Darmstädter Sezession

FORM INS LEBEN – LEBEN IN DIE FORM

Von Matthias Will – 20.05.2004

Allgemein

Die Ausstellung der Sezession ist in diesem Jahre ohne Titel bzw. ohne thematische Vorgaben. Daraus haben sich – wie nicht anders zu erwarten – zwei Gruppierungen ergeben: Auf der einen Seite eine Akzentuierung der Gegenständlichkeit, auf der anderen der plastischen Konkretion.
Das Verhältnis zwischen figurativ und nichtgegenständlich arbeitenden Künstlern ist auch in den Zeiten des allgemeinen »Crossover« weithin als prekär zu bezeichnen: »Die Abstrakten haben’s leicht; …Inhaltsleere, …bloße Dekoration, …Nichtskönner, …sollen erst mal gegenständlich arbeiten,« so in etwa die Schmähungen der Figurativen.

Jens Trimpin »O.T.«

In der Tat ist zur konkreten Kunst eine spezifische künstlerische Anstrengung nötig. Nämlich – wo setzt der nicht-gegenständliche Künstler mit seiner Arbeit an? Beim Material, bei Prozess, Symbolformen, archaischen Zeichen, Geometrie?

Das sind alles mögliche Arbeitsansätze und Einstiege. Sind die basalen Entscheidungen erst einmal getroffen und haben sich jenseits aller Zweifel gehalten, ergibt sich alles weitere (fast). Das trifft allerdings noch nicht den Kern. Die genannten Aspekte gehören auch in jedem Grundstudium zur basalen gestalterischen Ausbildung. Es bleibt die Frage: Wie wird diese »Formspielerei« zu Kunst? Nicht zu fassen – dieses »es hat ‘was«.

Ingrid Hartlieb, Hagen Hilderhof

Da haben’s die Figurativen doch leichter, haben zwar die ganze Last der Bildhauerei der Welt auf den Schultern, aber die thematische Vorgabe gibt den roten Faden (oder doch nicht). Aber mit dem naturdevoten Abfummeln eines Aktes oder Kopfes ist es nicht getan. Erst die Übersetzung in einen freien sprechenden plastischen Formzusammenhang bringt auch hier die Kunst hervor.
Im Folgenden soll beispielhaft belegt werden, wie beide Ausgangspositionen, die figurative wie die konkrete, Aspekte der jeweilig anderen Arbeitsansätze integrieren, sprich: die abstrahierende Durchformung des Gesehenen bzw die Belebung der unbelebten Form – wie, das ist jetzt weiter auszuführen:

Jens Trimpins Arbeit nimmt in dem angesprochenen Zusammenhang eine Extremposition ein. Ohne jeden Verweis auf eine Inhaltlichkeit nimmt sie ihren Ausgang von der stereometrischen Grundform des Quaders und findet ihr Leben in verhalten schwingenden Flächen und erreicht in der Verknappung der Form äußerste Konzentration.
Eine weitere radikale Haltung zeigt sich in den Stelen von Michael Zwingmann, deren Materialbezogenheit im Zentrum der künstlerischen Auseinandersetzung steht, wobei die lineare Ritzung über die pure Materialpräsenz hinausweist.

Vertikalität, die in eine leichte Kippung nach hinten modifiziert ist und horizontale Schichtung bestimmen die Tektonik der Skulptur von Hartmut Stielow. Darüberhinaus ist die Spannung der Materialien Stahl und Granit konstitutiv für den plastischen Ausdruck.

Volker Bartschs »Geschobener Raum« vermittelt die Anmutung traditioneller Fachwerkholzverbindungen, die, gelöst von jeglicher baulichen Funktion, ihre Verfremdung auch durch die Umsetzung in Bronze erfahren.

Matthias Will löst Kreisbögen auf und setzt sie durch Seilverspannungen so in Beziehung, dass ein kugeliger Körper entsteht.

Die Verflüssigung der starren Form in ephemere plastische Zustände ist das Thema der Arbeit von Margareta Hesse. Der Reichtum ihrer Installation entsteht durch Integration der gegebenen Situaion Himmel, Wasser, Spiegelung. Die Verwendung von farbigen Kunststoffelementen, die auf dem Wasser schwimmen, verhindert eine kurzschlüssige naturalistische Bedeutungszuweisung von Werner Pokorny. Er stellt das Haus auf den Kopf, so dass es als solches erst auf den zweiten Blick erkennbar wird, um es mit einer gestreckten Pyramide, einem Obelisken zu krönen.

Deutlicher wird das Hausmotiv als Doppelung der Form bei Friedemann Grieshaber, thronend auf einem pyramidalen Unterbau. Ein Getreidespeicher, ein Wachturm, eine Zeitmaschine.

Ein Schulbau der sechziger Jahre, das könnte das auf Metallstäben schwebende Hausgebilde über einer Struktur parallel angeordneter Schollen sein. Aber Vorsicht, das Hausmotiv, wie Anna Arnskötter es formuliert, ist ein sehr allgemeines und vielfältigen Deutungen zugänglich.

Der Prozess der industriellen Herstellung ist bei der figurativen Skulptur von Hannes Meinhard deutlich ablesbar. Die plastische Formulierung ergibt sich ausschließlich aus den Schlägen des Schmiedehammers. Die Grenzen seiner Beweglichkeit erfahren ihre produktive künstlerische Umwertung in die Prägnanz der Form.

Karoline Bernesga arbeitet mit gefundenen Hölzern. Sie stellt sie zu flächigen Wandarbeiten in einen rhythmischen Zusammenhang, der die Beziehung von Geschlossenheit und Transparenz zum Thema macht.

Vera Röhm zeigt eine Auswahl von drei Arbeiten aus einer größeren werkserie zum Thema Tetraeder. Ausgehend vom geschlossenen Körper löst sie ihn durch systematische Schnitte zunehmend auf und platziert die gewonnenen Elemente in einen neuen räumlichen Kompositionszusammenhang. Die Größe der Skulpturen provoziert die leibliche Erfahrung des Vertigo.

Helmut Lander arbeitet mit dem gleichen Ausgangsmaterial wie Bernesga, aber die Astgabeln, die er findet, formt er durch sparsam präzise Eingriffe zu figurativen Gebilden, deren tänzerische Anmutung in den Vordergrund tritt. Der Abguss in Aluminium trägt zu einer Charakteristik der Verfremdung bei.

In der Skulptur von Michael Schwarze sehen wir eine spiralig schraubende Bewegung einer zylindrischen Form um einen weiteren dickeren Zylinder in die Vertikale. Wir sehen hier die Beziehung zwischen den abstrakten Formen der Zylinder und naturalistisch erscheinenden phantastischen Körperdarstellungen.

Die Figurengruppe von Hubertus von Pilgrim führt uns eine mediterran gestimmte plastische Formulierung vor. Gliedmaßen und Körperpartien erfahren eine Umsetzung in gesteigerte Massigkeit. Wir sehen zudem eine geometrisierende Gliederung des Werks durch horizontale und vertikale Schnitte und eine Verfremdung des organischen Ablaufs durch Höhenverschiebungen der einzelnen Platten und deren gleichsam tektonische Verwerfung.

Die Stelen von Volker Brüggemann lassen in ihrer aufschwingenden Bewegung an die Nike von Samothrake denken. Sie wachsen als frei formulierte Figuren gleichsam aus dem dreistufigen Sockelbereich, der als integraler skulpturaler Bestandteil des Werks erfahrbar ist. Auflösung und rhythmische Zergliederung der geschlossenen Körperhaftigkeit und Zerklüftung der Oberflächen charakterisieren die plastische Komposition »Mensch mit Schirm und Schild« von Eberhard Linke. In der Gestaltung der Oberflächen werden wir auf eine Ebene verwiesen, auf der in ihrer informellen Abstraktheit ein assoziativ offenes Bedeutungsfeld sich anbietet.

Bernd Altenstein schafft eine plastische Korrespondenz zwischen der Oberflächenstruktur des Basisbereichs und der figürlichen Partie, die gleichsam aus dem Block sich herausschält. Die Spuren der Bearbeitung des Materials in ihrer gestischen Charakteristik lösen die Figuration in einen abstrakten Formzusammenhang auf.

Der »Große Minotaurus II« von Richard Heß zeigt sich als armloses mythisches Mischwesen, gefesselt in blinder tierischer Kraft, die Form herauswachsend aus einer massigen skulpturalen Partie, die Unter- und Ober-schenkel und Sitz repräsentiert.

Die Bewegung des Oberkörpers, des Kopfes und der schwingenden Arme teilt sich im »Großen Torso« von Christian Höpfner mit. Einen weiteren dynamischen Aspekt ruft die assymetrische Platzierung des Torsos auf dem skulptural integrierten Sockel bzw. Sitz hervor.

Ludmila Seefried-Matejkova, Tobias Eder

Die menschliche Existenz in ihrer Isoliertheit kann man in die Figurengruppe von Ludmila Seefried-Matejkova interpretieren. Sparsam bewegt sind die lebensgroßen Skulpturen in eine Reihe gesetzt. Der Titel »U Bahn abends« verweist auf gegenwärtige Lebenszusammenhänge und deren Stimmung der Öde und Hoffnungslosigkeit.

Der plastische Zusammenhang der allegorischen Figur von Ariel Auslender scheint in ihrer Säulenhaftigkeit auf, die sich abgestuft nach oben verjüngt. Ein auffallender motivischer Zusammenhang stellt sich über die Kannelierung her, die die unterschiedlichen Bereiche vertikal strukturiert.

Kurt Sandweg verweist in den Titeln »Denk-Mal I und II (Twin Towers)« auf die Attentate des 11. September in New York. Zwei unterschiedlich horizontal gegliederte Turmschäfte zeigen zwischen stockwerkartige Blöcke gepresst anthropomorphe plastische Elemente, die das Individuum in einzelne Körperteile fragmentiert und mehr als Ganzes erkennbar zeigen.

Dieser Text ist der Versuch, die dialektische Beziehung zwischen Konkretheit und Gegenständlichkeit der skulpturalen Ausdrucksformen der Gegenwart aufzuzeigen. Ausgehend von radikal konkreten Formulierungen, in denen der gegenständlich bedeutsame Aspekt sich auf die Präsenz der Form und des Materials reduziert, bis zu erzählerischen und allegorischen Arbeiten, in denen die Abstraktion hinter den Inhalten zurückzutreten scheint, wurde anhand der einzelnen Ausstellungsbeiträge diesem spannenden Verhältnis nachgegangen.

05.06.2004
Künstlerhaus Ziegelhütte
05.06.2004
Künstlerhaus Ziegelhütte
01.06.2004
Regierungspräsidium Darmstadt
05.06.2004
Institut Mathildenhöhe