Darmstädter Sezession

Präsentation der Merckschen Kalenderblätter 2015

Von Horst Dieter Bürkle – 06.11.2014

Allgemein, Künstlerkritik

»Sujets trouvés« – Die gänzlich anderen Reisebilder des Jörn Heilmann

Jörn Heilmanns Bilderstrecke in diesem Kalender ist von ihm selbst verhältnismäßig profan mit »Luggage« betitelt, was nichts anderes als Gepäckstücke bedeutet. Doch entdecken wir an keiner Stelle weder Kisten noch Koffer, weder Packsäcke noch Reisetaschen. Rasch ist zu erkennen: Heilmanns »Gepäckstücke« bestehen aus zweidimensionalen Fotografien, nahezu durchgehend angereichert mit Bruchteilen von Schrift und einigem zeichnerischen Beiwerk. Auch seine mit in die Bilder integrierten Bildlegenden helfen uns allenfalls teilweise »auf die Sprünge«. Denn Bildunterschriften wie »12.02.1998_13.50 Uhr_Saint Lucia_Karibik« oder »07.02.2001_08.51 Uhr_Hoi An_Vietnam« teilen lediglich mit, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit Heilmann an welchem Ort den Auslöser seiner Kamera betätigt hat. Sonst zunächst einmal gar nichts.

Hinzu kommt: Die Fotos entsprechen allesamt keineswegs dem, was man gemeinhin als »narrative«, sprich: als erzählende Fotografie bezeichnen würde. Um bei den beiden eben annoncierten Bildern zu bleiben: Was auf dem Karibikfoto zu sehen ist, könnte an hundert anderen zum Tauchen einladenden Stränden rund um den Erdball aufgenommen worden sein und was wir auf jenem aus Vietnam erblicken, mehr oder weniger ebenfalls. Von welcherlei Beeindruckung wollen sie uns folglich erzählen? Helfen dem Betrachter die Schriftinserts weiter? Die Zeichnungen? Stehen alle diese Versatzstücke vorgefundener Wirklichkeiten in einem rasch erkennbaren Zusammenhang? Nein! Doch spätestens ab diesem strikten Nein wird der Erkundungsweg zu Jörn Heilmanns Arbeiten ein ausgesprochen interessanter.

Halten wir einen Augenblick lang inne und vergegenwärtigen wir uns die ebenso explosionsartige wie inflationäre Vermehrung der Bilder während der vergangenen Jahrzehnte, speziell seit Beginn des digitalen Fotozeitalters. Ist unser Erinnerungsvermögen dadurch etwa erweitert worden? Dass Kameras seitdem in der Lage sind, den Aufnahmezeitpunkt auf die Sekunde genau festzuhalten, ihn von Fall zu Fall gar sichtbar im Bild zu verewigen – was Heilmann, nebenbei bemerkt, zur ironiegetränkten Grundlage seiner Bildtitel macht – erleichtert uns die Sache kaum. Denn das, was wir in Zeiten solcherart Urlaubsbilderschwemme mit nach Hause bringen können, ist in weiten Bereichen nahezu ununterscheidbar geworden.

Um diesem unsäglichen Bilderbrei etwas von seinem ursprünglichen Erinnerungssinn wieder zuzuführen, ändert Jörn Heilmann die Grundlage seiner künstlerischen Verfahrensweise. Er folgt dabei – bewusst oder unbewusst – Regeln von einer Sorte, wie sie die frühen Surrealisten aufgestellt haben, nachdem sie es als zwingend notwendig erachtet hatten, dass mit dem »Gepäck« aus der alten Bilderwelt nichts mehr anzufangen sei und somit ausgedient habe. Und somit v e rlässt er den Weg bewusst gestaltenden Fotobildermachens und ü b e rlässt es dem Zufall.

Er, der diplomierte Kommunikationsdesigner, entgeht also der Regelhaftigkeit des Erlernten und folgt von eben auf jetzt den Geboten der »Lomographie«. Lomo ist die Abkürzung von »Leningradskoje Optiko Mechanitscheskoje Objedinjénie«, was soviel wie »Leningrader Optisch-Mechanische Gesellschaft« heißt. Diese Gesellschaft hatte zu Zeiten des sowjetischen Geheimdienstes KGB – d. h., als Wladimir Putin noch auf deren Gehaltslisten gestanden hat – eine Agenten-Kamera, Lomo genannt, gebaut, die inzwischen Kultcharakter hat und zu einer fotografischen Bewegung geführt hat, die sich folgenden zehn Geboten unterwirft: 1.) Nimm deine Lomo überallhin mit. 2.) Verwende sie zu jeder Tages- und Nachtzeit. 3.) Empfinde lomographieren nicht als Unterbrechung deines Alltags, sondern als Teil desselben. 4.) Nähere dich den Objekten deiner fotografischen Begierde so weit wie möglich. 5.) Denk’ nicht. 6.) Sei schnell. 7.) Will nicht im vorhinein wissen, was letztlich auf deinem Film ist. 8.) Im Nachhinein auch nicht. 9.) Vertraue nicht dem Sucher, sondern übe vor allem den Schuss aus der Hand. 10.) Kümmere dich nie um irgendwelche Regeln.

Geboten solcher Art zu folgen, hätte den Surrealisten vor annähernd einhundert Jahren größtes Vergnügen bereitet. Sie, auf deren Humus die Kunst des »objet trouvé« erwachsen ist, hätten – auch wenn die Fotografie seinerzeit noch nicht dermaßen eingesetzt worden ist – solcherart »gefundene« Fotos hoch geschätzt und sie – wie beispielsweise Max Ernst es vielfach übte – in Montagen und Collagen zu neuartigen Bildern zusammengesetzt.

Womit wir auch wieder bei Jörn Heilmann und seinen »Gepäckstücken« angelangt wären. Die Zufälligkeiten, die beim erwähnten Lomographieren mit ins Spiel geraten, die Unvollkommenheiten von Unschärfen bis hin zu Zufallskonstellationen im Bildaufbau, vermitteln, so eigenartig das auch klingen mag, nicht nur eine größere Wirklichkeitsnähe – sie sind die Wirklichkeit mit ihren unvermeidlichen Zufällen unmittelbar. Ungleich mehr jedenfalls als in den Myriaden »gestellter« Urlaubsbilder, die nicht wirklich Bilder, sondern einzig Belege eigenen »Weitgereistseins« darstellen sollen.

Die Heilmann‘schen Montagen unterlaufen derlei Bildklischees jedoch nicht allein durch den »lomoistischen« Charakter ihrer Fotos. Die unterschiedlichen »sujets trouvés« werden überdies gleichsam verstrickt mit Sprach- oder Schriftfetzen, welche die Lomo-Effekte der Bilder nahtlos weiterführen, indem sie ihnen absolut nichts an Erklärendem hinzufügen, sondern ihrerseits ebenfalls wieder nur sprachliche »objets trouvés« sind. So haben uns etwa die Schriftinserts in »09.02.2001_15:42 Uhr_Hoi An_Vietnam« absolut nichts zu »erzählen«: »Cong hoa xa hoi chu nghia Viet Nam« heißt schlicht und einfach »Sozialistische Republik Vietnam« und »Nam Tram Dong« ist als Schriftzug einfach 1:1 entnommen dem (inzwischen veralteten) Geldschein über 500 Dong der vietnamesischen Währung. Das ähnelt insoweit dem faksimilierten 10-Rupies-Schein in »25.11.2003_06.58 Uhr_ Adams Peak_Sri Lanka« wie auch dem Ausriss einer Hotelrechnung in »28.11.2003_17.04 Uhr_Ella_Sri Lanka«. Es sind samt und sonders nur weitere »Versatzstücke der Wirklichkeit«, dazu angetan, die durch die Lomographien initiierten atmosphärischen Bildeindrücke zu verstärken und zu vertiefen, wozu auf einer dritten Bedeutungsebene nicht unwesentlich die Zeichnungselemente beitragen, die Heilmanns stets mitgeführten, prallvollen Skizzenbüchern entstammen. So wird etwa die im zuletzt genannten Bild ansonsten menschenleere und eher nur geringfügig anheimelnde Atmosphäre einer dörflichen Unterkunft im ceylonesischen Hochland wohltuend ergänzt und aufgefrischt durch die zeichnerischen Umrisse einer wischenden Aufwartefrau im traditionellen Sarong.

Es will übrigens scheinen, als könnten die in Heilmanns Reisebildern verwendeten Randverzierungen, die uns auch als Vignetten geläufig sind, hier fast wieder zu ihrer ursprünglichen Bedeutung zurückfinden: Das Wort Vignette kommt nämlich vom französischen vigne für Rebe und war ursprünglich gedacht und hingestellt als Kennzeichnung für die dort angepflanzte Rebsorte am Rande eines Weinbergs. Und tatsächlich kommt eben diesen Vignetten meines Erachtens eine jeweils einigermaßen richtungsweisende Rolle zu. Das wird sichtbar etwa in einem Bild aus Mailand, das hier gar nicht enthalten ist, weil für den Kalender verständlicherweise nur eine repräsentative Auswahl von 12 aus insgesamt 45 Bildern getroffen werden musste. Dort herrscht auf der einen Ebene, der fotografischen, der eher bedrohliche Eindruck eines hereinbrechenden Nachthimmels vor, von Absperrgittern, Fernsehantennen und – bildbeherrschend – einer grellen Leuchtreklame und deren Haltevorrichtungen. Diesen finsteren, eher desillusionierenden »Scherenschnitt« konterkariert Heilmann mit dem fröhlichen zeichnerischen Hinweis auf eine Taverne, vor der einladend ein Tisch, zwei Stühle und zwei Gläser auf Gäste warten. Umgekehrt wirft er in »01.10.2003_14.44 Uhr_Lyngvig Fyr_Dänemark« einen eher beiläufigen Blick auf den in Gusseisen verewigten Schriftzug des Herstellers der Lichttechnik für einen Leuchtturm in Westjütland und kombiniert ihn mit einer gezeichneten Figur, die er zwei Jahre später als »Schattenmann« malerisch verarbeiten wird. Das zeigt auf, wie er inhaltlich die Dinge anscheinend gegenläufig miteinander zu verbinden versteht und zum Nachdenken einlädt.

Im Übrigen ist es für Heilmann keineswegs ungewöhnlich, diese Vignetten andernorts abermals aufzugreifen und als Inspirationsmaterial für sein weiteres künstlerisches Schaffen zu nutzen. So sind etwa das Möhren knabbernde Karnickel und die ihren eigenen Heiligenschein balancierende Figur, die im Blatt »17.01.2001_16:48 Uhr_London_Großbritannien« ein fotografiertes Riesenrad flankieren, vier Jahre danach für Heilmann Gegenstand malerischer Auseinandersetzung: Der Hase in »Miss Saigon« und der leptosome Heiligenscheinträger in »Versenkung«, beides Acrylbilder aus dem Jahr 2005, die darauf in anderer Form wieder auftauchen und den Bildern dort ein gänzlich anderes Bedeutungsgewicht verleihen.

Fest steht, dass Heilmann sich mit seinen Bildern auf dezidiert postsurrealistischen Wege befindet. Ein Freund Apollinaires, der französische Dichter Pierre Reverdy, der als einer der bestimmenden Wegbereiter des Surrealismus gilt, schrieb vor nahezu einhundert Jahren: »Das Bild ist eine reine Schöpfung des Geistes. Es kann nicht aus einem Vergleich geboren werden, vielmehr aus der Annäherung von zwei mehr oder weniger voneinander entfernter Wirklichkeiten. Je entfernter und doch treffender die Beziehungen zwischen diesen beiden angenäherten Wirklichkeiten sind, umso stärker wird das Bild sein – umso mehr emotionale Kraft und poetische Realität wird es haben«.

Poetische Realität von etwa jener Sorte, wie sie in »13.06.2003_11.29 Uhr_Athen_Griechenland« wirksam und spürbar wird, wo außer einer verlotterten Fassade mit dem vor sich hin rostenden Schild eines unter dieser Bildadresse eher kurios wirkenden »Hotel de Paris« nichts, aber auch gar nichts mehr auf Griechisches hinweist. Es sei denn, wir lassen uns ein auf die Zeichnung des Schwans in der linken oberen Ecke – als einen winzigen Verweis auf Leda, den notorischen Frauennachsteller Zeus und den Götterhimmel, der sich über das Ganze wölbt. Spätestens an dieser Stelle sind wir dann auch wieder voll im Surrealismus angelangt und bei Lautréamonts berühmter Definition des Schönen: »Schön wie die ungewöhnliche Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf dem Seziertisch«.

Ist man nur erst einmal bereit, sich wie einst die Surrealisten auf den Glauben an die höhere Wirklichkeit ansonsten eher vernachlässigter Assoziationsformen einzulassen und die vorhandenen Phantasie-Reservoire bedenkenlos zu nutzen, wird das Betrachten der auf Reisen eingesammelten »Sujets trouvés« des Jörn Heilmann zum vergnüglichen Kinderspiel. »Das Bewundernswerte am Phantastischen ist«, heißt es in einer Fußnote zum Ersten Manifest des Surrealismus aus dem Jahr 1924, »dass es nichts Phantastisches daran mehr gibt: es gibt nur noch das Wirkliche.«

Horst Dieter Bürkle

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