Darmstädter Sezession

Über das Werk von Karl Willems

Von Frauke Birtsch – 22.08.2013

Künstlerkritik

Ein Beil, beschädigt im jahrzehntelangen Gebrauch, ein abgenutzter Arbeitshandschuh, ein altmodischer Thonet-Stuhl mit bastbespannter Sitzfläche, ein rostiger Weinbergspflug: Karl Willems´ Modelle entstammen einer verschwindenden Welt. Ähnlich wie die niederländischen Stilllebenmaler des 17. Jahrhunderts hält er die Bildgegenstände detailgetreu fest, dabei gibt er sie in Originalgröße dem Blickwinkel entsprechend wieder.

Viele von Karl Willems´ Tableaux sind durch immer wieder neue Arrangements von Fundstücken entstanden, in leicht abgewandelter Perspektive, wobei sich reizvolle Wechselwirkungen ergeben zwischen sinnlichen Eindrücken und Impulsen zur Interpretation. So erscheinen auf einem Hackklotz angeordnete usgeblichene Eisbeinknochen wie Skulpturen und figurieren zugleich als memento mori. Nicht wenige der Sujets beinhalten vielfältige Konnotationen: Das Beil gehört zur Biografie des Malers, erinnert an Karl Willems´ Elternhaus, an seine Ausbildung und an seine frühere Tätigkeit als Winzer, es besitzt eine hohe Symbolkraft, und bleibt doch ein traditionelles landwirtschaftliches Gerät, mit dem Weinbergspfähle angespitzt und eingeschlagen wurden. Herausgelöst aus ihrer angestammten Umgebung, aus dem vertrauten Kontext, und zum Bildsujet erhoben, gewinnen die Gegenstände in ungewohnten Beziehungsgeflechten ein Eigenleben, das Assoziationsfelder und Imaginationsräume eröffnet und Wahrnehmungsprozesse bewusst macht.

Weite Horizonte lassen Karl Willems´ Naturzeichnungen erahnen. Wie weiland ein Expeditionsmaler die Flora der terra incognita schilderte, nimmt sich der ehemalige Wiepersdorf-Stipendiat in Hinterhöfen wuchernden Gestrüpps an. Der Wildwuchs erscheint bei ihm geheimnisvoll wie »Der große Wald« im Märchen. Zwischen Ästen und Ranken hat sich die Faszination aus Kindertagen verfangen, ist noch etwas spürbar von der Verzauberung des Blicks. Damit sind im Zeitalter der nicht mehr nur technischen sondern auch elektronischen und biokybernetischen Reproduzierbarkeit diese Bildnisse immer auch ein Plädoyer für die Würde und das Eigenleben des Dargestellten, seien es Dinge aus der Arbeits- und Lebenswelt oder Pflanzen der Umgebung.

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