Darmstädter Sezession

Isabelle Dutoit, Preisträgerin 2005

Von Robert Schimke – 05.03.2007

Allgemein, Künstlerkritik

Die Bilder von Isabelle Dutoit sind eigenwillige Ordnungen: Mensch und Tier begegnen einander in ungewohnter Intimität und Eintracht. Die Natur, mehr Folie als Detailabbild, ist dicht gewachsen, die Figuren, junge Frauen allesamt, sind – an sich recht schutzlos der ausufernden Vegetation ausgeliefert – kontemplativ in sich zurückgezogen oder innig einer der Kreaturen zugewandt.

»Mit Antilope«, 2006, Öl auf Leinwand, 160 x 280 cm

Auf den ersten Blick sehen wir Idyllen und romantische Projektionen, deren Bestandteile aus verschiedenen Klimazonen zusammengetragen wurden, und in denen Tiere eigentümliche Heimaten haben: Buntfinken erscheinen fast wie Fische vor einem blauen Geäst, das die Ufervegetation eines kleinen Sees sein könnte. Die botanische Ordnung beugt sich einer Traumwelt, biegt ohne Widerrede ihre Verzweigungen auseinander und gibt den Blick frei auf fantastische Naturerscheinungen und schwebende Figuren, die Luftspiegelungen und Wasserreflektionen bewohnen.

Die Figuren und Kreaturen haben sämtlich ihren eigenen mit dem Bildrahmen abgeschlossenen Kosmos. In den Bildern findet sich kein Verweis auf ein Draußen, kein Vorher und kein Nachher. Dutoit rollt keinen großen Erzählfaden ab, sondern beschränkt sich auf eine Momentaufnahme, auf die Synopsis zeitenthobener Ereignisse: Vögel trinken, Antilopen fliegen, Menschen schweben. Die Narration ist, sagt die Malerin, der Darstellung nachgeordnet. Auch wenn sich ihre Bilder kaum anders als Träume fassen lassen und aus den Sujets eine Nähe zu den Romantikern und ihren Folgen spricht, hat sie die Korridore in die Abteilungen Symbolismus und Psychoanalyse gekappt.

»Zwei«, 2006, Öl auf Leinwand, 100 x 140 cm

»Traum« und »Idylle« – das klingt nach Realitätsverweigerung, wenn da nicht eine Farbgebung wäre, die partienweise ins Unbehagliche gleitet: dort stehen auf einmal Böcklin oder Franz von Stuck Pate für eine Düsternis, die das Idyll doppelbödig macht: Dutoits großes Antilopenbild stammt aus dem Reich des Alptraums.

In den bisweilen nicht weniger ungemütlichen Tropfspuren der dünnflüssig aufgetragenen Farbe stellt Dutoit die Mittel ihrer Malerei aus. Die Verweigerung einer Erzählung mit großem Atem lenkt den Blick auf diese Flecken im Idyll. In »Großes Vogelbild« entsteht aus dieser absichtsvollen Ungenauigkeit ein Mangrovenwald. Mit ihren sehr diesseitigen, jugendliche Kleidung tragenden Figuren lotet sie aus, wie sich Romantik, Träume, Idyllen heutzutage ins Bild bringen lassen.

Man weiß dabei nicht recht, wie die jungen Frauen in die Welt der collagierten Natur und der zahmen Wildtiere geraten sind. Sie könnten dort leben, sich verirrt oder hineingeträumt haben oder auch regelmäßige Besucher sein. Ihr Verhältnis zur Umgebung und zu den Kreaturen wirkt intim und vertraut, dennoch sind sie oft sprichwörtlich haltlos. Ihr schwereloser Zustand hat etwas Unerklärbares. Der Betrachter sucht nach einer Erklärung für das Schweben, die sich in unserer Welt einhaken lässt: nach dem Trick einer unsichtbaren Aufhängung, nach einer physikalischen Ausnahme oder nach einem übersinnlichen oder symbolisch gemeinten Schweben. Erst bei näherem Hinsehen wird klar: statt in der Luft oder in der Metapher schweben die Figuren in der Farbe und damit wieder auf der Ebene, mit der sich die Malerei selbst in Szene setzt. Die Frauenfigur in »Mit Steinböcken « überwindet nicht die Gravitation, Dutoit hat ihr lediglich einen Stuhl vorenthalten. Dadurch kippt sie nach vorne in einen Raum, den die Nebenfiguren, zwei Steinböcke, nur vage umreißen können. Das Bild passt so gar nicht recht zur Annahme vom Idyll. Hier tut sich ein einziges Mal doch einiger Platz für analytische Tiefenbohrungen auf. Die Steinböcke, der eine vielleicht eine Spiegelung, und die junge, haltlose Frau teilen sich die Bildfläche, während die Farbverläufe in der einen Bildhälfte an blutende Verletzungen denken lassen und in der anderen eine grummelnde Dunkelheit regiert. Wer hier Angst vor dem Abgrund hat, sollte seine

»Antilopen«, 2005, Öl auf Leinwand, 170 x 220 cm

Gedanken schnell auf Ovids Metamorphosen lenken. Diese und andere Motive aus der klassischen Mythologie bieten sich im Werk der Malerin mehr als nur ein Mal an, ohne dass jedoch auch nur im Ansatz bildungsbürgerliche Codes hin- und hergeschoben würden. Das Bild »Mit Antilope« etwa ruft eine Diana der Tropen wach. Wenn die Malerin sagt, ihr gehe es nicht um Zähmung sondern nur um die Anwesenheit der Tiere, dann wird der Rekurs auf den Mythos erklärbar: Die Motive nehmen Fühlung zu einer Zeit auf, in der die Raumordnungsverfahren der Moderne noch nicht ausgedacht waren. Kleine Vögel bevölkern eine Antilope gleich zu siebt und hängen an ihr wie hübsch drappierte Schleifchen. Fast ist man geneigt, an Ironie zu glauben – einfach nur eine Wiederaufnahme der Romantik ist das nicht. Aber auch kein postmoderner Witz. Statt Ausflüge aus dem Alltag unternimmt Dutoit Reisen in Zeiten, in denen das Diorama der nützlich gemachten Natur noch kaum skizziert war. Es wurde konstatiert, in Dutoits Bildern ließen sich Elemente finden, die auch in Henri Rousseaus »Der Traum« auftauchen, eine hypertrophe Natur etwa oder Wildtiere als freundliche, friedliche Nachbarn einer jungen Frau. Dutoit selber begegnet in ihren Bildern Spuren der englischen Präraffaeliten. Deren Werke sind in ihrer Kindheit an ihr vorbeigezogen, jetzt schleichen sie sich schemenhaft in ihre Malerei ein. Die Bildfindung ereignet sich offenbar dort, wo im Gehirn die Erinnerung schon an konkreter Gestalt verloren hat und Träume ihren Platz haben. Dabei beschwört sie nicht die Geister einer fernen Naturromantik oder einer historisierenden Malerei. Sie erinnert lediglich ihren eigenen, persönlichen Bilderhunger. Das fehlende Draußen, die Abgeschlossenheit ihrer Bilderkosmen meint das: da ist kein Zitatenkatalog sichtbar aufgeklappt, da leuchtet kein Link zur bürgerlichen Bibliothek auf. Ihren Erinnerungen fehlt damit auch die Absicht, sich einer Deutung anzudienen oder sich decodierbar zu verrätseln. Dutoits Bilder sind in einer privaten Syntax geträumt. Dass die Mitteilung davon, das gemalte Ergebnis, selbst eine Traumgestalt hat, macht die Bilder zu Träumen zweiter Ordnung.

»Mit Blaukehlchen«, 2006, Öl auf Leinwand, 160 x 100 cm und »Mit Steinböcken«, 2006, Öl auf Leinwand, 98 x 81 cm

»Zu Zweit«, 2006, Öl auf Leinwand, 70 x 70 cm
11.03.2007
Institut Mathildenhöhe
11.03.2007
Institut Mathildenhöhe
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