Zeitgenossen
Werkgruppe aus den Jahren 2011 bis 2013

Darmstädter Sezession

Präsentation der Merckschen Kalenderblätter 2014

Von Annette Krämer-Alig – 07.11.2013

Allgemein, Künstlerkritik

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Frau Ginten, sehr geehrter Herr Odvody,
  
Gerade habe ich eine Zahl gehört: 13 000. Es ist die Auflage der diesjährigen  „Kalenderblätter Merck“ – und eine hohe Zahl, wenn man sie mit den Auflagen von Büchern oder gar Kalendern vergleicht. Sie belegt, dass der hier vorgestellte „Merck-Kalender“ der jüngste Part einer Darmstädter Erfolgsgeschichte ist.

 Denn sowohl  für die Künstler, die sie gestalten dürfen, als auch für seine Besitzer ist dieser Kalender ein wichtiger Teil hiesiger Kultur –  was wir in der Echo-Redaktion übrigens jeden Herbst wieder erfahren. Obwohl die „Kalenderblätter“ schon länger nicht mehr gekauft werden können, sondern ein sehr besonderes  Privileg für Merck-Mitarbeiter geworden sind, gibt es Jahr für Jahr wieder Anrufe in der „Echo“-Redaktion von Lesern, die wissen wollen, wo man diesen Kalender denn kaufen könne.

Bereits im 35. Jahr markiert der „Merck-Kalender“ dabei nun Monat für Monat künstlerische Qualität und Aktualität. Was gleich zu dem Begriff führt, der beim Formulieren dieser Gedanken zu den zwei Mal zwölf Blättern von Daniela Ginten und Pavel Odvody  zunächst an einer hohe gedankliche Barriere führte: Dieser Begriff ist die Zeit. Schließlich geht es in jeder Kunst doch gegen die Zeit. Sie soll überdauern. Dazu kommt auch noch das Motto der „Kalenderblätter“ für 2014: Es geht um „Landschaften“, was ein imaginäres Festhalten von Situationen auf den Bildern impliziert und damit die Utopie der Belanglosigkeit von Zeit.

Eine weitere Vorgabe  der „Landschaft“ als Bildmotiv ist – wie auch immer – ihre Gegenständlichkeit. Dieses Hier und Jetzt ist nach Jahrzehnten der Abstraktion jedoch zur Herausforderung für die Künstler geworden. Wer sich mit „Landschaften“ ernsthaft verorten will in der Gegenwartskunst, muss deshalb den Weg aus einem Schlamassel finden, und Tradition und Gegenwart in einen Dialog bringen. Wobei es noch dazu seit 100 Jahren die Kamerakunst vor der Natur gibt, die schlichte malerische Wiedergabe auf jeden Fall übertrumpfen kann. Der Künstler muss mit seinen „Landschaften“ Zeiten versöhnen, die eigentlich gegeneinander stehen.

Daniela Ginten und Pavel Odvody haben sich aus meiner Sicht in ihren „Kalenderblättern“ auf ein Experiment eingelassen. Ihre Lösungswege scheinen sich dabei auf den ersten Blick nicht zu kreuzen. Doch schon beim zweiten Blick wird klar: Der Weg in die Zukunft ist der gleiche. Beide Künstler stellen selbstbewusst eigene Welten neben die Realität und verkehren dabei sogar natürliche Verhältnisse. Den Studiofotografien Odvodys fehlt jeder „Ort“ im klassischen Sinn, der zur Landschaft ja ganz ursprünglich gehört. Und in den Bildern Daniela Gintens verschwimmen die Situationen zu Farben, was mit dem Streben nach einem perfekten Abbild der Natur  radikal bricht.  Beide Künstler lassen den Betrachter mit vielen Fragen allein. Auf der Suche nach Stimmigkeiten zwischen dem Bild und dem Monat, zu dem es gestellt wurde, habe ich beispielsweise gegoogelt, wie es sich verhält mit den Kranichen, die  Daniela Gintens Januar-Blatt bevölkern. In meinem Kopf  waren Kraniche Zugvögel, deren Wintersiedlungsgebiete sich dank der Erderwärmung zwar stetig nach Norden verschieben, die aber trotzdem noch auf die große Reise gehen. Was auch stimmt, wie Wikipedia sagt. Was also haben diese Vögel auf einem Januar-Blatt zu tun? Ich habe die Januar-Kraniche dabei in Europa gesucht, wurde dann aber darauf aufmerksam gemacht, diese könnten ja auch in Afrika stehen. Hätte es einen Beleg gebraucht dafür, wie frei Daniela Ginten dem Bildbetrachter die Interpretation überlässt: Damit wäre er erbracht gewesen.

Rätselraten auch bei Pavel Odvodys Dreier-Bildfolge für den gleichen Monat Januar 2014. „Fünf Minuten Ligeti“ heißt dieses Flirren mit herabfallendem Körper. Doch was hat die Moderne der E-Musik mit einem Zeitraum von 31 Tagen und mit just diesen drei Bildern zu tun, deren Abstraktionsgrad sehr hoch ist? Schon der erste Blick macht klar, dass hier ebenfalls  jedes  mathematische „Ist-Gleich“ verkehrt wäre. Dabei sieht man diese Bilder doch auf jeden Fall mit Genuss als „Landschaften“ an. Denn Auge und Gehirn lassen sich gern auf  neue Fährten setzen. Die Bilder von Daniela Ginten und Pavel Odvody markieren Gegenwelten. Sie stehen gegen Schnelllebigkeit, was wieder die Zeit ins Spiel bringt. Als Betrachter können wir unsere Offenheit für Illusionen wie die Zeitlosigkeit bei diesen „Kalenderblättern“ genauso ausleben wie den Genuss an der Parallelität von Stilformen. Es ist spannend zu sehen, wie verschieden ein Januar dabei ausfallen kann.

 Bitte gestatten Sie mir hier einen – versprochen kurzen – Ausflug in die Geschichte. Die gemalte „Landschaft“ ist die Geschichte einer Emanzipation. Viele Jahrhunderte lang stand der Mensch im Zentrum der Malerei. Alles andere – wie die Landschaft- war ein Anbei, das im Mittelalter sogar ganz verschwand: Die Kunst suchte ihre Themen außerhalb von Ort und Zeit. An deren Stelle trat dass Blattgold der Ewigkeit, und es wurde nur gemalt, wer göttlich oder zumindest heilig war und deshalb bildwürdig. Wenn wir heute in der Kunst von „Landschaft“ reden, zeugt das von einem Umbruch. Der neuzeitliche Mensch machte sich die Natur untertan. Im Barock beispielsweise schickten niederländische Maler namenlose Schiffe über wütende Ozeane. Sie zeigten ungebundene Natur – die in der Lebenswirklichkeit allerdings kostbar gerahmt und sehr brav die Wohnzimmerwand neben dem Eigentümerporträt schmückte. Es war klar, dass Künstler und Bildbesitzer das Sagen hatten in dieser landschaftlichen Fantasiewelt zwischen Seestück und Alpenglühen.

Erst mit der Romantik kam dann der große Zweifel in die Malerei, der schließlich zu  ihrer Unabhängigkeiterklärung wurde. Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ ist eine kleine und verlassene Gestalt. In der Übermacht der Seelandschaft kann er nur bestehen, weil der Maler dem Betrachter das Gefühl gibt, hier werde eben nicht ein Untergang gezeigt, sondern das Nachdenken darüber, wie klein, aber mächtig der Mensch eigentlich ist. Weil er denkt, fühlt,  verarbeitet und als Künstler daraus sogar noch die Kraft zu freier Gestaltung zieht, kann dieser homo sapiens überleben. Damit kommt ein neues Gut in die Landschaftsmalerei. Die Psychologie hat sich die Bildgattung erobert, und sie hat sie nie wieder freigegeben, egal welchem „Stil“ im alten Sinn der Künstler anhängt. Auch diese „Kalenderblätter“ zeigen: Nicht der Stimmungsträger ist wichtig, sondern das übertragene Gefühl. Arkadien ist vergangen, erfinden wir es also neu, ebenso zeitlos wie aktuell.

Daniela Ginten hat sich dafür das Ölbild und das Aquarell ausgesucht. Sie setzt auf die Wirkung ihrer meist zarten Farben, auf reduzierte Situationen und auf Delikatesse im Spiel zwischen Raum und Fläche. Darin verbirgt sich ein Jahrhundert Kunstgeschichte. Schließlich war die Eroberung der Flächigkeit in den Gemälden um 1900 deren Freiheitserklärung: Es ging weg von der Nachahmung, hin zur Abstraktion. In einer solch freien Malwelt stellt sich das eher traditionell anschauliche „Landschafts“-Gefühl freilich kaum ein. Daniela Ginten liegt dieses Gefühl aber offensichtlich am Herzen. Sie hat einen eigenen, authentischen Weg dafür gefunden. Der Ort, das Licht, die Wiese, der See oder auch der Schnee sind gestalterische Faktoren, aber entscheidend ist die Stimmung, die sich wiederum in der abstrakten Farbigkeit wunderbar einfangen lässt. Weswegen Daniela Ginten sich quasi  selbst unterläuft: mit raffiniert eingebauten, verschwimmenden Horizonten, mit kleinen Menschen oder Tieren oder auch mit der nur zu ahnenden Draufsicht auf einen See. Im Vorfeld zur Malerei stehen dabei Fotografien. Doch deren „wahre“ Anmutung wird getilgt zugunsten gefühlter Welten. Das im Alltag meist unbeliebte „Vage“ wird dabei zum hohen Wert.

Pavel Odvodys Arbeit mit der Großbildkamera, mit gestellten Situationen und mit der Nachbereitung im Fotolabor lässt dagegen geradezu ein Höchstmaß an räumlicher und zeitlicher Objektivität erwarten: Technischer geht es kaum. Seine Bilder wirken denn auch wie perfekte Gegenwelten, in denen die Farbigkeit zugunsten von Schwarz und Weiß getilgt wurde, Situationen wie eingefroren wirken und selbst Schweben erlaubt ist, weil das Trägheitsgesetz außer Kraft gesetzt scheint. Wobei die Zutaten dieser Welten recht schlicht sind, durch Komposition und Lichtwirkungen aber perfekt in Form gebracht werden. Zerknittertes Zellofan, ein Steinchen, Drahtfäden oder eine polierte Metallplatte setzen das Betrachterhirn in Gang – und dann kommt es,  wie es dank des Könnens dieses Künstlers vielleicht kommen muss. Entgegen all der konkreten, technischen Vorgaben will man auf diesen schönen Blättern sehr rasch fremde Kosmen erkennen, dabei auch noch die Poesie dieser strengen Gegenwelt aufspüren. Denn außer-alltäglich stimmungsvoll sind Pavel Odyvodys Kalenderblätter ohne Zweifel, und die Situationen sind so fremd, dass sie ganze Romane erzählen.

Was mich genau wie bei den Ölbildern Daniela Gintens zu drei sehr alten Begriffen der Landschaftsmalerei brachte: zum Innehalten, zur Stille und zum Traum. Nach vielen Gedankenknoten zum Wesen der modernen „Landschaft“ mag dies eine Art Kapitulation gewesen sein. Aber ich glaube, es ist völlig egal, ob dritte oder vierte Dimension, neu erfundener Ort oder getilgte Zeit das Thema der „Landschaften“ sind, die heute hier vorgestellt werden. Der Blick sucht vor allem nach Harmonien, nach den Stimmigkeiten, die ja reichlich vorhanden sind.

Vorhanden sind sie jedenfalls so lange, bis der Blick auf dem „Kalenderblatt“ wieder nach unten rutscht zur Tagesskala. Denn dann kommt der Betrachter schnell wieder an in der Gegenwart, und die reale Zeit wird erneut so wahr,  wie es die gefühlten Landschaften gerade noch gewesen sind. Wir sind wieder da, wo wir zuvor eingestiegen sind ins Abenteuer Bildbetrachtung, aber vielleicht ein bisschen gelassener. Mein Fazit ist deshalb, dass die Augen der Uhr wenigstens bisweilen diese kleinen, wichtigen „Landschafts“-Schnippchen schlagen können und sollten. Ich möchte mich auf jeden Fall dafür bei den Künstlern sowie den Machern dieser neuen  „Kalenderblätter“.

28.09.2013
Beitrag zu Künstler