Darmstädter Sezession

Plastische Annäherung an das Phänomen der schwarzen Löcher

Von Marc Wrasse – 23.08.2013

Künstlerkritik

Die Installation von Michael Zwingmann besteht aus sieben unterschiedlich großen, gegossenen Asphaltkörpern, die sowohl durch ihr assoziativ aufgeladenes Material als auch durch ihre jeweilige Form Bedeutung beziehen.

Das Material Asphalt besteht wesentlich aus Bitumen, einem Stoff, der nach der Raffinerie von Rohöl als Bodensatz zurück bleibt. Als energiereicher und kraftvoller Naturstoff entstand Rohöl über Millionen von Jahren aus den verwesten Wäldern der Urzeit.

Die matt schimmernden Oberflächen der Asphaltkörper absorbieren das einfallende Licht mit großer Intensität. Wie Raum gewordene schwarze Löcher stehen die Polyeder zwischen den organischen Formen des Parks. Einen niedergegangenen Kometenschauer als Bild hervorrufend, brennen sie einen Abgrund in die alltägliche Wahrnehmung. Die Formen, die der Bildhauer seinen Skulpturen gegeben hat, sind dabei überaus beziehungsreich. Sie erinnern an die Urgeschichte des Abendlands.

Vor 2400 Jahren formulierte Platon für das spätere europäische Denken grundlegende Erkenntnisse zum Verhältnis von Form und Materie. Sein Dialog »Timaios« enthält eine kosmologische Spekulation über die Entstehung der Welt. Nach der platonischen Erzählung entstand in zeitloser Ewigkeit noch vor der Genese der Elemente deren Konzept – in Form idealer geometrischer Körper, deren Flächen gleichseitig und gleichwinklig sind und deren Ecken auf dem Umriss einer Kugel liegen. Die sieben Plastiken von Michael Zwingmann nähern sich in ihrer Form solchen platonischen Körpern an. Ihre Anordnung zeichnet das Sternbild des Großen Wagens nach, der nächtlich um den Polarstern kreist. Mit seinen Skulpturen aus Asphalt bringt Michael Zwingmann Natur- und Geistesgeschichte in eine faszinierende ästhetische Konstellation.

Beitrag zu Künstler