Darmstädter Sezession

Eröffnungsrede zur 19. Skulpturenausstellung

Von Matthias Will – 31.08.2008

Allgemein

Open Air ist zugegebenermaßen ein sehr allgemeiner, eigentlich eher nichts sagender Titel für eine Plastikausstellung. Er besagt zunächst einmal nur, dass die Werke im Freien aufgestellt sind. Aber mit diesem Titel bzw. Nichttitel in seiner Offenheit, man kann es auch positiv als »open minded« interpretieren, ist eben auch gemeint, dass alle bildhauerischen Positionen, die in der Sezession vertreten sind und die sind nun einmal sehr divergent, beispielhaft hier gezeigt werden: figurative Arbeiten von der naturalistischen Abbildlichkeit bei Ludmila Seefried-Matejkova, einer eher expressive Formulierung bei Hubertus von Pilgrim, einer realistischen Auffassung mit politischer Inhaltlichkeit bei Kurt Sandweg bis zur weitestgeführten Abstraktion der menschlichen Form bei Volker Brüggemann.

Nichtgegenständliche Skulptur von konstruktivistischer und minimalistischer Form- und Raumbildung z. B von Jens Trimpin bis zur informellen Plastik z.B. bei Detlev Kraft und Siegrid Siegele mit ihrem je eigenen skulpturalen Ausdruck.

Detlef Kraft

Unser Anliegen ist es im bildhauerischen Geschehen des Kunstbetriebs einen Beitrag zu leisten und zu dokumentieren, welche künstlerischen Möglichkeiten in der zeitgenössischen Plastik ergriffen werden. Weiter ist es uns wichtig mit den Teilnehmer/innen einen bundesweiten Kontext herzustellen. Zu zeigen, dass die Sezession Anschluss hält an das überregionale Geschehen. Ich möchte nun nicht die einzelnen Künstler/innen vorstellen; Den meisten von Ihnen sind die Arbeitsansätze der Sezessionsmitglieder und ihre individuellen unverwechselbaren Ausdrucksweisen seit langem vertraut. Wir sehen auch heuer wieder neue Werke, die eine kontinuierliche Entwicklung repräsentieren. Hier soll nun vielmehr der Frage nachgegangen werden, welcher Zusammenhang zwischen dem verwendeten Material und der dreidimensionalen Formentwicklung besteht. Die der längsten Tradition verhafteten Materialien wie Stein, Holz Bronze und Terracotta setzen genau genommen keine Grenzen in Bezug auf die Formfindung, alle Formsprachen wie z.B. eine organische oder kristalline sind gleichermaßen denkbar. Das sehen wir an den Arbeiten von Helmut Lander, Eberhard Lincke, ebenso bei Armin Göhringer, der hier als Gast teilnimmt, bei Thomas Duttenhöfer, Waldemar Otto, Michael Schwarze, Werner Pokorny mit seinen Holzarbeiten und mit Einschränkungen bei Friedemann Grieshaber, der mit Beton arbeitet, den er giesst , last Not least bei Gotthelf Schlotter. Sie bewegen sich formend in einer uralten Tradition des Umgangs mit bildhauerischen Materialien, gewinnen ihr dennoch neue Zeitgenössische Aspekte ab.

Nun tritt in der Klassischen Moderne das bis dahin als nicht kunstwürdig geltende Eisen hinzu. Dieses Ereignis ist in seinen künstlerischen Konsequenzen gar nicht hoch genug einzuschätzen. Julio Gonzales hat aus der katalanischen Schmiedetradition heraus mit seinem Landsmann Picasso das Eisen und den Schrott künstlerisch salonfähig gemacht. Hier gibt es vom Material und seiner Bearbeitung gesetzte Grenzen der Formulierung. Gerade bei den hier vertretenen Hagen Hilderhof, Volker Bartsch und Matthias Will sieht man, wie die Verwendung von Stahlblechen, bei Bartsch Bronzeblech, in einer spezifischen dreidimensionalen Formulierung resultieren. Beispiel?! Die Integration von technischen Apparaturen als Erweiterung der Verwendung von industriellem Halbzeug in einen technoid erscheinenden künstlerischen Zusammenhang schlägt sich bei den Arbeiten Siegfried Kreitners in kinetischen Objekten nieder. Es ist eine Tradition der Moderne nach dem II. Weltkrieg, die er aufgreift und aktualisiert. Erwähnt werden muss auch der Beitrag Till Augustins, der als Gast zwei Objekte präsentiert, die er aus Porzellanisolatoren, wie man sie aus Umspannwerken kennt, fertigt. Sie werden mit der Diamantscheibe geschnitten und mit dem Meisel behauen . Ein durchaus ungewöhnliches und originelles skulpturales Verfahren, in dem Ausgangsmaterial und Herstellungsprozess in eine damit konsequent zusammenhängende Formulierung münden. Wir haben hier weiter in der Ausstellung einige Beispiele besonders bei den Vertretern der jüngeren Generation, die als Bewerber/Innen auftreten, wie ungewöhnliche Materialien auch zu einem neuen, frischen plastischen Ausdruck führen.

Till Augustin

Z.B. wäre hier Angela Glajkar zu nennen, die aus dicken Kunststofffolien schwebende Objekte schafft, deren Form direkt aus den Gegebenheiten des Materials hervorgeht oder die Gummiskulpturen von Gregor Passens, die als künstlerische Wiedergabe von Objekten des Alltags in ihrer Haptik und Oberflächenanmutung eine deutliche Verfremdung erfahren. Auch der Zusammenhang zwischen der Anmutungsqualität des Befremdlichen, wie sie den Figuren von Agata Agatowska eigen ist, und dem Einsatz des Industriematerials Mastix, das sie verwendet , wird so sinnfällig. Die Verwendung von Spiegelfolien bei Kayoko Matsunaga greift eine künstlerische Praxis aus der jüngsten Vergangenheit auf; nur unter Verwendung des Spiegelmaterials ist es möglich, multidimensionale Räume entstehen zu lassen , in denen Realraum und illusionärer Raum in eine spannende Beziehung geraten.

Aber es gibt auch in der Gruppe der Bewerber aktualisierte Bezüge zur Tradition zu verzeichnen, etwa in der “Frau I” Jan Gottschalks, in der Materialmontage und “kubistische” Umsetzung in eine eigenwillige Formulierung münden. Oder auch in den Drahtskulpturen Marten Georg Schmids, die er als Zeichnungen im Raum verstanden wissen möchte, wo die enge Beziehung zwischen Material und künstlerischer Form unmittelbar einleuchtet.

Jan Gottschalk

Bei Alexandra Klawitter ist der genannte Zusammenhang nicht so zwingend. Ihre Materialien Papier und Wachs sind allerdings so überzeugend eingesetzt, dass sie als Bedeutungsträger die Kontrastierenden Botschaften der Installation unterstreichen. Holger Grimm und Christian Ruckdeschel sind die am stärksten in einer Materialtradition verwurzelten. Auffallend bei beiden ist jedoch die konstruktivistische Formgebung des Steins, und sie beziehen, und das geht aus den Titel hervor, ihre Arbeit auf den plastischen Raum, weniger auf die Masse der Kernplastik und insofern sind sie künstlerisch auf der Höhe der Zeit.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Ausstellung die Bandbreite des bildhauerischen Schaffens der Gegenwart wiedergibt, und dass die Skulptur als künstlerische Kategorie entgegen allen Unkenrufen immer wieder sich als Lebendige darstellt.

24.08.2008
Künstlerhaus Ziegelhütte
24.08.2008
Künstlerhaus Ziegelhütte