Darmstädter Sezession

KRITISCHE MASSE – STATT EINES VORWORTS

Von Hans Weitzel – 26.11.2009

Allgemein

Der Darmstädter Sezession darf man in diesem Jahr zu ihrem 90jährigen Jubiläum gratulieren. 21 Künstler, darunter Max Beckmann, Carlo Mierendorf und Ludwig Meidner, hatten sie 1919 gegründet. Sie haben sich auf ihre Fahnen geschrieben: Erreichung des politischen, kulturellen, künstlerischen Kontakts. »Tod aller Isolation!«, so ihre Worte von damals. Sie wollten gehört werden, und sie wollten, mit einem heute in der Soziologie gängigen Begriff ausgedrückt, eine »Kritische Masse« bilden. Das ist auch heute noch das Anliegen der derzeit 110 Mitglieder der Sezession: zu demonstrieren, dass die Kunst in unserer Gesellschaft etwas zu bewegen hat und auch bewegen will. Die Ausdrucksformen heutiger Kunst sind vielfältiger als in früheren Zeiten, aber eben das hilft dem Anspruch weiter, »Bewegende« zu sein. Nicht das Individuum, nicht der einzelne Künstler für sich allein soll dabei der »Beweger« sein, sondern die Gruppe als ganze. Die Künstler der Sezession zusammengenommen bilden eine «Kritische Masse», und so ist auch der Titel dieser Ausstellung zustande gekommen. Auch der Begriff »Kritische Masse« feiert in diesem Jahr ein Jubiläum: Vor 70 Jahren wurde er mit der Entdeckung der Spaltbarkeit von Atomkernen in die Atomphysik eingeführt. Es ist daher vielleicht kein Zufall, dass neben der Darmstädter Sezession mit Oliver Bukowski auch ein Dramatiker den Begriff «Kritische Masse» in diesem Jahr aufgegriffen und als Titel eines Dramas gewählt hat. Vor ihm hatten schon einige Dramatiker das Thema Kernspaltung und Atombombe behandelt, etwa Carl Zuckmayer 1955 mit »Das kalte Licht«, Heinar Kipphardt 1964 mit »In der Sache J. Robert Oppenheimer« und Michael Frayn 1998 mit »Kopenhagen«. Bukowski allerdings verwendet diesen Begriff für sein im Februar 2009 in Hamburg uraufgeführtes Stück »Kritische Masse« im übertragenen Sinn; es ist ein soziales Drama.

Stefan Thiel

Worum geht es in Bukowskis Stück? Die Bühne: »Verwahrloster Stadtpark/ Grünanlage« bzw. eine »Platte« von der Balkonseite her; auf einem Balkon werden Blumen gepflegt, auf einem anderen wird gegrillt. Die 15 Agierenden, alle so gut wie arbeitslos, klagen darüber, dass ihr »Amt«, vielleicht eine Hartz-IV-Behörde, geschlossen ist; warum, fragt niemand. Sie warten vor dem Amt, oder ihrer Situation mehr entsprechend: Wir werden hier von oben herab gewartet. Soll man meckern, demonstrieren oder gar eine Revolution beginnen? Zwar fallen Worte wie »kleine Guerilla-Truppe«, »Barrikadenkämpferin« und »Jean d’ Arc der Stütze-Empfänger«; eine singt, wenn auch »zu hochstimmig«, Erkämpft das Menschenreeeecht … Pampalabam. Kurzum, diese Leute unternehmen nichts gegen ihre Not, sieht man von Sprüchebändern an ihren Balkonen ab. Ein Exkneiper unter ihnen lädt auf seine Insel ein. Die Insel ist aber nur der Name seiner erträumten Kneipe; oder soll er diese, und da fällt das Wort, »Kritische Masse« nennen? Jede nennenswerte sossiale Bewegung der Moderne entstammt woher? Der Kneipe entstammt ssie … Die Arbeiterbewegung, das Proletahariat? – Kneipe! …. Seine Kneipe ist eine Konkursmasse, was meint, sie gehört der Deutschen Bank. Irgendwann später ziehen sie dann doch in weißen Shirts, auf denen die jeweils aktuelle Zahl an Arbeitslosen geschrieben steht, vor das Amt; mit Sprechchören »Kopf oder Zahl«, womit sie meinen: Wir fordern Deinen Kopf oder Du zahlst uns die Stütze. Konstruktiv ist nur einer: Ich trage mich mit dem Gedanken, nachher zu grillen. Sind Sie im Boot oder haben Sie ethische Bedenken? Eine Antwort: Gern, ich bin ein rasender Freund guter Grillwurst. Und so endet der Aufruhr der verhinderten Stützeabholer in einem Grillfest in einer städtischen Grünanlage: Ganz egal warum ihr euch trefft, es wird immer irgendwie ne Grillsituation … Also nichts ist es mit einer »kritischen« Masse, erst recht nichts mit einer revolutionären. Die »Figurenbibel« ist gleichwohl nur zur Hälfte »typisch Ost«, sagt Bukowski in einem Interview. Ost-West, längst ist das marginal, die kulturellen Umbrüche der Globalisierung und des verschärften Existenzdrucks allerorten sind viel stärker. Sozialtransfers, Armutsgrenze, Verelendungsdruck, Schonvermögen; darum geht es. Und Luc Boltanski verfeinert für uns Akademiker mit Lumpenintelligenz …, sagt Bukowski weiter – »Und die Kunst, die Künstler?« darf man ergänzend fragen. Unter den Künstlern hat es schon immer ein Prekariat gegeben, aber auch ein solches wie heute? Gleichwohl, die diesjährige Ausstellung der Darmstädter Sezession will zeigen, dass Künstler in der Gruppe stark sind, als »Kritische Masse« verstanden werden wollen; diesem Ziel aus ihren Gründertagen ist die Darmstädter Sezession bis heute treu geblieben.

Thomas Duttenhoeffer

Schon vor einiger Zeit haben unmotorisierte Teilnehmer am Straßenverkehr den Begriff »Critical Mass« aufgegriffen. 1992 traf man sich in San Francisco zu einer Fahrraddemo; man forderte einfach mehr Anteil an der Verkehrsfläche für sich. Eine «Critical Mass» wird nicht organisiert; dass eine stattfinden soll, spricht sich einfach herum. Heutzutage wird dazu im Internet aufgerufen, sei es um wie 2004 in New York gegen einen Parteitag der Republikaner oder wie alljährlich in Budapest für neue Radwege zu demonstrieren; 2008 waren es dort 80 000 Rad fahrende Demonstranten. In Deutschland ist auch das geregelt: § 27 StVO (1) schreibt vor, wie man sich als Radfahrer bei solchem Fahren »im Verband« zu verhalten hat. »Critical mass« mit »Kritische Masse« zu übersetzen, trifft hier vielleicht nicht ganz den Kern; es ist eine »kritisierende« Masse. Diese wird gleichwohl zu einer »kritischen«, wenn sie auf Grund einer großen Teilnehmerzahl den Verkehr lahm legt. So verstanden, lässt sich der Begriff dann auch auf alle gesellschaftlich relevanten Gruppen oder Systeme verallgemeinern: Kritische Masse eines Systems ist der Punkt, an dem das System genügend Eigendynamik entwickelt, um sich selbst zu erhalten.

Zur Atomphysik, genauer der Atomkernphysik: Nach der Einsteinschen Formel E = mc2 von 1905 würden ungeheure Energiemengen frei, wenn man Massen verschwinden, d. h., sich in Energie umsetzen lassen könnte. Wie diese Umwandlung, etwa der Masse eines Atomkerns, in Energie technisch realisiert werden sollte, war lange Zeit unklar: Wer von einer technischen Ausnützung der Atomkernenergie spricht, der redet einfach Unsinn, sagte 1935 Ernest Rutherford. Niels Bohr schrieb Anfang 1936 zur praktischen Nutzbarmachung der Kernenergie: Je mehr unsere Kenntnis der Kernreaktionen fortschreitet, desto weiter scheint dieses Ziel in die Ferne zu rücken. Da erschien am 6. Januar 1939 in der Zeitschrift Die Naturwissenschaften die von den Chemikern Otto Hahn und Fritz Straßmann verfasste Arbeit über die Entdeckung der Kernspaltung von Uran beim Beschuss mit Neutronen; hierbei besitzen die beiden als Spaltprodukte entstehenden Atomkerne zusammengenommen weniger Masse als der Urankern. Im April entdeckten Frédéric Joliot und Mitarbeiter, dass je gespaltenem Kern zusätzlich 2-3 Neutronen frei werden, die ihrerseits weitere Kernspaltungen von Urankernen bewirken und das immer so weiter nach Muster der berüchtigten Kettenbriefe, wie Max Planck einmal formulierte. Diese Kettenreaktion endet erst, wenn alle Kerne eines Präparats gespalten sind. Kritische Masse ist dabei genau die Masse, die ausreicht, die Kettenreaktion durch Hinzufügen eines einzigen weiteren Neutrons zu der Masse auszulösen. Ende April 1939 wurde man hellhörig; in Berlin trafen sich im Reichserziehungsministerium namhafte Physiker und gründeten den »Uranverein«, dessen Aufgabe die Herstellung eines Kernreaktors auf Uranbasis war; parallel wurde auch das Heereswaffenamt aktiv. Seit dem liefen die Arbeiten in Deutschland unter Geheimhaltung.

Dennoch erschien am 9. Juni 1939, wieder in Die Naturwissenschaften, von Siegfried Flügge eine ausführliche Arbeit »Kann der Energieinhalt der Atomkerne technisch nutzbar gemacht werden?« Er dachte dabei an den Bau eines Atomreaktors, nicht an den einer Atombombe. Aber erstens ist Zerstören einfacher als Aufbauen, und zweitens sind Militärs bei der Verwendung von Erfindungen bereits seit Galilei 1609 schon immer schneller als Zivile. Der Termin für den Überfall auf Polen und damit den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war schon Mitte Juni 1939 auf das Datum 25.8./1.9.1939 festgelegt worden, und dennoch konnte man ein paar Tage vorher noch lesen, wie ein Atomreaktor zu bauen war. Lassen wir Flügge selbst sprechen: Wenn jedes Neutron, das eine Aufspaltung hervorruft, im Gefolge der Aufspaltung 2 oder 3 Neutronen frei macht, so muß es möglich sein, daß diese Neutronen ihrerseits wiederum neue Aufspaltungen anderer Urankerne herbeiführen und auf diese Weise ihre Zahl noch weiter vergrößert wird, so daß eine Kettenreaktion ohne Ende schließlich zu einer Umsetzung des ganzen in dem bestrahlten Präparat vorhandenen Urans führen kann. Für das Uranoxid U3O8 findet er: Der Durchmesser einer bestrahlten Kugel aus uranhaltiger Substanz muß groß sein gegen die freie Weglänge (der Neutronen im Präparat), wird also einige Meter betragen müssen. Damit ist die Kritische Masse abgeschätzt. Der Autor rechnet auch anschaulich um, dass 1 m3 aufgeschüttetes U3O8, das sind 4,2 t, genügt zur Aufbringung der Energie, welche nötig ist, um 1 km3 Wasser (Gewicht 1012 kg) 27 km hochzuheben! Wobei diese Energie ohne besondere Vorsichtsmaßregeln in einem Zeitraum von weniger als 1/100 sec in Freiheit gesetzt wird; wir haben es also mit einer außerordentlich heftigen Explosion zu tun. Flügge schränkt zwar in einer Fußnote ein, dass eine »Verarmung« des Urans und die »gebildeten Spaltungsprodukte« zu einer allmählichen Verlangsamung der Reaktion führen sollten; diese sollte aber wohl dennoch mit einer Explosion verbunden geblieben sein. Entscheidend ist, ob es gelingt, eine hinreichende Verzögerung herbeizuführen, die es ermöglicht, die Geschwindigkeit des Ablaufs nach Belieben zu steuern und herabzudrücken. In Atomreaktoren gelingt dies. Der Autor schlägt vor, diese Uranoxidmenge mit 280 kg Wasser und 56 g metallischem Kadmium anzusetzen. Das liest sich banal wie ein Kochrezept: 125 g Putenbrustfilet in feine Streifen schneiden, in 20 g Butter in einer heißen Pfanne bräunen, herausnehmen. Das Gemüse sorgfältig waschen, putzen und … usw. usw.; das ist jetzt wieder zitiert aus Bukowskis Stück. Flügges »Uranmaschine« würde von selbst bei 350 °C brennen, gleichgültig, wie viel Energie ihr dauernd entzogen wird. Würde man zu wenig Kadmium beimischen, stellten sich viel zu hohe Temperaturen ein, z. B. 2300 °C, und der Reaktorkern würde schmelzen; das nennt man heute GAU (größter anzunehmender Unfall). Die angegebene Uranmenge erzeugt so viel Energie, um 11 Jahre lang die ganze Leistung der Kraftwerke der »Reichselektrowerke«, also der mit »der mitteldeutschen Braunkohle arbeitenden Großkraftwerke zusammengenommen«, zu ersetzen. Dabei soll die »Uranmaschine«, in der das Uran langsam verbrennen soll, etwa einmal täglich von radioaktivem Abfall gereinigt werden; so weit Flügge 1939. Ganz so einfach war es nicht, aber im Dezember 1942 hatte man unter Leitung von Enrico Fermi in Chicago einen Reaktor gebaut, den Chicago Pile 1; das war eine 6 m hohe Aufschichtung von Platten aus Uranmetall und Graphit. Diese Urananhäufung war die erste, die jemals kritisch wurde, und es wäre auch zu einer Überhitzung verbunden mit einer Kernschmelze gekommen, hätte man sie nicht mit freie Neutronen schluckenden Kadmium-Stäben gesteuert.

Volker Brüggemann

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war »Schluss mit lustig«, und die Unschuld der Physiker und Chemiker nahm ihr Ende. Es wurde bitterer Ernst; denn wohlgemerkt, bisher ging es in diesem Beitrag immer um gewöhnliches Uran, wie es in der Natur im Uranpecherz, d. i. Pechblende, oder in anderen Mineralen vorkommt und in Bergwerken abgebaut wird. Natururan besteht zu 99,3 % aus dem Isotop 238U und zu 0,7 % aus 235U; Niels Bohr zeigte im Februar 1939, dass nur letzteres spaltbar ist, und für dieses schätzte Werner Heisenberg eine Kritische Masse von 47 kg ab, entsprechend einer Kugel von 17 cm Durchmesser. Hüllt man das Uranisotop 235U in so genannte Neutronenreflektoren, z. B. aus Stahl, ein, reduziert man die Kritische Masse auf nur noch ein Drittel. Zum Glück der Menschheit kann man aus Natururan keine Atomwaffen bauen; dafür braucht man mit dem Uranisotop 235U sehr hoch angereichertes Uran, und das herzustellen, ist technisch extrem schwierig. Aber wir wissen alle, was trotzdem kam; es war schlimm genug. Die Amerikaner hatten im Juli 1945 ihre Atombomben einsatzbereit, und zwar eine mit angereichertem Uran und eine zweite mit Plutonium als Spaltmaterial. Vom Plutonium hatte man sein Isotop 239Pu aus der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente von Kernreaktoren gewonnen; es besitzt eine »Kritische Masse« von 10 kg. Im August 1945 fielen die mit Uran bestückte Atombombe Little Boy auf Hiroshima und die mit Plutonium bestückte Atombombe Fat Man auf Nagasaki. Little Boy war eine Art Kanonenrohr, die eine Hälfte der Kritischen Masse schoss man in diesem Rohr mit konventionellem, also chemischem Sprengstoff auf die zweite Hälfte, und die Bombe explodierte augenblicklich. Atombomben mit Plutonium sind komplizierter gebaut; man muss die Kritische Masse in viele Teile zerlegen, diese auf der Oberfläche einer Kugel anordnen und in das Kugelzentrum hinein implodieren lassen.

1952 explodierte die erste, in ihrer Wirkung noch einmal wesentlich stärkere Wasserstoffbombe auf einem Pazifik-Atoll. Sie basiert auf der Fusion von Wasserstoffkernen zu Heliumkernen und wird dabei selbst durch eine Atomkernspaltungsbombe gezündet. Solche Kernverschmelzungen finden in der Sonne statt und erzeugen deren Energie. Danach entwickelte man in den USA noch »Babybomben«, deren Kleinheit man als Vorteil ansah, weil man sie als taktische Atomwaffen z. B. wie Artilleriegranaten einsetzen kann, und mit diesen wollte z. B. die Regierung der FJS-Zeit die Bundeswehr aufrüsten. Wenigstens diese blieben uns, wie auch die später noch entwickelten Neutronenbomben, erspart. Aber die Angst der Bevölkerung vor einem GAU, also der Kernschmelze eines Kernreaktors etwa infolge des Ausfalls der Reaktorkühlung, ist seit dem Unfall in Tschernobyl am 26. April 1986 nicht gewichen, ebenso wenig wie die berechtigte Sorge, dass immer mehr Staaten Atomwaffen herstellen und diese dann auch einsetzen könnten. In diesen Tagen gedenkt man mit Feiern des Falls der Berliner Mauer vor 20 Jahren und der Montagsdemonstrationen in Leipzig, die ihm vorangingen. Die Teilnehmerzahlen dieser Ereignisse sprechen für sich (sie stammen von Internetseiten des Hauses der Geschichte der BRD in Bonn): 4.9.89 1.000 Teilnehmer, 25.9.89 8.000 T., 2.10.89 20.000 T., 9.10.89 70.000 T., 16.10.89 120.000 T., 23.10.89 320.000 T., 9.11.89 der größte Teil der Bevölkerung der gesamten DDR. Auch die diesem Beitrag beigefügten Fotos der Ereignisse sprechen Bände. In Analogie zu unseren Betrachtungen zum Begriff «Kritische Masse» drängt sich die Frage auf: Wie viele DDR-Bürger mussten eigentlich auf die Straße gehen, damit die sich abzeichnende friedliche Revolution durch die Staatssicherheit nicht mehr zu stoppen war? Natürlich kann die Physik dazu nichts sagen. Aber es gibt andere, genauso bedeutende Fragen, die im Teilgebiet Thermodynamik der Physik im Rahmen der Untersuchung »kritischer Phänomene« bei Phasenübergängen behandelt werden; etwa die Frage, bei welcher Temperatur flüssige und gasförmige Phasen von Stoffen nicht mehr unterscheidbar sind, das System einen kritischen Punkt besitzt. Die analoge Frage lautet: Von welchem Datum an war eigentlich vorhersehbar, dass die Mauer fallen würde? Jeder sah den von Woche zu Woche anschwellenden, d.h. sich im Anstieg noch beschleunigenden Teilnehmerzahlen an, dass das Ende des SED-Regimes unmittelbar bevorstand. Nun lässt sich das Ende, also das »kritische« Datum, im Nachhinein leicht vorhersagen; den Demonstrierenden war die Vorhersehbarkeit nicht gegenwärtig, sie konnten sich nicht sicherer fühlen. Alles hätte auch in Ereignissen wie auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking wenige Monate vorher enden können.

Vera Röhm

Zum Schluss noch eine Bemerkung zu Galileo Galileis erwähntem, diesjährigen 400-jährigen Jubiläum: Gemeint ist die erste Nutzanwendung des Fernrohres, für die er verantwortlich war. Dies war die erste Übernahme einer physikalischen Erfindung der Neuzeit durch Militärs überhaupt, in diesem Fall war es das der Venezianer. Bertolt Brecht nennt diesen Sündenfall die »Erbsünde« der modernen Naturwissenschaften und schreibt direkt zu Galilei: Die Atombombe ist sowohl als technisches als auch soziales Phänomen der klassische Endpunkt seiner wissenschaftlichen Leistung und seines sozialen Versagens.

21.11.2009
Institut Mathildenhöhe
21.11.2009
Institut Mathildenhöhe