Darmstädter Sezession

Über das Werk von Ute Bringmann-Schmolling

Von Dr. Roland Held – 13.07.2013

Künstlerkritik

Ute Brinckmann-Schmolling nimmt sich künstlerisch alle Rechte des weisen Narren heraus. Sie geht dediziert »Neue Wege«, wo Offenheit ihr wichtiger wird als Respektabilität, Seriosität, erst recht angestrengte Aktualität. Ihre jüngsten, seit 2004 datierenden Bilder sprühen vor einer launigen Erzählerischkeit, die uns im ersten Moment sprachlos machen, die Augen reiben und den Kopf schütteln lassen kann. Das collagehafte Wiederauftauchen herausgeschnittener Stücke aus alter Druckgraphik kennt man von ihrem Schaffen seit Jahrzehnten. Solches Recycling verleiht auch der informellen Ausdrucksweise, mit der sie bald nach 1990 einen neuen Anlauf ins stärker Malerische und ins größere Format unternahm, spannende Kontrapunktik. Doch achtete die Künstlerin bisher stets gewissenhaft darauf, daß die Figurenwelt ihrer Holzschnitte bei diesem Prozeß zur Unkenntlichkeit »zerschreddert« wurde. Wie mit einem Schlag jedoch hat Ute Brinckmann-Schmolling sich entschlossen, die säuberliche Demarkationslinie zwischen Figuration und Non-Figuration nicht länger zu respektieren. Stattdessen grenzgängert, irrlichtert, wildert sie mutig mit Schere und Pinsel drauflos: Wie Karnevalsparaden von zu unvorhersagbaren Streichen aufgeklebten Strolchen reihen sich die aufgeklebten Elemente, bald nach links, bald nach rechts kippend, vor reich strukturiertem Fond; freilich entstehen, je nach Farbstimmung und Formzuschnitt, immer wieder auch ernsthaft-eindringliche, im Einzelfall düstere Kompositionen. Gemeinsam ist all dem, daß sowohl per Collage Übernommenes wie Neugestaltetes keine Berührungsängste mehr hegt vor der Wiedererkennbarkeit.

Der Stilbruch wundert mich selbst ein bißchen, gesteht Ute Brinckmann-Schmolling. Andererseits kann sie sich noch gut an dessen Anlaß erinnern. Wieder einmal war sie Anfang 2004 dabei, jahrealte, verworfenen Bilder auszusortieren und mit einer Schicht von weißer Acrylfarbe für die Übermalung vorzubereiten. Wie üblich blieb vom Altbestand einiges an Linien, Klecksen, kleinen Kolorit-Inseln übrig, um hartnäckig durchzuschimmern. Und da soll ich jetzt wieder mit dem Pinsel drüber, große Kreise verteilen, wie gehabt?, stutzte sie plötzlich. Nein, ich will den schönen Grund nicht ruinieren. Und ihr ging auf, wie sehr sie sich nach der Einfachheit und Einheitlichkeit der großen, sparsam besetzten Fläche zu sehnen begonnen hatte: Zurücknehmen – das war‘s! Struktur löste, in einem ersten Schritt, informell-expressive, mit der Fläche verwobene Gestik ab und entlastete das Bild von Drama. Will man in der Terminologie bleiben, könnte man behaupten, das neue Leitbild der Künstlerin sei Poesie. Denn nach einer Weile überkommt sie doch der unwiderstehliche Trieb, der – dank mehrerer Papierschichten und Farbwaschungen – knitterigen, fleckigen, marmorierenden, changierenden Struktur Elemente hinzuzufügen, die, sei‘s in Schwebe, sei‘s in Verankerung, am unteren Bildrand eine Art Theateraufführung veranstalten. Man erinnert sich, daß Ute Brinckmann-Schmollings Berufswunsch einst in Richtung Bühnenbildnerei oder Innenarchitektur ging, wenn man staunden sieht, wie der subtil modulierte Fond zum Hintergrund wird für ein bewegtes Treiben im Vordergrund, bei dem selbst abstrakte Figuren irgendwie eine »Sprechrolle« erringen. Da der Mittelgrund fehlt, scheint dies tatsächlich mehr den Konventionen des Theaters als des gestaffelten Bildaufbaus zu folgen. Ohne freilich je zur Guckkastenbühne zu werden. Statt zentralperspektivischem Illusionismus regiert weiterhin die Fläche, Fläche im Singular wie im Plural.

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