20. Skulpturenausstellung
Das Menschenbild in unserer Zeit

Darmstädter Sezession

Fünfeinhalb

Von Hans-Jürgen Herschel – 19.08.2010

Allgemein, Künstlerkritik

Mag sein, dass es Künstler gibt, die sich an der ratlosen Sprachlosigkeit und den irritierten Blicken derer weiden, die ihre Werke betrachten. Holger Grimm gehört nicht zu ihnen. Für ihn ist ein Kunstwerk nichts, das sich, gegen jedes Verstehen- Wollen gepanzert, in hermetischer Isolation gefällt, sondern ein Verständigungsmittel, ein Annäherungsmittel an eine oft genug unverständliche und sich entziehende Welt. Mit diesem Ja zum Kunstwerk als Teil eines kommunikativen Prozesses ist freilich nicht das plakative Formulieren leicht transportabler Botschaften gemeint.

Das zeigt sich bereits am Titel. »Fünfeinhalb« hat er sein Ensemble von neun Stelen genannt, ohne jeden weiteren Fingerzeig. Im Gespräch erfährt man, der Eindruck einer durch Verschalung zustande gekommenen Oberfläche werde dadurch erreicht, dass beim Schuren, einer Form der maschinellen Oberflächenbearbeitung, die Kurbel zum Verstellen des Fräskopfes nicht fünfmal, sondern eben genau fünfeinhalbmal gedreht wird. So verweist der Titel auf die notwendige Präzision bei der Produktion, ohne die Rezeption inhaltlich anzuleiten. Solcher Anleitung bedarf es auch gar nicht.

Die Skulpturen Holger Grimms treten unmittelbar, ohne die Vermittlung durch einen Titel, mit dem Betrachter in einen Dialog. Diese Erfahrung macht jeder, der sich diesen Stelen unbefangen nähert. Er entdeckt in der Struktur einer erarbeiteten, vielleicht erkämpften Einheit, welche die Stelen so offenkundig auszeichnet, die Struktur bewussten Lebens und lebendigen Bewusstseins. Er liest die steinerne Skulptur als Biographie, deren Brüche, Risse, Verschiebungen in einer wiedergefundenen Einheit dialektisch aufgehoben sind. Das Zusammenspiel von Plan und durchkreuzendem Zufall, von Hindernis und Integration des Widerständigen versteht er als tua res agitur, als Einladung zur Selbsterkenntnis durch Identifikation.

Erst einmal auf diese Fährte gesetzt, erschließt sich noch mehr. Das Ensemble der neun Stelen zeigt sich als Variation über ein Thema – jede Stele eine mögliche Lösung des Rätsels Leben, jede anders und doch alle strukturell verwandt. »Neunmal Leben« wäre ein denkbarer Titel, der den Betrachter von dem Angst einflößenden perfektionistischen Wahn befreit, es gebe nur ein einziges richtiges Leben.

Ist eine solche Meditation, ist solches Nachdenken über die Kunst des Lebens die Intention der Kunst Holger Grimms? Ja und nein. Für ihn ist die »Arbeit am rauen Stein« nicht primär (wie für die Freimaurer) die symbolische Arbeit am eigenen Selbst, sondern die konkrete Arbeit am harten, spröden, Widerstand leistenden und gerade deswegen unwiderstehlichen Material. Es sind elementare Techniken des Steinmetzhandwerks, mit deren Hilfe er strukturierte Artefakte schafft, die zwar in der Sphäre des Abstrakten, inhaltlich Offenen verharren, sich aber nicht sträuben gegen ihre Überführung ins Konkrete. Wenn ein Betrachter ein »C’est la vie« murmelt, sagt er mehr als der Künstler und zugleich weniger, weil dieser sein Werk auch für andere Deutungen offen hält.

So könnte man die Skulpturen Grimms auch als Reflexion über Material, Technik und Erkenntnis verstehen. Die besondere Oberflächenbearbeitung mit in gleichen Abständen stehend bleibenden dünnen Streifen erweckt den Eindruck, es handle sich um Spuren einer Verschalung. Der harte Granit erhält eine Oberfläche, als sei er durch Gießen entstanden, die subtraktive, wegnehmende Technik des Schurens täuscht eine plastische, hinzufügende Technik vor. Steckt dahinter die grundsätzliche Warnung, dem äußeren Anschein zu misstrauen? Auch der erste Eindruck, die Stele sei aus Bruchstücken zusammengesetzt, die ihre ursprüngliche Ausrichtung verändert haben, gewissermaßen jetzt liegen, ist trügerisch.

Nicht das Bruchstück ist gedreht, sondern nur die Richtung seiner Oberflächenbearbeitung. Wie leicht geht das Auge in die Falle und entwirft eine falsche Chronologie: Am Anfang war das Ganze und seine Oberflächenstruktur, dann folgte der Bruch – während in Wahrheit die Struktur der Oberfläche erst nach dem Zerbrechen geschaffen wird.

So gesehen, so sehend, durchläuft der Betrachter der Stelen eine Schule der Wahrnehmung, die ihn zum Skeptiker werden lässt. Ging es dem ersten Betrachter um Lebenskunst, geht es dem zweiten um Erkenntnistheorie. So weit spannt sich das Spektrum möglicher Interpretationen, die sich gleichwohl auf werkimmanente Strukturen stützen können.

Nun lassen sich die beiden dargestellten Annäherungsversuche (die ja gewiss nicht die einzig möglichen sind) überraschenderweise sogar miteinander verknüpfen. Dann erscheint die steinerne Biographie nicht mehr als eine Konstruktion aus disparaten Teilen, die – so gut es eben geht – in einer neuen Ordnung integriert werden, sondern die Biographie erweist sich als Wiederherstellung einer verlorenen Ordnung und Einheit. Denn die Unterschiedlichkeit und »Verdrehtheit« der Einzelteile hat sich ja mittlerweile als Täuschung entpuppt. Auf einmal fallen einem Platons gespaltene Kugelmenschen ein, deren Teile der Eros wieder zueinander treibt … Und wer bei diesen Stelen die (scheinbare) Vollkommenheit einer polierten Oberfläche vermisst hat, entdeckt nun die wahre Vollkommenheit des fugenlosen Zusammenpassens der einzelnen Teile.

Die Skulpturen Holger Grimms laden ein zu Gedankenreisen, die weit hinausführen über das Gesehene und es doch nie aus dem Auge verlieren können. Seine Stelen sind Steine des Anstoßes zu philosophischer Reflexion.

15.08.2010
Künstlerhaus Ziegelhütte
15.08.2010
Künstlerhaus Ziegelhütte
Beitrag zu Künstler