Darmstädter Sezession

Gepäckstücke aus dem Skizzenbuch

Von Roland Held – 17.12.2014

Allgemein, Künstlerkritik

17.12.2014_Darmstädter Echo, Text: Roland Held, Foto: Siegmund Krieger

Gepäckstücke aus dem Skizzenbuch

Atelierbesuch: Der Darmstädter Maler Jörn Heilmann gestaltet die „Kalenderblätter Merck“ für 2015 mit

Auch wenn angewandte und freie künstlerische Arbeit seit längerem bei Jörn Heilmann getrennt laufen, befruchten sich die Arbeitsmittel und -techniken doch gegenseitig. In seiner Zeit als Graffiti-Artist legte er es mehr auf das Malen mit der Dose an als auf reine Schriftzeichen; heute schleust er unkonventionelle Verfahren in die Malerei ein.

DARMSTADT. Mit einem hochwertigen Kunstkalender beschenkt die Firma Merck ihre Geschäftsfreunde seit Jahren. Die se „Darmstädter Kalenderblättern Merck“stellen meist je eine Position aus Malerei und eine aus der Fotografie vor. Einer der beiden für 2015 ausgewählten Künstler ist Jörn Heilmann. Doch welches Medium er vertritt, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Seine Beiträge scheinen ihr eigenes Medium abzustecken. Etwa das April-Blatt des Kalenders: ein farbiger fotografischer Blick von hohem Standpunkt über eine Hügellandschaft, in deren Falten noch der Morgennebel klebt. Darüber steht, was die Kamera mitregistriert hat: „25.11.2003, 06:58 Uhr, Adam’s Peak, Sri Lanka“, aber es finden sich auch auch allerlei Zahlen, Zeilen in exotischer Kringelschrift oder die Skulptur eines Löwen, Wappentier des alten Ceylon. Sowie, als Zeichnung aus energieknisternden Linien, einen Meditierenden im Lotossitz, eine Art Buddha aus dem Comic-Heft. Das Foto mit den diversen digitalen Einsprengseln stammt aus der Serie „Luggage“. Gepäckstücke sind diese Bilder insofern, als Heilmann darin Eindrücke von seinen Reisen aus jüngerer Zeit verstaut hat. Das kann, wie auf dem Sri-Lanka-Blatt, das Detail eines Geldscheins sein oder sonst ein visueller Zufallsfund aus Werbung, Verkehr, urbaner Gestaltung. Doch es können auch Akzente von eigener Hand sein: flüssig und knapp mit dem Stift Hingeworfenes, übertragen aus dem Skizzenbuch, das der Künstler unterwegs stets mit sich führt. Biografisch kommt man Jörn Heilmann hier am sichersten auf die Spur. Er war, erzählt er, im Darmstadt der achtziger Jahre einer der ersten vom aus den USA herüberschwappenden Hip Hop Begeisterten. Zu dieser Musik gehörte zentral auch die Graffiti-Bewegung: „Plötzlich konnte man mit der Sprühdose richtig groß malen, ganz anders als im Kunstunterricht an der Schule, wo es nur Zeichenblöcke und Stifte oder Wasserfarben gab“, sagt er. Mit 16 machte Heilmann sich auch auf den illegalen Weg, zog nachts mit einem Freund durch die Stadt, wo sie an unbeobachteten Wänden ihre „Tags“ hinterließen, Kürzel ihrer Signaturen. Dass er sein „Tag“ noch heute aus dem Effeff beherrscht, demonstriert der Künstler willig mit dem Edding-Stift auf dem Boden seines Kellerateliers. Doch wie kommt einer vom Niemandsland der Fabrik- oder Friedhofsmauer zur Etabliertheit des eigenen Ateliers und zum Künstler-Status, beglaubigt 2013 durch Aufnahme in die ehrwürdige Darmstädter Sezession? Bei Heilmann wurden die Weichen bereits während seiner Zeit im Gymnasium gestellt, dessen Wände er, vom Lehrer gefördert, bemalen durfte. Parallel dazu erreichten ihn erste kommerzielle Aufträge. Es schloss sich ein Studium des Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Darmstadt an, gefolgt von einem Jahr in der Malerei-Klasse der Offenbacher Hochschule für Gestaltung. Sein Brot verdient er bis heute mit Einzelaufträgen, freischaffend. Auch Street-Art-Workshops gehören dabei fest zu seinem Angebot, sogar innerhalb der Teambuilding-Kurse, die er für Firmen der Region durchführt. Darmstädter Hauswände besprüht er nun in städtischem Auftrag: 2012 hat Jörn Heilmann beispielsweise die Verbindung zwischen Landgraf-Georgs-Gymnasium, Alice-Eleonoren-Schule und Pädagog mit jungen Leuten farbenfroh gestaltet. Anatomische Details, aus Lehrbüchern kopiert Von seiner technischen Vielseitigkeit, die Analoges und Digitales überspannt, profitiert auch seine freie Kunst. Einerseits verkörpert Jörn Heilmann den Typus des Designer-Künstlers. Andererseits sucht er nach neuen Wegen. Er entwickelt eine Malerei auf festem Träger, bei der Farbfläschchen aus Weichplastik, Pipette und Spritzkanüle den Pinsel ersetzen. Das ergibt originelle, flüssig-fragile Figurationen. „Schaukästen“ nennt er die Kleinformate jüngsten Datums. Ähnlich wie auf den Fotomontagen der „Luggage“-Serie stehen hier Schrift und bildhafte Motive neben- und übereinander: Pflanzenteile, Tiere, anatomische Details, die der Arztsohn Heilmann aus alten Lehrbüchern kopiert hat. Die Zartheit und Tiefensuggestion der Blätter verdanken sich dem über den Papierträger gegossenen, hernach sorgsam glatt geschliffenen Paraffin. Dieses Wechselspiel von Verstecken und Entdecken passt zum Thema des „ungeschützten Auges“, um das Heilmann derzeit kreist. Er rührt an eine Vielschichtigkeit, die mehr sein will als nur optisch.

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