Darmstädter Sezession

Im Ziegel liegt ihre Botschaft

Von Anja Trieschmann – 02.02.2017

Nachruf

Im Ziegel liegt ihre Botschaft

Von Anja Trieschman

 

Die Künstlerin tritt hinter ihr Werk zurück. Sie geht still ab, räumt die Bühne, um ihre Arbeiten für sie sprechen zu lassen. Worte waren nie ihr Ding. Im Ziegel liegt ihre Botschaft.

Die Darmstädter Bildhauerin Sigrid Siegele (65) starb am Montag, 23. Januar, im Beisein ihrer Freundinnen im Darmstädter Hospiz. Sie nahm als letzten Traum mit, ihr Werkverzeichnis fertiggestellt zu sehen.

Angetrieben durch die innere Notwendigkeit, gestaltend zu arbeiten, war ihre Kunst Ausdruck unausgesprochener Haltungen und Sehnsüchte. Kunst als Kommunikator – zwischen den Menschen und ihr. Wo sie keine Worte gefunden hat, ließ sie Formen sprechen. Viel von dem, was sie der Welt mitteilen wollte, steckt in verformten, gebrannten, dann gemauerten Ziegelsteinen, die sie zu meterhohen Toren, zu Stelen, Himmelsleitern, Flügeln, Archen, Barken, Iglu- und Kubenformen aufgebaut hat. Verschlossene Formen ohne Erklärung, Rätsel, die den Betrachter dazu herausfordern, sich selbst Erklärungen zu geben. Denn Unabhängigkeit und eine eigene Position zu haben, waren Werte, die sie lebte.

Ihr Lebensweg ist auf die Kunst zugelaufen: 1951 geboren, entwand Sigrid Siegele sich nach einer Berufsausbildung zur Erzieherin und Sozialarbeiterin der moralischen Verpflichtung, für andere Menschen beruflich da zu sein. Sie widmete sich der Bildhauerei: studierte von 1981 bis 1986 Kunst an der Gesamthochschule Kassel im Bereich Baukeramik und Freie Plastik, weitete ihre Wahrnehmung durch Studienaufenthalte in Nepal und Indien, war Gasthörerin in Portugal und legte sich 1993 auf Darmstadt als Wohnort fest. Im Jahr 2000 gewann sie den ersten Preis bei der Ausstellung „Skulpturen im Park“ in Mörfelden- Walldorf.

Sigrid Siegeles Hunger nach Gemeinschaft drückte sich im Planen vom Zusammenleben mit Freunden aus, in Symposien und Studienaufenthalten wie den Künstler-Pleinairs der Darmstädter Sezession im südfranzösischen Mirabel, deren heimliche Seele Sigrid viele Jahre lang gewesen ist.

Gemeinsam mit anderen Künstlern der Sezession, deren Mitglied sie seit 1988 war und zu deren Vorstand sie seit 1999 angehörte, organisierte sie Ausstellungen und Austausche. Ihre Gastlichkeit ermöglichte es vor allem polnischen und ungarischen Kollegen sowie den Sezessionspreisträgern, sich im Künstlerhaus Ziegelhütte wohlzufühlen. Nach außen gab Sigrid Siegele sich dabei oft kühl, tendenziell schroff, unabhängig. Klinkenputzen und Aquirieren für Ausstellungen und Aufträge lag nicht in ihrem Wesen. Im Privaten zeigte sie andere Seiten: bedingungslos, kampflustig, im Grunde jedoch harmoniesehnsüchtig, zugewandt und treu in Freundschaften, über die nicht geredet, die gelebt wurden – im gemeinsamen Feiern und Diskutieren, im Kirschbaum-Leeren, im Rühren von Mörtel für ihre Arbeiten und im Pläne schmieden. Menschliche Nähe schützte sie vor der Einsamkeit, die ihr bedrohlich geworden war, seit ihr Lebenspartner im Jahr 2004 seiner Krankheit erlegen ist. Sigrid Siegele hat seit Jahren gegen die eigenen Schmerzen und die Krankheit angekämpft, aber nicht darüber gesprochen, sie hat ärztliche Warnungen in den Wind geschlagen, wollte sich von Tabletten und Therapien nicht abhängig machen, ging dagegen auf Reisen. Am Ende musste sie sich dennoch geschlagen geben.

Das Werksverzeichnis war der Inbegriff dessen, was sie gern geordnet als Nachlass ihrer Kunst fertiggestellt hätte. Sie hat es nicht mehr geschafft. Weil die Krankheit, wie sie eine Woche vor ihrem Tod zu mir gesagt hat, sie im Griff hatte. Sie begrüßte mich bei diesem Gespräch mit der für sie typischen Direktheit: „Ich mach’s nicht mehr lang.“ Karge Worte. Denn Worte, auch über die eigenen neuen Werkgruppen, überließ sie denen, die sie dafür für gewandter hielt.

* 08.12.1951 in Ravensburg
† 23.01.2017 in Darmstadt
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