gewinnt dem keramischen Rohstoff gekrösehafte Strukturen ab, nur um diese anschließend mit kränklicher Glasurfarbe zu überziehen.

Und steht damit exemplarisch für die meisten ihrer Mitbewerber, die nicht nur mit dem Menschenbild, sondern jetzt auch mit Stein, Bronze und Stahl Schluss machen, die die Ziegelhütte-Präsentationen drei Jahrzehnte dominierten. Dabei sind Haases Aliens noch problemlos im Freien ausstellbar.

Ein Grund, weswegen heuer nur acht Nachwuchsbildhauer angetreten sind (einst waren es zwei-, dreimal so viele), liegt darin, dass die Beiträge ihrer Generation von Material und Machart immer empfindlicher werden, wie Horst Dieter Bürkle vermerkt. Und auch von den acht ist die Hälfte angewiesen auf einen überdachten Platz.

Siegfried Kreitner mit seinen eleganten plexiglasverschalten Stelen, darin ein Elektromotor über Zahnräder und Ketten Farbscheiben beziehungsweise fluoreszente Ringe langsam, doch unaufhörlich in Bewegung hält; desgleichen Christine Sabel mit mehreren Glaskästen, in sich nochmals unterteilt und sparsam bevölkert von farbigen Geometrien, die sich im Umschreiten gegeneinander verschieben, wodurch der Betrachter selber das kinetische Moment beisteuert.

Solchen Beispielen konkreter Kunst diametral gegenüber steht Tobias Gereon Gerstners „Liegendes Paar“ auf wuchtiger Chaiselongue, das pedantisch figürlich bleibt und sich sowohl vom Material Terrakotta wie auch von der Haltung an Vorbildern aus etruskischen Gräbern orientiert – obschon die Kleidung der beiden der Mode von heute folgt. Bettstatt und Kleidung kehren wieder bei Marei Lehner. Doch nur als Träger für dutzendfach einander überlappende, ziemlich naturalistische Latex-Hände, die ein ambivalentes Gefühl vermitteln: Schmiegen sie sich schützend über den Benutzer der Gegenstände, oder befummeln sie ihn lüstern, ohne Respekt für seine Intimsphäre?

Eine Allegorie auf emotionale Konflikte ist man versucht auch aus Sebastian Kuhns zunächst abstrakten Objekten herauszulesen, in derart widersinnige, keiner rationalen Ästhetik gehorchende Faltungen, Verspannungen, Verklammerungen hat der Urheber schwarze Gummireste und rostige Stahlplatten gebracht. Mit Holz widmen sich Klaus Effern und Christian Rösner einem traditionelleren Werkstoff.

Der erste gewinnt ihm weiß gestrichene, überlebensgroße Ganzkörperporträts junger Damen ab; ihre vermeintliche Solidität zerfällt jedoch bei näherem Herantreten in Wülste, Röhren, überraschende Spalten und scharnierartige Einsätze, bis sie kaum weniger alienhaft anmuten als das Baumpilz-Monster. Rösner dagegen haut aus einem Block Eiche ein Paar ineinander verbissener Hunde heraus, das sich, ohne Kompromisse bei der Dynamik des Kampfes zu machen, in der Gesamtform als perfekte Kugel präsentiert.

„Würfel sind gefallen“ ist der der Ausstellungstitel. Bereits 2004 sind die Würfel zugunsten der Sezessionspreisträger Nele Waldert und Jáchim Fleig gefallen. Nur dass letzterer seither eine stilistische Kehrtwende gemacht hat. Und neuerdings statt plastischer Gebilde Konzeptkunst produziert.

Ein Postkartenständer am Eingangskiosk des Ziegelhüttengeländes versammelt, in buntem Hochglanzdruck, stößchenweise die Belege einer Aktion, bei der eine mannshohe Miniatur des Eiffelturms per Gondel durch die Kanäle Venedigs geschickt wurde. Zu voller Konsequenz liefe Fleigs Konzept freilich erst auf, wenn demnächst ein Miniatur-Markusdom an einem Zeppelin über Berlin schweben, danach ein Brandenburger Tor auf dem Eselskarren durch Barcelona gezogen würde.

Mit Handfesterem hält es Nele Waldert in ihrer über drei Container verteilten Sonderschau von Figuren aus weißem, stumpfem Polymergips. Gar nicht handfest, eher ironisch gebrochen ist, wie sie mit ihrer Thematik spielt. Ein lebensgroßes Schaf, eine Tränke, die Halbfigur eines Schäfers, ein Lamm in den Armen haltend – das macht seinen Kratzfuß vor kunsthistorischen Vorläufern von der Spätantike bis Picasso und zwinkert dennoch dabei, weil so viel frommer Kitsch aus den gleichen Quellen schöpft.

Roland Held, Darmstädter Echo
8.9.2006

*Die Jury: Sabine Welsch, Ruth Wagner, Barbara Bredow, Gerd Winter, Manfred Staudt, Matthias Will, Horst Dieter Bürkle

26.08.2006
Künstlerhaus Ziegelhütte
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