Darmstädter Sezession

Licht – Katalogtext zur Jahresausstellung 2012

Von Matthias Will – 07.08.2012

Allgemein

Es ist ja schon etwas befremdlich, Skulptur und Licht in einem Ausstellungsthema zusammenzubringen. Andererseits auch gar nicht, wenn man an die Rodinsche Definition denkt: »Spiel des Lichts auf Buckeln und Löchern«, so oder ähnlich wird von ihm Skulptur als Kategorie charakterisiert.

Aber so traditionell ist der Titel auch nicht gemeint, da könnten ja alle Formen der Bildhauerei in die Ausstellung Eingang finden und wir fänden eine Wiederholung der bisherigen vielen Ziegelhüttenausstellungen vor, die als das Immergleiche in der öffentlichen Kritik standen, sondern es geht um den Aspekt der Lichtwirkung im genuin plastischen Zusammenhang als zentrales Thema.

Das Spektrum der Möglichkeiten umfasst Objekte aus lichtdurchlässigen und lichtreflektierenden Materialien, über Installationen, in denen das Licht geführt wird oder die sich der Elektronik bedienen.

Bei intensiverem Nachdenken über eine Bildhauerei des Lichts fällt mir Dan Flavin ein mit seinen die Technologie und Formsprache der Neonröhre benutzenden Lichtskulpturen, weiterhin James Turrell, der teilweise landartdimensionale Installationen einrichtet, die das Tageslicht zu künstlerischen Ausdruck bringen. Ich erinnere auch eine schmerzhaft-gleißende Neonröhreninstallation auf der documenta, die mich als Betrachter am Betrachten aggressiv gehindert und regelrecht aus dem Raum getrieben hat.*

Die Gruppe Zero in der Heinz Mack, Adolf Luther, Otto Piene und andere sich mit grundsätzlichen formund wahrnehmungskonstiuierenden, eben auch dem Licht und seinen Wirkungen, Phänomenen künstlerisch auseinandergesetzt haben. Im Bauhaus war Laszlo Moholy-Nagy tätig und schuf den Licht Raum Modulator, in Frankreich Nicolas Schöffer mit der Skulptur »Lux«, die die Grenzen der herkömmlichen Skulptur überschreiten und das Licht- und Schattenspiel als eine weitere Dimension des Plastischen begreifen.


DOMINIK MOHS & SALOME CHKEIDZE-MOHS
»Sonnenring«, 2012, Holz, Glas, 220 x 1000 cm

Also, bei längerem Nachdenken wird doch eine reiche Tradition der lichtskulpturalen Bildnerei deutlich und man muss sie als einen wichtigen bildhauerischen Strang in der Entwicklung der Moderne ansehen.

Hier könnte man auch eine theoretische Differenzierung der Beiträge der Ziegelhüttenausstellung vornehmen; hier die »Ingenieure«, die zum Teil aufwendige elektrotechnische Apparaturen benötigen, dort die »Romantiker«, die dem natürlichen Phänomen des Tages-und Nachtlichtes nachspüren. Ohne vorschnell Schubladen aufzumachen, halte ich es doch für sinnvoll nachzufragen: Wo sind die Anknüpfungspunkte in der Kunsthistorie, gibt es da Weiterentwicklungen, oder wird das Rad neu erfunden? Bei der eingehenden Beschäftigung mit den eingereichten Arbeiten wird jedoch deutlich, dass die künstlerischen Ansätze enorm vielfältig sind und es sich aus Respekt vor dem jeweiligen Werk verbietet, eine theoretische Verklammerung gewaltsam zu formulieren. Damit wird man den Arbeiten nicht gerecht. Was mir auffällt: Dass die Abbildungen vieler eingereichten Arbeiten von umfangreichen Texten begleitet werden; gut so, denn nur aus den Fotos erschliessen sich viele der Exponate für Matthias Will das Verständnis des Rezipienten nurunvollkommen. Von daher sind auch die Texte, die die einzelnen Beiträge erläutern, relativ umfangreich. Oft sind auch die Erklärungen der TeilnehmerInnen direkt im Text aufgeführt.

Erfreulicherweise hat sich eine Vielzahl von jungen Künstlerinnen und Künstlern mit ihren Arbeiten gemeldet, ein Indiz für die Brisanz des Themas, bedauerlicherweise nur wenige der Mitglieder, die sich auf das Thema einlassen wollten, was den Exponaten grösseren Raum zubilligt, also für die Ausstellungsoptik nicht unbedingt von Nachteil ist.

Licht hat ja immer auch etwas mit Illusion, mit visueller Täuschung und Irrealität zu tun, so z.B. die Arbeit von Alexander Glandien. Die Installation »Firnis« widmet sich dem Verhältnis von Wirklichkeit und ihrem reproduzierten Abbild. Den Ausgangspunkt bilden verschiedene gebrauchte Leuchtkästen. Statt einer plakativen Botschaft beleuchten diese jedoch eine hochauflösende und lichtdurchlässige Fotografie einer Innenansicht dieses Leuchtkastens. Die Fotografien zeigen die verborgene Technik des Leuchtkastens und sie legen sich wie ein medialer Schleier über das eigentliche Objekt.

Ebenfalls mit Neonröhren in Leuchtkästen arbeitet Christian Leitna, der seine Lichtskulptur teilweise in den Boden versenkt und damit die umliegende Ausstellungsfläche dynamisiert.


CHRISTIAN LEITNA
»Freigut«, 2012, Leuchtkasten mit klarem Plexiglas, 160 x 140 x 30 cm

In diesen sich andeutenden plastischen Zusammenhang gehören auch die Arbeiten von Michael Krenz: Er arbeitet bevorzugt mit Leuchtstoffröhrentechnik und spannt damit eine große Bandbreite von thematischen und formalen

In ihrer materialen Präsenz radikal reduziert erscheint die Lichtinstallation von Roland Burkart, in drei Metern Höhe aufgehängt, wirkt ein aus vier weißen Lichtlinien gebildetes Rechteck gänzlich immateriell und irritiert die Raumwahrnehmung des Betrachters.

Die Irritation der Raumwahrnehmung finden wir auch bei Stefan Demming. Zitat: »Endless Lights« ist ein Modell für das nächtliche Lichtermeer der Megalopolis. Im Triangel aus Spionspiegeln sehen Betrachter durch die Spiegel die Lichter im Inneren der Skulptur, wo der Blick gefangen ist und nicht wieder auf die dunkle Außenseite gelangt.

Die technischen Bedingungen provozieren die Interaktion zwischen Werk und Rezipient im folgenden Beitrag: In der Installation »Just Whistle« untersucht Judith Spang Dialogformen von einfachen elektronischen Vorrichtungen, die dem Wiederfinden von Gegenständen dienen. In Schwärmen von Tausenden erwachen die Schlüsselfinder nach der ersten Aktivierung zum Leben und kommunizieren akustisch und visuell miteinander. Sie leuchten wie Feuer und erinnern an Grillenzirpen. Im dunklen Raum kann der Betrachter durch Pfeifen in Kontakt mit ihnen treten. Ein Dialog entsteht nur unter den Bedingungen des Schwarms, während er mit dem einzelnen Element nicht möglich wäre. Wie in einer Kettenreaktion entfacht sich die Installation immer wieder neu, bis sie durch das Entladen der Knopfzellen erlischt, so die Ausführungen der Künstlerin.

Fabian Vogl zeigt einen acht Meter langen »Lichtsteg«, von außen eine formal strenge Skulptur, die innen abgedunkelt, mit Leuchtstoffröhren eine Struktur aus Lichtlinien schafft, integriert also traditionelle minimalistische Skulptur und das rein optische raumtranszendierende Lichtphänomen.

Die weiteren Exponate unter Verzicht auf elektrotechnische Apparaturen zähle ich zu den romantischen. Es geht letztlich um das natürliche Phänomen des Lichts, das zum künstlerisch-skulpturalen Ausdruck gebracht wird.

Im relativ traditionellen bildhauerischen Kontext bewegt sich die Arbeit von Thomas und Renée Rapedius. Es ist eine Konstruktion aus Metallstäben, spinnenartig, die mit nachleuchtender Farbe beschichtet ist.

Ohne großen technischen Aufwand, aber spannungsvoll funktioniert die »Lichtung« von Johannes Vogl. Der Blick des Betrachters richtet sich nach oben, er befindet sich jetzt auf einer Waldlichtung, mit dem Blick seitwärts fällt diese Illusion zusammen. Was bleibt, sind die Zeltstäbe und Abspannleinen einer Zeltkonstruktion und die jeweilige Umgebung.

Einen monumentalen »Sonnenring« installieren Salome Chkeidze-Mohs und Dominik Mohs, 10 m im Durchmesser und 2,20 m hoch, zusammengesetzt aus zahlreichen cameraobscura- Boxen. Sie interpretiert den Verlauf der Sonne an einem Tag und bildet diesen gleichzeitig mittels des camera-obscura-Prinzips ab.

Sebastian Mejia bewirbt sich mit dem »Höhlengleichnis«. Es ist ein Zeichnungsinstallationsprojekt, in dem auf real leeren Sockeln in der Schattenprojektion sich skulpturale Objekte abbilden. Wie in Platons Gleichnis geht es um die Fragestellung nach der Beziehung zwischen Realität und Illusion.

Constanze Schüttoff arbeitet mit »armen« Materialien wie Teefilterpapier, das sie zwischen Glasplatten fixiert, ihre Aufmerksamkeit der materialspezifischen Qualität der Lichttransparenz widmet. Es entstehen artifizielle »Horizonte«, die in der natürlichen Umgebung schwebend aufgehängt den realen Horizont konterkarieren.

Patricija Gilyte hingegen verwirklicht den Gedanken der arte povera mithilfe von Teelichtern, die sie in Form einer urbanen Struktur auf eine Aluminiumkonstruktion montiert. Zitat: Die assoziativ zu erfassende Bedeutung dieses Lichterfeldes wechselt je nach atmosphärischer Stimmung.


ROLAND BURKART
»Architektonischer Raum«, 2012, Optische Fasern, Kunststoffkabel, 972 x 600 cm

Linda Hollkotts Skulptur handelt vom Verschwinden: Bei dem »Kasten« handelt es sich um eine interaktive Installation. Der Betrachter wird darauf hingewiesen, dass er die Tür öffnen darf, um sich ein lichtempfindliches Fotogramm anzusehen, welches eine Existenzdauer von etwa sechzig Minuten hat. Nach Ablauf dieser Zeit verschwindet das auf dem Fotopapier zu sehende (Ab)-bild und das Papier wird monochrom.

Der Beitrag von Markus Hoffmann agiert mit dem natürlichen Licht. Die Installation «Spektral« ermöglicht es dem Betrachter, seine Umwelt in Farbaufspaltung innerhalb der Oberflächenreflexionen des Wassers wahrzunehmen. »Spektral« verändert sich in Abhängigkeit der in der Umgebung herrschenden Lichtsituation, zeigt die faszinierenden Farbspiele des Regenbogens, in einer Installation aus offenen Kästen.

Bei den Mitgliedern und Gästen der Sezession finden wir noch deutlicher den Bezug des Themas zur bildhauerischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte und dieser Bezug macht auch diese Ausstellung bedeutsam in ihrer Differenz zu den allenthalben und allerorten veranstalteten Luminalen. Gerade eben kam per Mail eine Info: Das Museum Celle veranstaltet unter dem Titel »Die Zukunft leuchtet «, ein Symposium zum Licht in der Gegenwartskunst. Also offensichtlich sind wir mit dem Ausstellungsthema ganz aktuell.

Wir wollten bei der Entscheidung für diese Thematik aber entschieden anknüpfen an das spezifisch Bildhauerische, sprich an die dreimensionale Formsetzung und die künstlerische Fortschreibung in eine Dimension des Flüchtigen, die statische Formulierung transzendierenden.

Hier nun die Beiträge im Einzelnen: Till Augustin als Gast widmet sich der Auseinandersetzung mit der extremen Sprödigkeit von Glas, das er mit der Flex bearbeitet,und damit Oberflächen entstehen lässt, die das Licht in vielfältiger Weise brechen und reflektieren. Er geht meines Wissens von vorgefertigten Industrieformen wie Isolatoren aus, die er zu einer freien prägnanten bildhauerischen Formulierung verknappt. Es sind Objekte, die sowohl das Licht der Oberfläche thematisieren als auch die Transparenz des massiven Körpers sinnfällig macht.

Birgit Cauer als von der Sezession Eingeladene baut großformatige Installationen, die begehbar, gehäuseartig aus farbigen, durchsichtigen- Kunststoffschläuchen geflochten und verknotet sind, in denen lichtaktive Flüssigkeiten leuchten. Sie knüpft assoziativ an natürliche Prozesse des Fließens, sei es rein energetisch oder auch grobstofflich in Organismen, an.

Joachim Kuhlmann, der in Darmstadt seine Arbeiten sonst in einem mitten im Wald gelegenen Skulpturengarten zeigt, hat zwei Stelen neu geschaffen, in denen »Licht« und »Schatten« plastisch formuliert sind.

Ruben Aubrechts Arbeit, die hier zur Realisation kam, ist ein technisch einfacher Vorschlag und geht auf die Morsecodearbeit »Untitled« von 2005 zurück.

Horst Dieter Bürkle spielt Theater. In seinen Objektkästen, vor allem in »Spätfilm« lebt eine Dramaturgie auf, voller hintergründiger Anspielungen, Licht, gesteuert von einem Zufallsgenerator, ist aktiver, gleichzeitig verborgener Teil des Bühnengeschehens, erzählt Geschichten voller Assoziationen an Spielfilm, an Luis Buñuel und Hollywood.

Siegfried Kreitner beschäftigt sich schon sehr lange intensiv mit leuchtenden Arbeiten. Es sind oft Stelen, die in einer langsamen Öffnungsbewegung ihrer Oberflächen – die Antriebstechnik ist das Ergebnis ingenieurmäßiger Tüftelei – ihr strahlendes Inneres nach Außen kehren. So auch der aktuelle Beitrag: Eine strenge »Industrieform « erinnert an die Masten der Mobiltelefonie, zusammengesetzt aus einem schlanken Zylinder im unteren Bereich und einer mehrkantigen Säule oben, deren Flächen sich öffnen und schließen, das Innere in einem langsamen Rhythmus aufleuchten lassen. Vielleicht könnte man hier eine Nachbarschaft zu den Arbeiten von Sigrid Siegele wahrnehmen. Sie setzt ihre Stelen und einen Kubus aus modellierend bearbeiteten Tonziegeln zusammen, trennt diese entstandenen geschlossenen Körper durch vertikale Schnitte auf, um in diesen dabei entstandenen schmalen Räumen mit Plexiglas und LED-Technik gleichsam Licht zu fangen und geheimnisvoll nach außen strahlen zu lassen.

»Lichtspalt« ist der Titel der eher kleinformatigen Stahlarbeit von Hannes Meinhard. Man könnte hier von einer Stonehenge-Anmutung sprechen. Dieser prähistorische Steinring gewinnt seine faszinierende Atmosphäre auch aus der spannenden Beziehung zwischen den monumentalen Steinblöcken und den Sonnenstrahlen, die im Tageslauf immer wieder anders diesen Kreis durchscheinen. So ist bei diesem Beitrag der Moment des Aufscheinens des Sonnenlichtes durch den ansonsten kompakten und schweren plastischen Körper konstitutiv für das Werk.

Matthias Will beschäftigt sich in seiner neuen Arbeit »Lichtraummodulator « verstärkt mit den Lichtwirkungen auf der Oberfläche der Edelstahlelemente, aus denen sie zusammengespannt ist. Durch den Einfall des Lichts auf die unregelmässig geflexte Schleif-Struktur entstehen illusionäre Tiefenräume, die sich ständig verändern, aber auch blendende Blitze überstrahlen die dreidimensional definierte Plastizität.


MATTHIAS WILL
»Zwei Viertelkreise, aufschwingend«, 2012, VA-Edelstahl, 120 cm hoch

Moritz Frei zeigt einen Leuchtglobus – auf den ersten Blick – strahlende Kugel in einem uns ästhetisch vertrauten Metallträger, aber es gibt keine kartographisch gestalteten Kontinentalflächen, nur das weiße neutrale Licht einer Kugellampe, die zudem an einem Elektrokabel hängt: Ein Rätsel, wie Regenschirm und Nähmaschine auf Seziertisch.

Zusammenfassend kann man von einer Ausstellung sprechen, in der die vielfältigen künstlerischen Ansätze der Bildhauerei, die das Licht zu einem wesentlichen Teil der Arbeit machen, zur Geltung kommen, natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Man darf gespannt sein wie sich dieser Strang der zeitgenössischen Skulptur, womit ebenso Plastik wie Installation begrifflich gefasst sind, entwickeln wird.

* Will verweist hier auf die Installation »Lament of the Images« des Chilenen Alfredo Jaar im Fridericianum anlässlich der documenta 11 im Jahre 2002. (Anm. d. Red.)

16.06.2012
Künstlerhaus Ziegelhütte