Darmstädter Sezession

Landschaft – Sehnsuchtsort – Seelenraum

Von Katharina Siegmann – 22.07.2013

Künstlerkritik

Landschaft – Sehnsuchtsort – Seelenraum, die Malerei von Daniela Ginten

Das Thema der Malerin Daniela Ginten ist die Natur. Ihre Gemälde stehen in der Tradition der Landschaftsmalerei. Zumeist handelt es sich um stille Landschaften, still im Sinne von unbevölkert. Manchmal treten Tiere in Erscheinung, selten Menschen, die dann in der Unendlichkeit der Landschaft klein und vereinzelt sind.

Die Landschaft ist die Gattung der Moderne schlechthin, denn sie ist Spiegel menschlicher Gefühle, Bedürfnisse und Sehnsüchte. Mit Landschaft ist ein Sehnsuchtsort des der Natur entfremdeten, zivilisierten Menschen gemeint. Warum sprechen wir von Landschafts- und nicht von Naturmalerei? Unter Natur versteht man den endlosen Zusammenhang der Dinge; von einem Gemälde mit Naturmotiv als „ein Stück Natur“ zu sprechen wäre also ein Widerspruch, denn die Natur hat keine Stücke – sie ist die Einheit eines Ganzen. Landschaft ist demgegenüber das Abgegrenzte, ein Ausschnitt, ein Teil. Und wie geht es vor sich, dass wir mit „Landschaft“ zwar einen Ausschnitt der Natur meinen, der uns als geschlossene Einheit erscheint? Die Natur ist ein Ganzes und weiß nichts von Vereinzelung oder Individualität – es ist der ausschnittbildende Blick des Menschen, der ein Stück Natur als individuelle Landschaft bestimmt. Von „Landschaft“ ist erst seit der Neuzeit die Rede. Dem Philosophen Francesco Petraca wird die „Entdeckung der Landschaft“ zugeschrieben. Erst als sich in der Renaissance das Bewusstsein für das Subjekt, für das Einzelne, einzigartige Subjekt herausbildete, trat aus dem einheitlichen Fühlen und Verständnis einer Allnatur die Wahrnehmung und der Begriff von Landschaft heraus. Der Impuls dazu lag im Einzelnen, der begehrte, eine eigene kleine Einheit im großen Ganzen zu sein. Landschaft ist also der Blick auf einen Teil, einen Ausschnitt der Natur, den das Individuum bestimmt. Einzelne Elemente der Natur – Bäume, Fluss, Wiese, Strand, Fels – sind das Material zur Landschaft. Doch noch nicht die Summe einzelner Naturgegenstände ist Landschaft, es ist der Blick des Individuums, der ein Stück Natur aus seiner Gesamtheit ausgrenzt, als Einheit auffasst, Charakteristisches nimmt, anderes fortlässt und etwas Prinzipielles daraus macht. Jeder wird den Impuls kennen, das, was man sieht und von dem man ergriffen ist, zu bannen. Schnell ist ein Apparat zur Hand und Fotos werden von dem Stück Natur gemacht, das uns so begeistert. Das Ergebnis ist meist enttäuschend. Das Foto ist ein vages Abbild dessen, was wir gesehen und gefühlt haben; eine Anregung zur Erinnerung, mehr nicht. Die Künstler – die Komponisten, Dichter und bildenden Künstler – können mehr. Denn Landschaft entsteht erst durch Distanz zum Objekt infolge von Abstraktionsprozessen. Landschaft entsteht, indem ein Nebeneinander zu einer besonderen Einheit gefasst wird. Erheblichster Teil dieser Einheit ist das, was man „Stimmung“ nennt, weswegen man auch von „Stimmungslandschaft“ spricht. Wo ist der Ort, der Sitz der Stimmung einer Landschaft? Ist es ein besonderer Teil der Natur, etwas Markantes, Spezielles in den Gegebenheiten einer Landschaft? Oder liegt es im Betrachter, genauer im Gefühl des Betrachters beim Anblick der Landschaft? Nehmen wir den Umweg über das Gedicht: Ein Gedicht besteht aus Worten; die Welt des Gedichts entfaltet sich, wenn es mit den Gedanken und den Empfindungen des Lesers gepaart wird. Dann entsteht ein Bild im Leser. Ebenso ist es mit der Landschaft: sie entsteht aus der gegebenen Natur und dem individuellen Blick, der den Erfahrungs- und Gefühlsraum des Betrachter öffnet. Das Sehen von Landschaften ist eine uns selbstverständliche, eine kulturell eingeübte Fähigkeit. Es ist ein seelischer / geistiger Akt, der aus der zerlegten Natur eine Einheit zustande bringt, die eine bestimmte Stimmung auszeichnet. Die Stimmung einer Landschaft wahrzunehmen, ist ein gestalterischer Akt des Betrachters. Wie gesagt, es ist ein geistiger, ein immaterieller Prozess des Betrachters. Diesen zu einer dinglichen, gegenständlichen Form zu verdichten und anderen verfügbar zu machen – als Gedicht, als Komposition oder als Malerei –, bedarf zusätzlicher Fähigkeiten; wie der Fähigkeit zur Transformation, zur Verdichtung und Materialisierung eines Eindrucks. Die Wahrnehmung von Stimmung einer Landschaft ist die Grundlage; Abstraktionsvermögen und gewisse technische Fähigkeiten im Umgang mit Sprache, Tönen, Farben oder andere gestalterische Mittel kommen hinzu. Licht und Farben des Gesehenen muss der Maler analysieren und übersetzen können in materielle Farben. Er muss begreifen, wie sich der dreidimensionale Landschaftsraum in eine zweidimensionale Bildfläche übersetzen lässt. Er muss wissen, wie sich Wahrnehmungsprozesse abspielen, wie Form und Inhalt aufeinander bezogen sind. Mit Wissen meine ich nicht zwingend umfängliches naturwissenschaftliches Kenntnisse, aber grundlegende Prinzipien von Raum, Perspektive sowie Licht und Farbe. Unerlässlich sind fundierte Erfahrungen im Umgang mit den Materialien des Malers – wie Qualitäten und Eigenschaften von Trägermaterialien und Farben – sowie die Beherrschung künstlerischer Techniken im Umgang mit denselben. Dabei geht es um ein immerwährendes Ausloten der Möglichkeiten der Malerei. Es sind also spezifische Fähigkeiten des Malers, synästhetische Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozesse, Gesehenes, körperlich und emotional Empfundenes, mit Stift, Pinsel und Farbe in sichtbare Form zu bringen, die in der Gegenständlichkeit einer Skizze, eines Aquarells, eines Gemäldes wiederum beim Betrachter sinnliche Wahrnehmung evoziert. Die reinste Form der Landschaftsmalerei verzichtet daher auf jegliche Erzählung und liefert mit dem Bild einen Evokationsraum für den Betrachter, ohne eine Geschichte zu erzählen. Nehmen wir Gemälde wie o.T. (Flusslandschaft) oder o.T. (Entengrütze), beide von 2011. Ein wenig Abstraktionsvermögen wird dem Betrachter abverlangt, denn Daniela Gintens Malerei ist keine fotorealistische. Sollte das Betrachten, das Einsehen (im Wortsinne) nicht ausreichen, so helfen die Untertitel: es handelt sich um Wasserlandschaften, einmal um einen ruhig dahinfließenden Fluss im Abendlicht, dessen Ufer mit Bäumen gesäumt ist, und im anderen Fall um die unbewegte Oberfläche eines Teichs oder Sees, in dem sich Gräser oder kahle Sträucher spiegeln. Insbesondere Wasser ruft als sinnbildlicher Ausdruck Emotionen und Sehnsüchte hervor, denn mit ihm verbindet sich Schöpfung und Vernichtung, Hoffnung und Verzweiflung, Fruchtbarkeit und Vergänglichkeit. Hinzu kommt all das Sinnliche des Wassers – das Fühlbare von Nässe, Wärme und Kälte, Wind; das Hörbare des Fließens, Plätscherns, Rauschens, Brandens; sowie salziger, modriger, brackiger Geruch und Geschmack. Und über und in allem das Licht, das eine spezifische Atmosphäre bedingt. Das Licht des Malers sind die Farben, die den Eindruck von Sommerfrische, Abendsonne, Schwüle, Mondschein, frischer Brise oder brausendem Sturm erwecken. Für die Wiedergabe des Lichts und ihre feinsten atmosphärischen Effekte bedarf es großer Sensibilität und Versiertheit im Umgang mit Farben. Dass Landschaftsmaler auf Erzählung verzichten können, verdanken wir den Künstlern der Romantik, denen die stimmungsvolle Erfahrung von Landschaft das reinste, ja mystische Erleben war. Den Romantikern wurde die Natur zur Stimmungslandschaft und das künstlerische Ziel nicht wirklichkeitsgetreue Wiedergabe einer bestimmten Örtlichkeit als vielmehr Verbildlichung von Landschaft als gleichnishaften Ausdruck von Gefühlstimmungen, Erfahrungen und Lebenshaltungen. Mit dem romantischen Malerschriftsteller Carl Gustav Carus lässt sich zusammenfassend sagen: Das zentrale Anliegen der Landschaftsmalerei ist die „Darstellung einer gewissen Stimmung des Gemütslebens durch die Nachbildung einer entsprechenden Stimmung des Naturlebens“. Von der Stimmungslandschaft sind kosmische Landschaften nicht fern, zumal, wenn die vier Elemente als Thema gewählt sind: Erde (Landschaft), Wasser (Wolken, Meer, Schnee, Eis), Luft /Licht (Himmel), Feuer (Sonne). Von kosmischen Landschaften lässt sich bei Daniela Gintens abstrakteren Gemälden sprechen, bei denjenigen, die durch Nahsicht, durch Weglassen des orientierungsgebenden Umraums einen Ausschnitt von Natur wiedergeben, wie o.T. (Abendlicht) oder o.T. (Ölfilm), beide 2012. Besonders letzteres bietet dem Betrachter Einblick und Ausblick zugleich: schaut man in die Öffnung zu einer Welt hinein oder aus einem schwarzen Loch in eine andere Dimension hinaus? Das Element Wasser in seinen Aggregatzuständen (Lache, See, Fluss, Meer, Dunst, Nebel, Wolken, Eis), als stille oder bewegte Oberfläche, insbesondere das Phänomen der Spiegelung beschäftigt Daniela Ginten. Endlose Weite und Tiefe, Unbegrenztheit, Ruhelosigkeit – als Sinnbild von Idylle und Einsamkeit dienen Wasser und Spiegelflächen als Projektionsraum melancholischer Sehnsüchte und träumerischer Phantasien. Auch das Wilde, Unbezähmbare, Unberechenbare, Schreckliche des Wassers ist nicht per se negativ, denn es liefert Referenzbilder für innere Ruhelosigkeit oder Bedrohung. Somit ist o.T. (Nordsee) von 2011 sowohl die Darstellung eines sich über dem Meer zusammenbrauenden Sturmes als auch Metapher für seelischen Aufruhr. Sagt man denn nicht die Seele sei wechselhaft wie die Wasser des Meeres? Nach Friedrich Schiller sind die Landschaftsmaler Seelenmaler, auf jeden Fall sollten sie es sein. Seelenmaler – das klingt altmodisch. Aber beurteilen Sie selbst, wie die Gemälde von Daniela Ginten auf Sie wirken. Am besten wäre es natürlich, Sie müssten nicht mit dem Abbild eines Gemäldes vorlieb nehmen, könnten eines ihrer Gemälde unmittelbar besehen und die Farben direkt auf sich wirken lassen. Die Landschaften, die Daniela Ginten malt, erkennen sie. Nicht weil es sich um spezifische Orte handelt, die Sie schon einmal gesehen haben, sondern weil es Stimmungen von Landschaften sind, die Sie in der Betrachtung der Gemälde erneut erleben.

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