Darmstädter Sezession

Further Development

Von Lorenzo Rocha – 28.08.2013

Künstlerkritik

Vier gewöhnliche Bewehrungsstäbe ragen in den Himmel: ein sehr häufiger Anblick in den Vororten von Städten wie Mexico City, wo Eigenbau für den Besitzer die gängigste Strategie darstellt, sich selbst und seiner Familie zu einem adäquaten Wohnraum zu verhelfen. Das dadurch vermittelte Bild deutet an, dass das Haus noch nicht fertiggestellt ist oder dass der Erbauer/Eigentümer plant, es zukünftig noch um ein oder mehrere Stockwerke zu erweitern. So wird eine Zukunftshoffnung signalisiert oder zumindest eine Art der Nonkonformität.

Doch basiert Ruben Aubrechts Arbeit wirklich auf diesen Überlegungen? Folgt seine Arbeit „Further Development” tatsächlich denselben symbolischen Implikationen wie die Bewehrungseisen auf den selbst gebauten Dächern? Die Arbeit wurde 2012 auf dem Dach des Kunstraum Innsbruck und der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman installiert. Denjenigen Betrachtern, die mit der Bedeutung von losem Bewehrungsstahl vertraut sind, erschließt sich die symbolische Bedeutung dieses Bauelements, allen anderen mag es zumindest als ein unfertiger Teil des Gebäudes erscheinen. Kunstinstitutionen präsentieren sich nach außen als eigenständige, solide und abgeschlossene Vorhaben, die sich in den Dienst der Öffentlichkeit stellen. Fügt ein Künstler nun einem – eine Kunstinstitution beherbergendem – Gebäude ein Element hinzu, wird nicht nur die Wahrnehmung des Bauwerks als solches ins Wanken gebracht, sondern es verändert sich auch die Betrachtung der der Institution zugrundeliegenden Idee und konsequenterweise auch die Beziehung zu den repräsentierten Künstlern. Die technische Erklärung für die über die Konstruktion hinausragenden Bewehrungen ist recht einfach. Um ein Bauwerk weiter aufstocken zu können, braucht es vertikale Bewehrungseisen, die als Bindeglied zwischen den einzelnen Etagen fungieren. Diese müssen sich, um eine stabile Verbindung zu garantieren, um das 20 fache ihres Durchmessers überlagern. Wenn man bedenkt, dass der am häufigsten verwendete Betonstahl etwa 1 cm im Durchmesser misst, dann sollten die Bewehrungseisen – inklusive einer kleinen Überlänge – nicht mehr als 30 cm aus dem Gebäude hinausragen. Damit sie nicht rosten und ihre Zugfestigkeit bewahren, ist es überaus wichtig die Bewehrungseisen vor Feuchtigkeit zu schützen. Dafür genügt es über die einzelnen Stangen leere Glasflaschen zu stülpen, ausgenommen natürlich sie bestehen aus rostfreiem Edelstahl. Wenn die Bewehrungseisen viel weiter aus dem Gebäude ragen, als es technisch nötig ist, liegt die Vermutung nahe, dass sie neben ihrer statischen Funktion noch einen symbolischen Wert besitzen, der den Nachbarn und den zufällig vorbeikommenden Passanten präsentiert wird. So drückt das unfertige Dach eine Nonkonformität und eine ordentliche Portion Zuversicht in eine bessere Zukunft aus. Ganz im Gegensatz zu fertiggestellten Gebäuden, die eine erfüllte Sehnsucht vermitteln, ein Vertrauen in den gegenwärtigen Zustand und uns gleichzeitig darüber informieren, dass sie bereits ihr gesamtes Potenzial ausgeschöpft haben. Ich stimme mit dem Künstler überein, dass wir immer ein wenig Raum für zukünftiges Wachstum lassen sollten und dass nichts im Leben jemals wirklich abgeschlossen ist, auch wenn dies bei dem Gebäude, auf dem „Further Development” installiert wurde, scheinbar der Fall ist. Es ist eine positive Einstellung eine zukünftige Weiterentwicklung zu postulieren und sei es nur die Erweiterung um ein zusätzliches Stockwerk.

Lorenzo Rocha

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