Darmstädter Sezession

RAUMKONSTRUKTIONEN

Von Matthias Will – 04.05.2003

Allgemein

Ich war vor kurzem in Paris, im Palais de Tokyo, dem derzeit dort angesagtesten Platz für gegenwärtig entstehende Kunst. Plastik, wie sie den in unserer 16. Ausstellung von Freiplastiken auf der Ziegelhütte versammelten Arbeiten als künstlerische Kategorie zugrundeliegt, war da nicht zu sehen. Und auch im sonstigen Kunstbetrieb, wie dieser sich in den einschlägigen Publikationen darstellt, ist er unterrepräsentiert. Man darf gespannt sein auf die in diesem Sommer beginnende »documenta 11 «, ob und wie Bildhauerei dort vertreten sein wird. Da beschleichen einen schon gelegentlich Zweifel, wo wir mit unserer Arbeit stehen, ob wir womöglich künstlerische Dinosaurier sind, ob unsere Produktion noch aktuell ist.

Diese Zweifel und die damit einhergehende Selbstbefragung gehören ja nun auch unabdingbar zur Arbeit des Künstlers, der Abgleich mit der zeitgenössischen Produktion der Anderen und die Gewinnung des Bewußtseins der eigenen Position innerhalb der Gesamtheit der Vielzahl aller möglichen künstlerischen Haltungen.

Wenn ich nun die Argumente zusammensuche, die der Legitimation unserer Arbeit dienen können und ihr Sinn verschaffen, komme ich auf das Projekt der Moderne, innerhalb dessen die Stahlplastik gegenständlich wie nichtgegenständlich – seit etwa hundert Jahren ihre Ausprägung erfuhr.

Und das scheint mir auch die Klammer zu sein, die die in dieser Ausstellung gezeigten Skulpturen umfasst und ihr Charakter gibt: nämlich eine konzentrierte, wenn auch notwendigerweise nicht vollständige Darstellung derzeitiger Arbeitsansätze auf dem Feld der Stahl- und Eisenplastik mit dem zentralen Thema der Raumbildung.

Was hat es mit diesem Material auf sich?

Vor einigen Jahren erschien – von Degussa herausgegeben und von Dietrich Mahlow verantwortet – ein Überblick auf die Metallplastik des 20. Jahrhunderts, bei dessen Anschauen man nachvollziehen kann, wie die Künstler der Klassischen Moderne diese aus einer experimentellen Haltung heraus und um sich vom bis dahin kunstunwürdigen Material zu neuen Formulierungen inspirieren zu lassen, entwickelt haben. Über die Zusammenarbeit von Picasso und Gonzalez gibt es hinreichend Anekdoten zu erzählen. Und es lässt sich auch die Faszination ablesen, die von Stahl und Eisen ausgeht. Es sind industrielle Werkstoffe, die im Leben aller Menschen eine große Rolle spielen. Man muss sich nur klarmachen: Autos, Alltagsgegenstände, Maschinen, Schiffe, auch Waffen – alles ist aus Stahl und Eisen.

Unabhängig von der Gebrauchsfunktion sind für Künstler eher Materialqualitaten von Bedeutung: wie das Spiel der Farben auf den Oberflächen, die Empfindung von Härte und Kühle beim Berühren oder der Geruch beim Bearbeiten. Zudem ist der Materialwiderstand attraktiv: Halbzeuge geben Formanregungen und setzen zugleich Grenzen. Schmieden, Schweißen, Schleifen sind mühsame Knochenarbeit und setzen gründliche und bewusste Formentscheidungen voraus. Aber auch der Schrottplatz bietet ein reiches Angebot an Formimpulsen. Stahl- und Eisenteile, zerknautscht, verbogen oder sonstwie deformiert und ihrem ursprünglichen Verwendungszweck enthoben, erscheinen formal disparat und spannungsreich und werden in einer dekonstruktivistischen Komposition zusammengebracht (David Lee Thompson).

Eisen und Stahl sind zudem von Mythen begleitet: im kosmologischen Verständnis eines ewigen Kreislaufs der Wiederkehr ist das Eiserne Zeitalter die düsterste und gewalttätigste Zeit vor dem Übergang zum Goldenen Zeitalter. Oder: Bei bestimmten afrikanischen Stämmen ist der Schmied zugleich Zauberer und Medizinmann.

Um weitere Anmerkungen zum Titel zu machen: Raumkonstruktion wird hier verstanden als plastische Kategorie, in der jenseits einer streng konstruktivistischen Auffassung der Raum sich als eigenständige plastische Dimension etabliert hat. An dieser Stelle muss als künstlerischer Pionier unbedingt Archipenko erwähnt werden, der beispielsweise den Kopf einer Figur (»Sich kämmende Frau«) durch den leeren Raum, der sich zwischen erhobenem Arm und Schulter ergibt, darstellt. Das bedeutete eine Dynamisierung der Form und Nicht-Form-Beziehung. Nichtform wird Form und umgekehrt – eine Auflösung der Grenzen zwischen Innen und Außen: der Raum fließt gleichsam durch die Plastik. Die entsprechende Skulptur im Landesmuseum in Darmstadt führt diese plastische Auffassung idealtypisch vor.

Raumkonstruktionen nichtkonstruktivistischer Natur sehen wir in der Ausstellung auf der Ziegelhütte bei Helmut Lander und Lutz Brockhaus, dessen Arbeit den Raum zwischen vertikaler und horizontaler Fläche erfahrbar macht.

Konstruktivistische Ausprägungen kamen in den zwanziger Jahren auch aus Russland; die Bauhaus-Künstler Moholy-Nagy und Naum Gabo und andere leisteten wichtige Beiträge bei der Ausformulierung dieser damals revolutionär neuen plastischen Möglichkeiten. In dieser damals entstandenen Tradition arbeiteten bis in die Gegenwart eine Vielzahl von Bildhauern auf der ganzen Welt.

Zum Format: Die großen Plastiken bieten dem Betrachter, eigentlich müsste man vom Benutzer sprechen, Begehbarkeit an. Damit ist zugleich seine leibliche Erfahrung angesprochen, in der über eine retinale und taktile Wahrnehmung hinaus unser Gleichgewichtsorgan als Instrument ganzkörperlicher Wahrnehmung in Aktion tritt.
Diese Vielschichtigkeit der Rezeptionsmöglichkeiten entfaltet sich in den Arbeiten von Wolfgang Bier und Klaus Duschat. Aus der Distanz sind sie erzählerisch, im Drinnensein körperlich überwältigend mit ihren Oberflächenreizen, die von den Bearbeitungsspuren ausgehen.

Aber auch die plastische Installation von Vera Röhm lädt den Betrachfer ein in ein variabel baubares plastisches Ensemble, das einen an ein Labyrinth denken lässt; die einzelnen Elemente der Installation zitieren den konventionellen rechtwinkeligen Architekturraum und konstellieren sich in Beziehung zum jeweiligen Ausstellungsort zu Durchgängen, offenen und zellenartig geschlossenen Räumen.

Apropos Raumbildung: Bei der Mehrzahl der ausgestellten Arbeiten konstituiert sich der Raum als das Dazwischen: plastische Elemente werden so positioniert, dass der Raum sich als bewusst gestaltete Kategorie des Plastischen zeigt. Dabei kann sich die körperliche Ausdehnung der materialen Elemente auf ein Minimum reduzieren. Es entsteht eine rhythmische Gliederung, in der Körper und Raumpartien in eine dynamische Beziehung zueinander treten. Der Umraum, auch zur Bodenfläche, wird in das plastische Geschehen einbezogen (Hartmut Stielow, Hagen Hilderhof, Matthias Will).

Eine andere Auffassung legt es auf ein balanciertes Verhältnis zwischen Masse und Raum an. So sehe ich etwa die Arbeiten von Michael Zwingmann und Werner Pokomy, dessen Skulptur aber auch als Segment aus einem sphärischen Hohlkörper verstanden werden kann und in unserer Wahrnehmung sich zu seiner virtuellen Ganzheit komplettiert.

Die Entstehung des Raums kann auch als dreidimensionale Ausdehnung eines Punktes gedacht werden. In der Skulptur von John Henry treffen sich die plastischen Elemente in einem Zentrum, zielen wie Vektoren in den umgebenden Raum und entfalten so ihre Energie über die materialen Grenzen hinaus.

Bei den Stelen von Hannes Meinhard kann man von vertikalen Raumzentren sprechen. Das lässt den archaischen Vorgang der Weltbildung assoziieren: Indem der vorzeitliche Jäger seinen Speer in den Boden stieß, definierte er seinen Lebensraum; der vertikale Weltenbaum war das Zentrum des kosmischen Raumes. In diesem Zusammenhang möchte ich auch die »Endlose Säule« von Constantin Brancusi sehen.

Eine völlig konträre Position stellen die Arbeiten unseres letzten Sezessionspreistragers Friedemann Grieshaber dar: Der Raum ist fast unsichtbar, eingeschlossen in Gehäuseformen und nur über kleine schlitzartige Öffnungen wahrnehmbar.

Bei der Konzeption der diesjahrigen Ausstellung hatte der Vorstand der Darmstadter Sezession die leitende Idee einer straffen Thematik. Die Beiträge der Künstler, denen hier – ob sie Gäste oder Mitglieder sind gedankt werden soll, zeigen eine große Bandbreite künstlerischer Möglichkeiten und zeugen von der ungebrochenen Vitalität dieser bildhauerischen Tradition.

25.05.2002
Ausstellungshallen Mathildenhöhe