Darmstädter Sezession

Eröffnungsrede zu »Licht«

Von Anja Trieschmann – 16.06.2012

Allgemein

Eröffnung der Freiplastik-Ausstellung der Darmstädter Sezession zum Thema „Licht“ am 16.6.2012 auf dem Gelände des Künstlerhauses Ziegelhütte

„Kunst muss lebendig machen.“ „Kunst muss befreien.“ „Kunst muss die Axt sein in dem gefrorenen Meer in uns.“ – Vielleicht haben auch Sie einen Leitsatz, mit dem Sie heute hier in die Ausstellung gekommen sind, einen Satz, mit dem Sie an Kunstwerke herangehen. Oder Sie haben eine Vorstellung, was Kunst in Ihnen bewirken soll: Soll sie erleuchten (im Sinne von Erkenntnisgewinnung), soll sie ein anderes Licht auf die Dinge werfen und damit Wahrnehmungskonventionen zertrümmern, soll sie entlarven oder Ihre Sicht auf die Wirklichkeit bestätigen, soll sie Sie von Ihrem Alltag erlösen, soll sie ablenken, Sie verführen, soll sie wahr sein, einfach nur schön oder ein Licht auf Ihrem Weg?

In Anbetracht solch vielfältiger unausgesprochener Erwartungen an die Kunst, möchte ich Ihnen, meine Damen und Herren Künstler, die Sie hier Ihre subjektive Sichtweise auf Welt und Leben zur Ansicht bringen, Entlastung anbieten: Machen Sie sich / macht euch locker! Kein Mensch und kein Kunstwerk kann dem gerecht werden, was an Erwartung und Vorstellung an ihn und an es herangetragen wird.

Was Ihnen hier geschenkt wird, ist ein Angebot von Menschen, die es wagen, ihre Sicht auf die Welt kundzutun. Die damit experimentieren, was Licht mit uns und unserern Objekten und Räumen macht. Wer sich darauf einlässt, wird einen Gewinn haben. Wer ohne Vor- Urteil versucht, sich dieser fremden Wahrnehmung anzuvertrauen, wird neue Erfahrungen mit seiner eigenen Wahrnehmung machen. Und dabei ist es völlig schnuppe, ob sich ein Kunstwerk bereits internationaler Würdigung erfreut oder ein Künstler einen sogenannten Namen hat. Jeder Mensch kann dem anderen zu einer Erweiterung des Sehens verhelfen. Wenn eine qualitätsvolle Ausarbeitung, ein schlüssiges Denk-Konzept oder eine beglückende Beherrschung des Materials gegeben sind, steht dem Etikett Kunst nicht viel im Weg. Das zu beurteilen, bleibt Ihnen im späteren Rundgang überlassen. Meine Aufgabe sehe ich darin, Ihnen ein paar Sehanregungen zu geben, die es leichter machen, sich in der Vielfalt der hier gezeigten Positionen zurecht zu finden. (Dass das nur blitzlichtartig geschehen und in keiner Weise auch nur einem der Kunstwerke gerecht werden kann, versteht sich angesichts meiner geringen Redezeit sicher von selbst.)

Eine Freiplastik-Ausstellung zum Thema Licht! Da denkt man vielleicht erst einmal an Skulpturen, in deren Epidermis sich das von außen auf die Oberfläche fallende Licht bricht. Das geschieht beispielsweise auf Stahlkörpern, wie Matthias Will sie miteinander in schwebende Balance bringt: Der glatten Oberfläche der geometrischen Formen wird mittels kreisförmiger Schleifbewegungen Lebendigkeit eingehaucht, sie wird so zum Spielball des Lichteinfalls. Lichtdurchfall könnte man den Einfall von Hannes Meinhard nennen, denn seine konventionell aus Eisen geschmiedete Kleinplastik lässt das Licht einzig durch einen Spalt im Material hindurch äugen. Am anderen Ende des Gartens ragt eine bizarre Säule aus bläulichem Industrieglas aus dem Grasgrün, eine Arbeit von Till Augustin: Das zerbrechliche Material ist brachial mit Hammer und Meißel bearbeitet worden. Nun spaltet sich in den Bruchstellen der aufstrebenden Ringe das Sonnenlicht in hunderte zarter Lichttröpfchen, die das turmartige Gebilde wie ein Hauch von Schleier überziehen. Manchmal scheint es, als seien die Lichtreflexe irrlichternd im Innern der halbtransparenten Stele gefangen. Wie ein Glutspalt klemmt auch ein Lichtmoment zwischen den Ziegelsteinhälften von Sigrid Siegeles Stelen: Was vordergründig nach unvereinbarem Widerspruch riecht, nämlich Ziegel und Licht zu verbinden, lässt sich produktionsästhetisch in ein Bild gießen, das die Entstehung des bildhauerischen Materials, des Klinkers, thematisiert. Denn nur durch die Feuertaufe, die glühende Lichtenergie, wird aus Tonmatsch ein fest umrissener Ziegel und ein Bauelement für Sigrid Siegeles funktionsfreie Stelen. Gefangene, gestaute Lichtkraft wird so zur Energiequelle, die formt, härtet, stählt.

Fasst man die Lichtthematik symbolisch, also sinnbildlich, lässt sie sich dialektisch als Gegensatzpaar von Licht und Schatten denken. Joachim Kuhlmann formuliert in seinem figurativ angelegten Holzskulpturenpaar einen Dialog, in dem Formverdichtung und Farbauftrag miteinander in Kontrast stehen. Auf Bilder, die Sinn generieren, spielt auch Patricija Gilyte mit ihrem Lichtfeld aus handelsüblichen Teelichten an. Wichtig ist ihr dabei die Mehrdeutigkeit, die je nach Betrachter und Perspektive assoziativ ausgelöst werden kann: Ausgehend von der Idee, dass sich Bilder aus Pixeln zusammensetzen, lässt ihre installative Bodenarbeit aus Punktlichtern im Betrachter Erinnerungen aufsteigen: Ein abendlicher Besuch auf einem Friedhof etwa, Kerzen flackern wie Gebete, eine Festtafel für einen besonderen Schmaus oder aber der Blick hinab ins Tal, darin ein Dorf sich mit hundertfachem Lichtergefunzel zur Nacht begibt. Eine erzählerische Geste steckt in dieser Arbeit, man gerät darüber ins Fabulieren. Ganz anders erzählt Horst Dieter Bürkle seine Geschichten: Statt romantische Bilder aufzurufen, bricht er mittels installativ angelegter Miniaturräume das Erwartbare und wirft den Betrachter auf sein ureigenes Fragenpotenzial zurück: Liegt hier ein Denkspiel oder Wortwitz vor? Ein Kriminalstück oder gesellschaftliche Polemik? Bitte setzen Sie sich selbst ein Bild aus den angebotenen Versatzstücken in guter Dada-Tradition zusammen – ärgern Sie sich meinetwegen über den vermeintlich lichternden Unsinn oder graben Sie erkenntnistheoretisch tief im Hinblick auf eine nahe Erleuchtung, erfreuen Sie sich an der minimalistischen Ästhetik oder verwickeln Sie den Künstler einfach in ein Gespräch: Ist Kunst nicht in erster Linie dazu da, zu kommunizieren?

Ein weiterer Aspekt im künstlerischen Umgang mit Licht betrifft den Raum. Lichtkunst, die sich mit der Erweiterung oder Definition von Räumen beschäftigt, verzichtet ggf. auf Bedeutung, auf Darstellung. Es geht nicht um Mimesis und es geht nicht um Sinn. Statt dessen werden Räume entleert oder erweitert, manche sind möglichst objektlos; so werden sie zum Medium. Medium heißt hier: der Raum wird vom Licht erfüllt, abgesteckt und verwandelt. Licht wird zum Raumbildner. Das führt uns Roland Burkart mit seiner schwebenden Raumlinie vor Augen: Es ist nicht viel mehr als eine minimalistische Zeichnung, eine Lichtlinie, die zwischen Baumkronen ein Quadrat bildet, und doch entsteht die Illusion eines Raumes. Dieser trennt nicht, begrenzt nicht, er schließt niemanden aus. Jeglicher Funktionalität entledigt, verweist er still auf nichts als auf sich selbst.

Wie sich Raum ins quasi Unendliche ausdehnt, meditiert Stefan Demming in seiner Lichterlandschaft: Im abgedunkelten Kabuff wird der Betrachter in ein sich weitendes Raumempfinden entführt, das die Orientierung verschwimmen lässt. Blitzartig ist man in die Situation versetzt, man befinde sich im nächtlichen Anflug auf eine Großstadt, die sich wie ein Lichtermeer über die Hügel und Höhen ergießt. Eine poetische, illusionistische Arbeit, die den Körper regelrecht in Mitleidenschaft zieht. Ein ähnliches Verschieben der räumlichen Dimension wird erlebbar in der pyramidalen Rauminstallation von Fabian Vogl. Lichtsteg nennt er die Verzauberung, die sich beim Eintritt in die Dunkelkammer vollzieht. Man fragt sich: führt der Weg, den die Lichtstreifen weisen, wirklich in den Himmel, wie er vorgibt? Sakrales, Ehrfürchtiges mag einem über den Buckel rieseln bei dieser formal reduzierten, doch sinnlich erfahrbaren Verführung zur Wahrnehmungserweiterung.

Ein weiterer Lichtraum, von Judith Spang in einem Glashaus choreografiert, entsteht erst im Dialog mit dem Betrachter: Ein hoher Pfiff, ähnlich dem nach einem entlaufenen Hund oder dem, der dazu angetan ist, einen verlegten Schlüssel zu finden, löst eine Kettenreaktion aus. Rund 800 im Glashaus verteilte Leuchtelemente lassen sich vom Pfeifton wecken und geben ihrerseits ein grillenartiges Zirpen mitsamt Leuchtimpuls an den Nachbarn weiter und so pflanzt sich schwarmartig Licht und Ton im Raum fort.

JUDITH SPANG
»Just Whistle!«, 2012, Schlüsselfinder, in einem dunklen Raum

Eine andere Form von Lichtraum entsteht durch wissenschaftliche Beobachtung: Im Westen geht die Sonne auf, im Osten geht sie unter… eine bekannte Merkhilfe für den Lauf der Sonne an einem Tag. Eine Versuchsanordnung nennen Dominik und Salome Mohs ihre mäandernde Plastik, deren Form die Bewegung der Sonne an einem Tag nachvollzieht. Diese kosmische Lichtwanderung haben sie plastisch zu einem Erlebnisort verdichtet, an dem sich Technik bzw. wissenschaftliche Datenerhebung des Sonnenstandes und Poesie berühren: Denn wer durchs Guckloch ins Innere spickelt, wird mittels des Camera Obscura-Prinzips mit romantischen Abbildungen der Umgebung beglückt.

Licht ist ferner ein Medium der Wahrnehmung. Der Begriff Lichtraum drückt aus, dass erst im Licht der Raum zu entstehen beginnt. Vorher ist alles, weil dunkel, weg. Raum ist zuerst Lichtung. In Lichträumen erleben wir prozesshaft, wie Raum entsteht. Das Tagen des Raumes ist etwas, das im Betrachter und durch ihn selbst stattfindet: Lichtung ist ein Vorgang der Wahrnehmung, worin man, wie es Goethe sagte, die Taten des Lichtes bemerken, beobachten, spüren lernen kann: also man lernt etwas begreifen von dem meist unauffälligen Zusammenhang von Licht, Raum und Wahrnehmung. Insofern sind alle Lichtkünstler Lehrer und ihre Werke Übungen der Wahrnehmung.

PATRICIJA GILYTE
»Wishpool_Solar«, 2011-12, Teelichter, Kerzenständer, Aluminium, ca. 400 x 300 cm

„Lichtung“ nennt Johannes Vogl seine gigantische Scherenschnittarbeit, die knapp unterm Himmel wie eine Nomadenjurte aufgespannt ist. Zwei Tage mit fünf Leuten haben sie aus der schwarzen LKW-Plane den Schattenriss einer Waldlichtung ausgeschnitten. Licht war bei der Entstehung des Kunstwerks vonnöten – eine gigantische Fotoprojektion ermöglichte das Aufbringen des Motivs. Das durch die Leerstellen fallende Licht ist auch im Zustand des Betrachtetwerdens konstituierend für das Bild: Ohne Licht ist der durchlässige Illusionswald zappenduster.

JOHANNES VOGL
»Lichtung«, 2009, Aluminuium, Stahl, PVC, 700 x 700 x 800 cm

Transparenz im Sinne von Durchlichtung spielt auch in der kontemplativen Bildplastik von Constanze Schüttoff eine Hauptrolle: Das blaue Frühlingsband Mörikes schwingt in diesem papierenen Horizont ebenso assoziativ mit wie die Sehnsucht nach der blauen Blume eines Novalis, die poetische Illusion von Ferne und Landschaft drängt sich auf, dabei hat die Künstlerin einzig zwei Stück farbig durchtränktes Papier hinter Weißglas gepresst. Mit minimalen formalen Mitteln poetische Wirkung erzeugen, um Wahrnehmung zu weiten, das führt auch Markus Hoffmann mit seiner objekthaften Installation „spektral“ im Schilde. Im Wasserbad macht er sichtbar, was für unsere alltagsverblendeten Augen unsichtbar ist: nämlich die Farbenvielfalt unserer Umgebung. Die Perspektive des Betrachters, die Spiegelung des Lichtes, das Abbild der Umgebung auf der Wasseroberfläche, all das sind Zutaten für ein stilles Spektralschauspiel, das das Regenbogenpotenzial in einem jeden Ding enthüllt.

Zurückbeugung, also Reflexion in einem mehrfachen Sinn ist notwendig, um zu verstehen, was Alexander Glandien in seinen Leuchtkästeninstallationen veranstaltet. Nichts ist, wie es scheint. Was ist spannend am Innenleben eines Leuchtkastens, könnte man fragen? Vielleicht fragte sich das der Künstler auch – denn er zeigt uns in seiner Arbeit nicht direkt die technische Innerei, sondern dieselbe abgelichtet auf Fotopapier, das sich wie eine Firnis, eine Schutzschicht, über das Offenliegende spannt. Gleichzeitig wird abgebildet und Sicht versprerrt, entlarvt und verborgen. Eine Arbeit auf den Grenzen der Genres.

Der Künstler als Übungsleiter veränderter Wahrnehmung – der Ideen- oder Konzeptkünstler kommt hier zu Wort: Mancher treibt den Betrachter dabei an die Schmerzgrenze oder darüber hinaus. Etwa Ruben Aubrecht. Schön ist da gar nichts mehr. Vielmehr wird der schnöde Alltag und das Überhauptnichtmehrerstaunliche hinterfragt. Das kommt dann manchmal nackt daher, wie die Glühbirne, die augenscheinlich einen Wackler hat und reichlich unmotiviert von eingangs genanntem Klohäuschen herabbaumelt. Wer das Morsealphabeth kennt, ist hier im Vorteil: Das Flackern spricht zu uns, es sagt: Conceptual Art is boring – Konzeptkunst ist langweilig. Wen der Künstler damit auf die Schippe nimmt und welche Erwartungen er entblößt, überlasse ich Ihrem subjektiven Wahrnehmungsgebaren. Ein anderes künstlerisches Konzept, ebenso minimalistisch wie verstörend, ist in der interaktiven Objektarbeit von Linda Holkotts versteckt: Ein Kasten mit einer Klappe lädt ein zum Öffnen und Spickeln, was denn darinnen ist. Doch wer sich ein Herz fasst und schaut, wird zum Mittäter und macht sich schuldig am Verschwinden des Bildes, das im Innern des Kastens liegt. Denn das lichtempfindliche Fotopapier reagiert auf jeden einfallenden Lichtstrahl und bringt die Schrift zum Verlöschen. Zerstörung und Täterschaft als eine Methode der Kunstgewinnung.

Denksport in den Fußstapfen der Dada-Bewegung könnte denn auch die Absicht der Telefonzelleninstallation von Moritz Frei sein: Die Assemblage aus Vorfindlichem, eine Zelle, ein Stuhl, ein Globushalter und – natürlich – eine Glühbirne, die die Welt verkörpert, dazu ein Titel, die Welt am Draht – da lassen sich Verknüpfungen denken von der Verdrahtung der Weltkommunikation, die dennoch keine Lösung zur Weltrettung bringt – kein Anschluss unter dieser Nummer – aber sehen Sie selbst, was die Materialcollage Ihnen zu sagen hat. Bleiben wir noch einen Moment bei der Methode der Collage: Einen Materialmix außergwöhnlicher Güte bringt Birgit Cauer mit den natürlichen Gegebenheiten vor Ort in assemblagenartige Beziehung: Im Baum hängend oder auf dem Erdboden stehend wurschteln sich Schläuche um Marmorgebilde, dringen in sie ein, pulsen Licht in sie hinein und wieder heraus: Assoziationen zu menschlichen Organen stellen sich ein, Licht fließt wie Blut durch Bahnen, verknüpft Disparates und durchdringt Körperräume.

Schrill, kühl, eindringlich bis aufdringlich: Die Neonröhre, eine Errungenschaft, die in diesem Jahr ihren hunderjährigen Geburtstag feiert, darf bei einem Parcours der Lichtkunst naturgemäß nicht fehlen. Formbare Leuchtröhren verwendet Michael Krenz beinah zeichnerisch: Sein Lichtstuhl ist leicht, luftig, entbehrt jeglicher Funktionaliät, ist zugleich Zeichnung im Raum wie linienhafte Plastik. Ein Schmerz fürs Auge dagegen ist die plakative Verlautbarung im Varietee-Schriftzug: We will win. Wer ist wir?, frage ich mich. Worin wird gewonnen? Und wenn wir – wo sind die Verlierer, und wovon? Die breitbeinige und unhinterfragbare Leuchtkraft des ewigen Erfolgsstatements, es muss lichterloh in die Welt hinaus schreien, um sich seiner Glaubhaftigkeit zu vergewissern. Eine Art Lichtschrei geht auch von Christian Leitnas Neonröhrenplastik „Freigut“ aus. Da versinkt eine Leuchtreklametafel, die für nichts und niemand mehr Werbung macht, in der Erde, vom Treibsand der Zeit weggesaugt. Das Licht der Röhren wie ein Hilfeschrei in der Nacht, doch der Untergang der Scheinwelt, wie sie in der Werbung proklamiert wird, ist unaufhaltsam. Wem diese Installation keine erzählerische Qualität aufnötigt, der kann sich an der kühlen Ästhetik bei Nacht weiden, wenn sich die Leuchtspuren im Plexiglas spiegeln oder ins Erdreich hinein greifen.

THOMAS & RENÉE RAPEDIUS
»0.036/3«, 2012, pulverlackierte Aluminiumstangen, nachleuchtend, ca. 200 x 400 x 500 cm

Den Lichtröhren-Arbeiten ähnelt die auf Linien im Raum reduzierte Objektarbeit von Thomas und Renée Rapedius: Doch sind die – ich nenne sie jetzt einfach mal – gigantischen Spinnenbeine nicht elektrisch von innen her beleuchtet, sondern was sie zum Glimmen bringt, das ist ein Pulverlack, der von der Sonne aufgeladen wird. Formen, die sich in Natur und Kultur wiederholen, die Verbindungen herstellen und Bezüge denkbar machen, das ist Anliegen der beiden Künstler. Spinnenbeine, habe ich die Arbeit eben so respektlos tituliert. Obwohl der Körper fehlt. Es ist halt meine erste Assoziation. Die zweite: Tore, Eingänge, die auf eine Mitte hin angelegt sind. Filigran, leichtfüßig reduziert, bizarr kommt dieses überdimensionierte Architekturinsekt daher. Natur und Architektur, Mensch und Maschine: Das sind zwei Gegenspieler, die auch Siegfried Kreitner in seinen kinetischen Plastiken in einer kontemplativen Symbiose verschmilzt: Unscheinbar von außen, ästhetisch kühl, fast abweisend auf den ersten Blick, so wirkt die hier ausgestellte Arbeit, die einer Kreuzung aus Laterne und zusammenklappbarem Ventilator ähnelt. Man braucht Zeit, um hinter ihr sensibles Geheimnis zu kommen – wie man hier zu fast allem ein bisschen Muße benötigt, um den Kunstwerken die Entfaltung ihrer Wirkung zu gestatten. Zurück zu Kreitner: Zeit, Langsamkeit, Beobachtung: Andernfalls entgeht einem das Atmen dieser Maschine, das sanfte Heben und Senken des Panzers, der das blaulichtige Innenleben für wenige Augenblicke sichtbar macht: Nur spaltbreit, wie ein Ahnen, wird der Zauber in die Welt entlassen.

Ich möchte diesen Mammutspaziergang durch die lichternden und ungeheuer vielseitigen Ausprägungen der diesjährigen Freiplastikausstellung der Darmstädter Sezession mit einem Zitat von Bruce Nauman schließen, einem der stillen Väter der Lichtkunst: „Die Kunst befreit uns von gar nichts. Vielleicht hilft sie manch einem, sich selbst besser wahrzunehmen. Vielleicht verleiht sie eine Art Energie.“ Ich danke für Ihren Gleichmut, ihre unerschöpfliche Geduld und Ihr Interesse!

16.06.2012
Künstlerhaus Ziegelhütte