Darmstädter Sezession

Eröffnungsrede der 17. Skulpturenausstellung

Von Dr. Roland Held – 10.06.2004

Allgemein

Drei Jahrzehnte – wir haben es soeben gehört, meine sehr verehrten Damen und Herren – drei Jahrzehnte reicht die Tradition der Skulpturenausstellungen der Darmstädter Sezession auf der Ziegelhütte zurück. Sechs Jahrzehnte werden es bald sein, dass die allgemeinen Jahresausstellungen der Sezession unter dem hoheitlichen und finanziellen Schirm der Stadt Darmstadt auf der Mathildenhöhe in regelmäßigem Turnus stattfinden. Aus der Biologie kennen wir alle den Begriff der »Symbiose«. Laut Lexikon-Definition handelt es sich um eine komplexere Tatsache, als die bloße Übersetzung »Zusammenleben« preisgibt. Nämlich: das dauernde Zusammenleben von verschiedenenartigen Organismen zu gegenseitigem Nutzen. Beispiele: Pflanzenwurzeln und Pilzkolonien ernähren einander; Ameisen päppeln Blattläuse auf, um deren süße Exkrete zu verzehren; Einsiedlerkrebse und Seeanemonen schlagen sich gemeinsam besser durch ihre submarine Existenz. Von »dauerndem Zusammenleben« und »gemeinsamem Nutzen« kann man längst auch sprechen in Bezug auf das Verhältnis zwischen dieser Kommune und der in ihr beheimateten, nach ihr benannten Künstlervereinigung. Die Darmstädter Sezession darf gewiß weiterhin auf städtische finanzielle und logistische Unterstützung bauen, auch wenn die je nach Haushaltslage phasenweise mal fetter, mal magerer ausfällt. Und die Stadt Darmstadt darf darauf vertrauen, dass die Sezession immer wieder anspruchsvolle, attraktive Ausstellungen zustandebringen wird, mit denen sich, auch nach außen hin, Lebendigkeit und Aktualität des Kulturlebens unter Beweis stellen läßt. Beide Seiten sind demnach Symbioten in einem Verhältnis gut eingespielten Gebens und Nehmens.

In sozial-politischer Terminologie könnten wir auch den Begriff »Partnerschaft« benutzen – entgegengesetzt etwa dem Begriff »Herrschaft«. Ohne blind dafür zu sein, dass es auch in dieser Partnerschaft einen gibt, der den mächtigeren, und einen, der den abhängigeren Part innehat, wollen wir doch unterstreichen, wie anders, wie viel freier sich das anschauliche Ergebnis der Symbiose darbietet als in jenen Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte, als die Kunst gegenüber dem Staatswesen noch in rein dienender Funktion war. Mit »anschaulichem Ergebnis der Symbiose« meine ich natürlich die Skulpturenausstellung, deren einer Teil uns hier umgibt. Einige ihrer Vorgängerinnen folgten seit den neunziger Jahren selbstgesetzten Themen, wie etwa: Die Stele; Fleisch – zwischen Schönheit und Vergänglichkeit; oder: Block und Figuration; Die Sprache des Materials. Da es einen solchen roten Faden, auch für mich als Eröffnungsredner, heuer nicht gibt, erlauben Sie mir stattdessen einen kleinen historischen Exkurs. Den benötige ich, um meine Behauptung zu stützen, dass unterschiedliche politische Systeme mit innerer Zwangsläufigkeit unterschiedliche ästhetische Ordnungssysteme hervorbringen. Während jener besagten Jahrtausende der Herrschaft war es Hauptaufgabe der Bildhauerei, Legitimation zu liefern durch Verherrlichung, und das in monumentalem, manchmal kolossalischem Maßstab. Bevorzugtes Ordnungssystem war die schnurgerade, tendenziell unendliche Reihung von skulpturalen Objekten. Das gilt von den Sphinxalleen im pharaonischen Ägypten über den Statuenschmuck der Schlösser und Parks im Zeitalter des Absolutismus bis zu der marmornen Ahnengalerie des Hauses Hohenzollern, die Wilhelm der Zweite beidseitig der Siegesallee im Berliner Tiergarten zu errichten befahl. Das meiste von dieser zwitterhaften Mischung aus Preußentum und Griechentum hat der Zweite Weltkrieg, ausnahmsweise einmal überraschend kunstverständig, kaputtgeschmissen.

Ich formuliere das so unverhohlen hämisch, weil Kaiser Wilhelm sich in bewusster besser-wisserischer Halsstarrigkeit gegen sämtliche modernen Bestrebungen auf dem Gebiet der Kultur stemmte. Daher ist es cum grano salis aufzufassen, wenn der führende Kunstkritiker zu Anfang des 20. Jahrhunderts, Julius Meier-Graefe, über seinen Souverän schrieb: »Den bildenden Künstlern hat er verhältnismäßig wenig geschadet, den besten sogar Vorteile gebracht, da der aufgeklärte Teil des Publikums die kaiserliche Gegnerschaft als Auszeichnung ansah.« Nicht nur, dass die Kunst im Reich insgeheim den Kaiser längst links überholt hatte. Auch einzelne Reichsfürsten waren geschmacklich auf der Höhe der Zeit. Ja, wir alle kennen einen Fall, wo ein Reichsfürst ein aufwendiges Unternehmen in Gang setzte nicht zuletzt, um fortschrittlichen Geschmack zu verbreiten auch bei seinen Untertanen. Das gleiche Jahr 1901, in dem Wilhelm der Zweite in Berlin die Heroen der Siegesallee einweihte, war Zeuge auch der ersten Selbstdarstellung und Leistungsschau der vom hessischen Großherzog Ernst-Ludwig ins Leben gerufenen Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe, passenderweise betitelt nicht »Ein Monument …«, sondern, sachlicher, »Ein Dokument deutscher Kunst«. Um die Unterschiede im Denken zwischen dem Reichsherrn und dem Landesherrn nochmals zu unterstreichen und damit meinen historischen Exkurs zum Abschluß zu bringen, zwei Zitate. Eines aus der Ansprache, mit der Kaiser Wilhelm seine Hohenzollern-Hommage der Öffentlichkeit präsentierte: »Die Kunst soll … auch den unteren Ständen nach harter Mühe und Arbeit die Möglichkeit geben, sich an den Idealen wieder aufzurichten …, sich an dem Schönen zu erheben und sich aus ihren sonstigen Gedanken heraus und emporzuarbeiten.« Nur zu durchsichtig ist doch die Rolle, die dem zugedacht ist, was hier unter Kunst verstanden wird: hehre klassizistische Ideale, um das Volk von seinen »sonstigen Gedanken« abzulenken, die ja, oh Schreck!, auf soziale Gerechtigkeit und politische Erneuerung hinauslaufen könnten. Dagegen lesen wir bei dem Darmstädter Verleger Alexander Koch, der so eng mit seinem Großherzog am Projekt Künstlerkolonie bastelte, dass man oft nicht genau sagen kann, wer jetzt das Sprachrohr für wen abgibt, viel praktischere Absichten heraus, nach denen die »Erhebung Darmstadts zu einem Künstler-Mittelpunkte nicht allein hohe ideelle Werte mit sich bringt, sondern auch volkswirtschaftliche …«

Zurück zur heute zu eröffnenden Skulpturenausstellung der Darmstädter Sezession. Zurück auch zu dem, was ich vorhin angekündigt hatte als Kontrast der ästhetischen Ordnungssysteme. Schon das halb städtebauliche, halb landschaftsgärtnerische Ambiente, in dem wir uns aufhalten, empfinde ich als weniger streng hierarchisch denn vielmehr organisch offen angelegt, Bauten und Freiräume ganz unterschiedlicher Funktion integrierend, was sich insgesamt wohl dem Jugendstil-Impuls verdankt, aus dem es vor einem Jahrhundert hervorwuchs. Auch die Arbeiten von zwölf Bildhauern, die nun für zwei Monate in dieses Ambiente Einzug gehalten haben, tun dies nicht, indem sie ihm eine fremde Ordnung nachträglich aufoktroyieren, indem sie es gleichsam militärisch »auf Vordermann« bringen. Dem gewandelten Geist der Zeit entsprechend, spiegelt sich hier vielmehr die Symbiose, die zwischen Darmstädter Sezession und Stadt Darmstadt generell und im Großen besteht, partikulär und im Kleinen wider. Statt starre Reihung also lockere Streuung für Kunstwerke, die statt im Auftrag irgendeines Autokraten entstanden sind kraft der Inspiration und Schaffensdisziplin ihrer individuellen Urheber. Statt eines Programms gleich ein Dutzend Programme. Ich will mich jetzt nicht darauf versteifen, dass, im Gegensatz zur autokratischen, auf einen Fluchtpunkt hin bezogenen Reihung, die Streuung und ihre wechselnden Ansichts- und Übersichtspunkte gleich das demokratische Prinzip unserer Gesellschaft garantieren. Aber es sollte uns schon etwas sagen, dass die Kunst hier ohne Sockel auskommt, dass sie vielmehr auf einer Ebene mit uns zu kommunizieren bereit ist – vorausgesetzt, auch wir sind dafür bereit.

Und es kommt auch nicht von ungefähr, dass zur individuellen Freiheit der Gestaltung die individuelle Wahl des Aufstellungsorts tritt. Des Aufstellungsorts, der in der Regel selbst bereits gestaltet ist. Das kann ganz unterschiedliche Bezüge aufgreifen: den Pergolenbereich hat sich Vera Röhm ausgesucht gewiß, weil die freie Fläche groß genug ist, um ihre unterschiedlich zerschnittenen Tetraeder zur Wirkung kommen zu lassen. Arbeiten einer Künstlerin, die sich in der Vergangenheit schon mehrfach leiten ließ von den Abmessungen, die ihr das Wandern von Licht und Schatten im Laufe eines Sonnentags vorgab. Nun beherbergt diese gleiche Fläche aber eine Erinnerung an die Zeit der Künstlerkolonie: Kunststein-Skulpturen von Bernhard Hoetger, schon expressionistisch angehaucht, dramatische Gestalten aus dem umfassenderen Zyklus Licht- und Schattenseiten, mit denen der Klassiker die Züge des menschlichen Charakters allegorisch verkörpern wollte. Ein Nebeneinander aus Absicht – oder Zufall – oder Intuition? Und wie erklären wir uns, dass das von Sigrid Siegele für ihre Installation am Südhang der Mathildenhöhe verwendete TerrakottaModul in den Ornamentformen des Schwanentempels von Albin Müller, nur ein paar Meter weiter, wiederkehrt? Verweist auf ebendiesen Schwanentempel einerseits, andererseits auf den überkuppelten Treppenaufgang zu den Ausstellungshallen nicht gleichermaßen Volker Bartschs Schweißkonstruktion Geschobener Raum, auch wenn sie dem eindeutigen Verhältnis von Tragen und Lasten bei den historischen Gebäuden ihr eigenes dynamisches Biegen und Streben und Federn fast als Travestie entgegensetzt? Ganz keß und direkt nimmt Margarete Hesses Archipel von orangeleuchtenden Inseln die Wasserfläche und das darunterliegende Kachelmosaik des Albin Müller’schen Lilienbeckens in Beschlag, selber eher so etwas wie Seerosenblätter des Neon-Zeitalters. Werner Pokornys rostbrauner Obelisk schließlich winkt herüber, wegaufwärts zum Foyerdach der Ausstellungshallen von Josef Maria Olbrich, ebenso wie in die andere Richtung, wegabwärts zu dem kleineren, dunkelbraunen Kegel, der die Handschrift von Ingrid Hartlieb trägt. Zum optischen Rapport zwischen historischem und aktuellem, dauerndem und vorübergehendem Formenbestand kommt also der Rapport zwischen den Bildhauerwerken untereinander. Ich fordere jeden Besucher hiermit auf, sich selbständig auf die Suche nach Blickachsen zu machen, vorzugsweise von erhobenem Aussichtspunkt.

Ich bitte um Nachsicht – Sie, meine Damen und Herren, insbesondere aber die an der Skulpturenschau teilnehmenden Künstler –, wenn ich exemplarisch vorangeschritten und nicht auf jeden Einzelbeitrag eingegangen bin: meine Rede würde sich ins Endlose verzetteln, und das Publikum bekäme Wadenkrämpfe vom stundenlangen Stehen. Wichtiger ist es mir, noch ein paar Worte zu verlieren über die grundsätzliche Verteilung der Arbeiten auf die zwei Stationen der Ausstellung. Als seitens der Sezession die Ankündigung kam, auf der Ziegelhütte würden die figürlichen Positionen zu sehen sein, auf der Mathildenhöhe die nichtfigürlichen, da stutzte ich erst. Ich denke, ich bin nicht der einzige, der sich da an die Glaubenskriege zwischen Figuration und Abstraktion erinnert fühlt, die im 1. Darmstädter Gespräch von 1950 erbittert ausgefochten wurden, aber zum Glück schon lange, lange verhallt sind. Der Graben, der sich heute durch die Kunstlandschaft zieht, orientiert sich doch an einer ganz : hier die traditionellen Techniken der bildenden Kunst mit körperlich manifesten, sinnlich-anschaulichen Resultaten, dort die neuen Medien mit einer Tendenz zu immer stärkerer Virtualität und Konzeptualität, bzw. zur Kunst als – wie man es auf den jüngsten Documentas und Biennalen sehen konnte – Dienst- und Informationsleistung. Warum also noch diese rigid und obsolet scheinende Trennung auf der 17. Skulpturenausstellung der Darmstädter Sezession? Damit sie mir einleuchtete, musste ich mich vor Ort umschauen. Um herauszufinden: der Dialog, in den die nichtfigürlichen Bildwerke mit dem von sich aus bereits durchgestalteten, oft genug auch figürlich angereicherten historischen Ambiente der Mathildenhöhe eintreten, ist eben ein Tick schärfer, konfrontativer. Die »spannungsvolle Auseinandersetzung«, von der Oberbürgermeister Peter Benz in seinem Grußwort zum Katalog spricht, wird auf den Punkt gebracht. (Wieder fällt auf: »Spannung«, »Auseinandersetzung« als Leitwerte und nicht etwa Konfliktfrei-Harmonisches, Kollektiv-Verbindliches – das ist in der Geschichte menschlicher Gesellschaften keine Selbstverständlichkeit! Für solche Liberalität ist in der Vergangenheit gekämpft worden; und wir haben keine Gewähr, daß sie künftig nicht unserer Verteidigung bedarf.)

Abgesehen davon – darauf hat mich vor ein paar Tagen der Bildhauer Matthias Will hingewiesen, der eigentlich heute diese Rede halten sollte und für den ich eingesprungen bin – abgesehen davon will jegliche Skulptur, so sie gelungen ist, als autonome Figur gelesen werden und besitzt ihre Anatomie, ihre Proportionsgesetzlichkeit, ihre Haltung, ihren sprechenden Ausdruck. Und sobald zum Beispiel Will mit Bogenelementen arbeitet, stehen diese andeutungshaft für die Kugel, und diese wiederum für den Kopf. Bei aller konstruktivingenieurhaften Anmutung darf der Rückbezug auf die Menschengestalt nicht nur mitschwingen – er soll! So zumindest Matthias Will. Umgekehrt dürfen wir, wenn wir uns im Anschluss auf das Ziegelhüttengelände begeben, wo uns zeitgenössische figürliche Skulpturen im Umfeld wuchernder Natur erwarten, nicht übersehen, wie sehr ihnen Tektonik, Architektur, geometrische Prinzipien innewohnen. Um ihnen eine übers Physikalische hinausgehende innere Stabilität und Dauerhaftigkeit zu verleihen. Sonst könnten wir uns ja gleich mit Gipsabgüssen realer Körper begnügen. Wie sagte der große – figürliche – Bildhauer am Anfang der Moderne, Auguste Rodin: „Die kubische Vernunft ist die Herrin aller Dinge und nicht die Erscheinung.“ An der Möglichkeit zur Konzentration dürfte es uns an der nächsten Station kaum mangeln. Wo in den ersten Freiraumausstellungen auf der Ziegelhütte 160, 170 Exponate von 30, 40 Sezessionsmitgliedern und -gästen und etwa ebenso vielen Preisbewerbern keine Seltenheit waren, können sich heuer 15 Mitglieder und Gäste und neun Bewerber mit ihren Exponaten ohne Gedränge ausbreiten. Aber darüber weiß nachher sicher Horst-Dieter Bürkle, der Geschäftsführer der Darmstädter Sezession, Genaueres zu vermelden.

05.06.2004
Künstlerhaus Ziegelhütte
05.06.2004
Künstlerhaus Ziegelhütte
01.06.2004
Regierungspräsidium Darmstadt
05.06.2004
Institut Mathildenhöhe