Darmstädter Sezession

Über das Werk von Heiner Thiel

Von Prof. Dr. Matthias Bleyl – 18.08.2013

Künstlerkritik

(…) Die Metallplatten befinden sich wie Malerei vertikal an der Wand und wirken aus einiger Distanz möglicherweise wie monochrome Malerei. Doch widerspricht dem zunächst die völlig unkörperliche Färbung, wie auch die Krümmung der Platten; der für die Malerei zutreffende und oft gebrauchte Begriff »Farbträger« wäre verfehlt. Es handelt sich um eloxierte Metallplatten, deren Farbe sich chemophysischen Prozessen verdankt, also nicht durch Pigmentauftrag entsteht; deshalb gibt es auch keine auf Handarbeit verweisende Auftragsspuren. Vielmehr ist die Färbung so mit der Oberfläche des Metalls identisch, daß dessen Materialqualität erhalten bleibt und etwa als spezifischer und je nach Bewegung der Oberfläche variabler Glanz zur Geltung kommt, was nicht einmal bei einer auflackierten Lasurfarbe in gleicher Weise möglich wäre. Es entsteht eine Art Farblicht jenseits der durch Malerei bereitgestellten Möglichkeiten. Eben darum handelt es sich nicht um eine extravagante Art monochromer Malerei, doch spricht auch noch ein weiterer, wesentlicher Grund dagegen. Die Metallplatten sind leicht gekrümmt, wölben sich besonders an den Ecken von der Wand weg auf den Betrachter zu, was einerseits zu geschwungenen Schattenzonen hinter ihnen und andererseits zu unterschiedlicher farblichthafter Intensität auf ihnen führt. So entstehen unausmeßbare Farbräume. Die Platten sind jedoch nicht lediglich quadratische Bleche, die an den Ecken aufgebogen wären, sondern präzise erstellte Kugelsegmente, also Ausschnitte von virtuellen Kugeln, deren geometrisch konzeptueller Ansatz noch die Herkunft aus Formproblemen der konkreten Kunst erkennen läßt. Steht der Betrachter im Mittelpunkt einer solchen virtuellen Kugel mit Durchmesser von bis zu einigen Metern, dann – und nur dann – erscheinen die Kanten der Objekte parallel und rechtwinklig, und ihre Wirkung wäre die einer ebenen Fläche, zeigten nicht gekrümmte Schatten hinter ihnen, bzw. Farbraumerscheinungen auf ihnen an, daß es räumliche Gebilde sein müssen. Hier scheint sich eine Diskrepanz der Wahrnehmung einzustellen, der nur die Standortveränderung entgegenzuarbeiten vermag. Hierzu fühlt sich der Betrachter geradezu aufgefordert, will er sich Klarheit über das Wahrgenommene verschaffen. Diese ist aber bei den Objekten nicht zu erlangen, doch führt die Annäherung immerhin zur Erkenntnis der tatsächlichen Dreidimensionalität des Objektes, ohne daß darüber seine farbräumliche Qualität verloren ginge. Die ausschließlich den Bereichen Malerei und Plastik vorbehaltenen, wesensmäßigen Eigenschaften sind nicht nur unabhängig voneinander angewendet worden, sondern haben in diesen Objekten tatsächlich zusammengefunden und sind nicht mehr voneinander lösbar. Heiner Thiel schafft damit eine Synthese, etwas wesensmäßig Anderes.

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