Darmstädter Sezession

Über das Werk von Dietmar Lemcke

Von Klaus Geitel – 02.08.2013

Künstlerkritik

In Yves Roberts Film »La gloire de mon père«, der Geschichte einer Kindheit, von Marcel Pagnol in der Provence durchlebt und in seinen Büchern unverlierbar aufgezeichnet, gibt es neben vielen wundervollen Szenen einen geradezu überwältigenden Augenblick. Im Kinderzimmer ihres Ferienhauses sind Marcel und sein kleiner Bruder in ihren Betten erwacht. Das Frühmorgenlicht fließt durch die hölzernen Fensterläden. Die Jungen streiten, wer von ihnen sie aufstoßen darf. Heute du, morgen ich: so die brüderliche Absprache. Das Fenster fliegt auf – und da liegt sie leuchtend in ihrer Glorie vor den entzückten Augen der Kinder: die Provence; ein Garten Eden aus Stein und Busch und Ruch und Duft und sich schlängelnden Bäumen. Götterland der Antike; Kinderland des Märchens, Malerland des ewig berauschten Auges seit eh und je.

Natürlich mußte Dietmar Lemcke sich in gerade dieser Landschaft heimisch machen. Das war vorauszusehen. Es konnte nicht anders sein. Denn von allen europäischen Kulturlandschaften hat die Provence den höchsten Anspruch, im Bild besungen zu werden, und Lemckes Pinsel versteht unverdrossen auf die natürlichste und gleichzeitig kunstreichste Weise diese unvergleichlich landschaftliche Schönheit zu feiern, sie glutend zu preisen, wie sie sich seinem Malerauge tagaus, tagein in höchstem Glanz offenbart.

In Lemckes Malerreich geht die Sonne der Sinnenlust, des Entzückens, nicht unter. Manchmal meint man sogar, Lemcke male seine Pfirsiche nicht, er streichele sie zur flaumigen Existenz und sie rundeten sich und reiften unter seinem Pinselgekose. Das erst gibt ihnen vollen Saft.

Es war für Lemcke überhaupt kein Problem, bei aller Bewunderung für die Großmeister der Provence, an Cézanne und van Gogh vorbeizumalen. Die Provence ist nicht tabu. Sie steht jedem Maler offen und empfängt ihn, hochsommerlich audgeglüht, auf ihre heiße, das Blut stimulierende Weise. Sie heizt der Malerei nachdrücklich ein, und das ist auch mit Lemckes Bildern geschehen. … Als habe Lemcke über die Jahrzehnte hin sein Pensum gründlich studiert, sich in die große Tradition der Landschaftskomposition mit Sicherheit eingeübt, die viele Götter kennt und nicht zuletzt den großen Matisse, … stürmt er plötzlich hinein in die ihm geschenkte Provence, als gälte es, sie sich mit ganz neuer großgearteter Anschauungskraft zu erobern und bildnerisch umzukrempeln. Das eine ist indessen geblieben: Lemckes Bilder sind nach wie vor ohne Trübsinn. Es regnet keinen Mißmut in sie hinein. Sie sind unverhagelt. Sie politisieren nicht. Sie sind immer noch hochgestimmt, kraftvoll, ohne Kleingläubigkeit. Sie kommen daher mit hochgeschwellten Segeln. Von Kleinmut, von malerischem Duckmäusertum keine Spur. Daß alle Tage kein Sonntag sei, das erzkapitalistische, törichte Sprichwort, widerlegt Lemcke unermüdlich und voller Glanz. Er weist nach: alle Tage kann Sonntag sein, wenn man wie er den Sonntag im Blut hat. Er ist ein Genießer. Er ist ein Nimmersatt. Ihm lächeln die Rochen; die Muränen verschlingen sich ihm zum Duett. Seine Provence ist nachdrücklich an den Mittelmeerraum angeschlossen; ein Landstrich des Glücks, und dieses Glück malt Lemcke vor der Natur. Er begnügt sich nicht mit Staffage.

Er kostet malend aus, was das Leben bietet. Er besingt es mit dem Pinsel. Er formt es zur Aria, zur Cavatina, zum Refrain. Er versteht, ihn zu flüstern, zu schmettern, zu singen in immer neuen da capos, wie vor ihm nur noch Darius Milhaud, jener echtblütige Musik-Provencale aus Aix, der bei aller Verfolgung, allen Fluchten, zuletzt an den Rollstuhl gefesselt, seinen Memoiren dennoch den allessagenden Titel gab: »Ein glückliches Leben«.

Er, ganz gewiß, hätte Lemckes Bilder, wie sie gemalt sind, geliebt und mühelos in Töne umzusetzen verstanden. Aber vielleicht ist Lemcke im Grunde auch gar nichts anderes als ein ebenso glücklicher Mensch vor der Staffelei, wie der weltläufige Provencale vor seinem Notenpapier: ein Milhaud der Malerei sozusagen.

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