Darmstädter Sezession

Über das Leben und Werk von Horst Antes

Von Klaus Gallwitz – 07.07.2013

Künstlerkritik

Gleich hinter Darmstadt soll Italien beginnen – wenn dies ein Wunsch ist, so haben die Darmstädter in Heppenheim an der Bergstraße bereits Verona erreicht, vielleicht auch Modena. In Heppenheim ist Horst Antes geboren, der Italiener unter den Hessen, lange bevor er den Weg nach Florenz und Rom eingeschlagen hat.

Wenn es sich aber nur um um ein Gerücht handelt, daß gleich hinter Darmstadt Italien beginnt, dann finden die fernwehkranken Wanderungen der armen Hessen überwiegend im Kopfe statt, wie beispielsweise Georg Büchner am Schluß von »Leonce und Lena« Valerio sagen läßt: »… und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine kommode Religion!«

So endet das Lustspiel. Büchner ist nicht nach Italien gelangt, hingegen der 25jährige Maler Antes, zuerst mit dem Villa-Romana-Preis für ein Jahr nach Florenz und für ein weiteres Jahr als Stipendiat der Villa Massimo nach Rom. In Italien lebt und arbeitet er noch heute, und für keinen anderen Maler – Twombly vielleicht ausgenommen – ist dieses Land so wichtig für die Malerei geworden. Das Arkadische und Strenge seiner Malerei hat hier den Ursprung. Die helle Seite seiner Kunst kommt daher. Für ihn erwies sich das Gerücht als Wahrheit. Aber der, der in der Hessenhaut steckt, traut nicht jedem Gerücht und fängt eine andere Dichtung an mit dem Satz: »Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg … Es war naßkalt, … das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht – und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. – Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf-, bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte.«

Keine Spur von Italien, auch nicht gleich hinter Darmstadt. Aber dafür die Vorstellung, auf dem Kopf zu gehen. Antes hat sie; seine Bilder bezeugen den ständigen Versuch, mit dem Kopf zu gehen, ganz nach der Vorstellung von Lenz, bald auf-, bald abwärts. Ein Selbstbildnis von 1988, nicht größer als 30 x 40 cm, zeigt auf schwarzem Grund eine weiße Kopfmaske, mit zwei Öffnungen für die Augen und einer für den Mund. Vier strichartige Füße tragen diesen liegenden Kopf, der auf unheimliche Weise zu wandern scheint. So ging Lenz durchs Gebirg. Eine Art der Fortbewegung, die auch Antes für sich in Anspruch nimmt. Die Wanderungen vom verwirrten Lenz enden in Straßburg. Hier erreicht auch sein Dichter Büchner endlich die Freiheit, jenseits des Rheins. Nicht alle haben ihre Haut zu Hause zu Markte getragen, die Dichter, Soldaten und Maler aus Hessen. Der Markt war dafür viel zu klein. Der größere Markt lag in Amerika, und ich vergesse die große Bronzetafel von Ford Tyron nicht, auf den nördlichen Felsen von Manhattan, heute nahe den Cloisters. Mit einer Inschrift gedenken dort die Amerikaner jener Hessen, die als Letzte – wahrscheinlich ein verlorener Haufe – den Platz auf der falschen Seite verteidigt hatten.

Gleich hinter Darmstadt soll Italien beginnen – das meint wohl: die Welt. Der Heppenheimer hat sie in Italien, bei den Indianern Amerikas und den Aborigines Australiens gesucht. Nicht im Sinne des Taugenichts oder des romantischen Entdeckers, sondern vielmehr im Bewußtsein, daß in seiner Heimatstadt der Jude Martin Buber zu Hause war, seit 1923 Professor für jüdische Religionswissenschaften an der Universität Frankfurt am Main, ein Bürger und ein Fremder, erst geachtet, dann verfemt.

Nicht als Wissenschaftler, aber als Sammler der religiösen Zeugnisse fremder Kulturen hat Antes seine Forschungen betrieben. In der Absicht, Überlieferungen zu bewahren, Zusammenhänge zu erkennen, bedrohte Stämme und Völker zu schützen. Über die Aborigines schrieb er in diesem Sinne: »Sie haben durch ihre Kunst Politik gemacht und machen sie noch, ohne aber Polit-Bilder zu malen. Im Moment bin ich damit beschäftigt, die Canelas in Brasilien in ihren künstlerischen Äußerungen zu bestärken, Mut zu machen und damit gesellschaftlich und politisch zu stabilisieren. Erst wenn sie einen Staatspreisträger haben, können sie nicht mehr nach Belieben herumgeschubst werden.«

Dieser moralische Anspruch war für die eigene Arbeit immer ein Postulat. Die Überlieferung fremder Kulturen war ihm genauso wichtig wie die Bewahrung des Heppenheimer Wohnhauses von Martin Buber vor mutwilliger Zerstörung. Auch in diesem Sinne war er ein Schüler von HAP Grieshaber, der dem Unrecht, wo immer er es traf, mit seiner Kunst und seinen Worten, mit Briefen und Taten entgegentrat.
Als Antes mit zwanzig Jahren, dem Abitur in der Tasche, 1957 nach Kassel reiste und sich dort für einen Studienplatz an der Akademie bewarb, hatte er einen blauen hölzernen Koffer dabei. Darin war alles, was er für die Reise brauchte und zum Vorzeigen in der Kunstschule ausgesucht hatte. Er wurde in Kassel nicht angenommen, aber seinen Koffer hat er aufgehoben und ihn viele Jahre später von neuem gepackt.

Der Koffer ist wie ein Kopf. Es geht viel hinein. Welche Vorstellungen er vom Inhalt des Kopfes hat, sagt er deutlich: »Im Kopf kann alles passieren, aber der Kopf schützt auch den Menschen. Es gibt offene, bewohnbare Köpfe. Der ganze Mensch ist im Kopf enthalten. Und es gibt den leeren Kopf, den Kopf, der alles aufnehmen kann und wieder alles abgibt. Es handelt sich um das Leben mit meinem Kopf.«

Der Inhalt des Koffers ist eine Art lebendes Inventar. Dazu gehört alles, was der Mensch braucht, der Künstler ist. Aufgehoben wird darin ein Vorrat an Erinnerungen, Material für die Zukunft. Der Koffer ist aber auch ein Werkzeugkasten für den, der nach Kassel reist und unverrichteterdinge zurückkehrt. Er enthält das Geheimnis der ägyptischen Grabkammern ebenso wie den Proviant für morgen. Eiserne Rationen und ein Fetisch aus Federn gehören dazu. Alles Eingesammelte hat seinen Namen, seine Bedeutung. Sein letztes aufgenommenes Inventar lautet auszugsweise folgendermaßen:

  • »weiße Schauspielermaske, gefunden 1973 in Brüssel
  • Bündel Anfeuerholz aus der Toskana flache Keramikschale
  • 3 getrocknete Avocadoschalen 32 cm Bilderleiste
  • Flasche mit Nelkenöl getränkter Schafwolle
  • Holzkapitell von einer gotischen Orgel aus Schwaben
  • Radierplatte
  • Schiefertäfelchen mit Zeichnung Kart »Cours du Rhin«
  • Bündel im Ledersack: 3 Stück Glas von der Werkstattscheibe, die Salomea einwarf
  • Flügel eines Vogels, der gegen die Scheibe flog und daran starb
  • Stein von vorm Haus
  • Muschel, gefunden in einem Laden aus Albuquerque
  • Figur aus Neu-Guinea, erworben bei Galerie Hilt, Basel
  • Durchsichtiger Kunststoffteil einer anatomischen weiblichen Figur
  • Votivbein aus Wachs, wahrscheinlich aus Bayern
  • Fläschchen mit gebrannter Sienes Erde Drei Lederbündel mit
  • a. Tee; b. gebrannter Siena; c. einem goldenen Nasenring aus Altamerika (gebrochen), einer Glasflußperle aus Afrika, einer kleinen Radierplatte, einem Türkis Skizzenbuch«

Der Koffer ist ein ausschließlich inwendiger Gegenstand. Äußerlich ist er ein Kasten, der zweckmäßigerweise nichts über seinen Inhalt verrät. Erst der Scanner auf dem Flughafen macht ihn transparent. Gilt für den blauen Koffer nicht, was Antes über den Kopf gesagt hat – es kann alles passieren, aber er schützt auch, er kann alles aufnehmen und wieder alles hergeben? Der ganze Mensch ist darin enthalten. Es handelt sich um das Leben. Mit seinem Holzkoffer ist Antes losgezogen. Dann hat er seine Köpfe gemalt, offene und bewohnbare Köpfe. Das Haus des Navaho mit dem blauen Dach hat er kennengelernt und gesehen, daß es wiederum nur ein anderes Bild ist für die Welt im Koffer und die Welt im Kopf.

Der Koffer, der Kopf, das Haus – drei Begriffe, die bis heute für das künstlerische Konzept von Antes stehen. Koffer, Kopf und Haus sind auch bestimmte Stationen der Entwicklung. Wir sagen »aus dem Koffer leben«, und diese Redewendung bedeutet: Man ist unterwegs und bestreitet den Unterhalt aus dem Inhalt des Koffers. Im Fall von Antes gehört das Rüstzeug des Malers dazu, und bis heute lebt er aus diesem Koffer. Es steckt noch mehr drin. Der Koffer enthält das Inventar des Reisenden, also alles, was er sieht und sammelt und des Aufhebens für wert hält: seine Sachen und anderer Leute Sachen. Auf diese Weise baute er geduldig und sachverständig seine einzigartige Sammlung der Katchinas auf. Der Kopf dagegen hat eine Innen- und eine Außenseite. Antes verwendet offene und geschlossenen Köpfe, unzugängliche und begehbare. Der Kopf kann auf Rädern stehen und rollen. Er kann Feuer speien. Man kann ihn aber auch mit Leitern besteigen. Einmal trägt er Federn und dann wiederum Merkmale einer Passion.

Horst Bienek wies darauf hin, daß Canettis Roman »Die Blendung« in seinen drei Teilen die provokatorischen Überschriften trage: Ein Kopf ohne Welt. Koplose Welt. Welt im Kopf. Canetti beschreibt seinen Helden wie folgt: »Statt sich in die anderen zu verteilen, maß er sie, wie er sie von außen sah, an sich, den er auch nur von außen und vom Kopf her kannte.«

Sein Gedächtnis bezog er aus der Bibliothek. Antes bezieht es aus seinen Bildern und den Büchern, die er liest und erwirbt. Der Schauplatz ist für beide derselbe: der Kopf.
Der Kopf ist auch das Haus, in dem man wohnt, in dem man sich versammelt und das seine Bewohner nach außen schützt. Durch seine Fenster kann man hinein- und herausschauen. Das Haus hat also auch Augen. So wie es Antes auffaßt, ist es aber mehr als der Kopf.

Das Haus ist das Elternhaus. Es ist das Totenhaus. Es ist für die Lebenden, durchaus unzugänglich, verschlossen und möglicherweise leer. Antes hat dieses unbetretbare Haus seit 1987 immer wieder gemalt, in dunklen, einfachen Flächen, die italienische Casa Colonica: vier Wände und ein Dach gegen die Unbilden der Natur. Schmale, hohe Bilder sind entstanden, von einzelnen, vollständig verschlossenen Häusern, pfeilerartige Gebilde, die über ihr Inneres nichts mitteilen und uns gerade deshalb unwiderstehlich anziehen. Offensichtlich sind diese hermetisch versiegelten Häuser nicht bewohnt. Sind sie von ihren Bewohnern verlassen? Wer hat ihnen das blaue Dach aufgesetzt? Das den Augen entzogene Bild – diese den Religionen seit altersher geläufige Frage untersucht Antes mit wachsender Intensität. Das Haus des Navaho ist das Symbol für alle Häuser, die uns unzugänglich sind, deren Betreten wir uns verscherzt haben und die sich uns nur über das vollkommene Schweigen mitteilen.
Das blaue Dach ist der Himmel. Oder spiegelt es ihn nur? Ist es überhaupt ein Dach oder steht es nach oben hin offen, seine völlige Inhaltslosigkeit preisgebend? Die Bilder der Aborigines sind Stammesangelegenheiten. Ihre Bilder sind die Türen ihrer Häuser, die sich nur nach einer Seite öffnen. Indem sie uns Einblick gewähren, schließen sie uns aus.

Viele Fragen lassen die Häuser offen, die vorläufig letzte Etappe von Erkundungen, die der Maler und Moralist, die der Sammler und Forscher unternimmt. In diesen Bildern, gewöhnlich bestehend aus Aquatec, Sägemehl auf Sperrholz, sind alle handschriftlichen Spuren, einschließlich der Signatur, gelöscht. Ein Menetekel der Farbe, das nicht die Wand mit Flammenschrift beschreibt, wohl aber Kohle und Asche verwendet. Die Häuser fordern uns heraus, strengen die Augen an, appellieren an den Kopf, daß wir uns ein Bild machen, ein neues Bild, ein altes Bild – gleichviel, jedenfalls jenseits der Bilder, die sich täglich über uns hermachen und denen wir immer mehr zu erliegen drohen. Das ist die Botschaft, das ist der Begriff vom Haus.

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