Darmstädter Sezession

BEWEGUNG, LICHT UND FARBE

Von Anjalie Chaubal – 23.08.2008

Allgemein, Künstlerkritik

MINIMALKINETISCHE OBJEKTE ZWISCHEN RATIO UND EMOTION – ZUM WERK VON SIEGFRIED KREITNER

»Das Schöne an der mathematischen Form ist, dass sie so objektiv ist.«
Ruth Vollmer (1)

Zahlen, Berechnungen, Statistiken und geometrische Konstruktionen fanden nicht erst im 20. Jahrhundert Einkehr in die Kunst. Doch, dass die geometrisch-mathematischen Grundlagen zum alleinigen Thema avancierten, lässt sich doch auf die Zeit nach 1900 beschränken und ist 2008 im Jahr der Mathematik so aktuell wie lange nicht. Von der Zerlegung der Wirklichkeit in geometrische Formen im Kubismus um 1914 und der Visualisierung dynamischer Bewegungsabläufe im anschließenden Futurismus bis zur konkreten Kunst, findet sich die mathematische Formel als Basis oder Thema der Komposition in Malerei und Skulptur. Und schon um 1920 entwickelte der russische Bildhauer und Pioneer des Konstruktivismus und der kinetischen Kunst, Naum Gabo, seine »Kinetische Skulptur (Stehende Welle)«, einen Metallstab mit Elektromotor, der durch die schwingende Bewegung des Metallstabs eine voluminöse Figur abbildete. Damit fand die mechanische Bewegung im Zusammenspiel mit Zeit und Raum Einzug in die Bildende Kunst

»Bodenarbeit I 2007«, Aluminium, farbiges Plexiglas, Neonsystem Blauentladung, 4 E-Motoren 2 U/min, 4 Malteserkreuzgetriebe, 63 bis 71 x 63 bis 71 x 21 cm

Minimalistische Objekte von Donald Judd, Carl André und Sol LeWitt folgten in den 1960er Jahren und strebten als Gegenbewegung zum abstrakten Expressionismus nach Objektivität, Klarheit und Logik. Gerade die Wirkung auf den umgebenden Raum spielte bei den Künstlern der Minimal Art eine wichtige Rolle, weshalb auch die Architektur seither eine immer wichtigere Rolle in der Bildhauerei spielt. An dieser Schnittstelle setzt die Arbeit von Siegfried Kreitner an. Schon in seiner eigenen Bezeichnung der »minimalkinetischen Objekte« lassen sich die beiden Hauptthemen seiner künstlerischen Arbeit zuordnen.

Grundelemente seiner künstlerischen Auseinandersetzung sind die Parameter Form, Bewegung, Zeit, Raum und aktuell verstärkt Farbe. Kreitner baut Stelen, Säulen, Würfel und neuerdings auch flache Quader und kleinere Zylinder aus Aluminium, Edelstahl, Plexiglas, Neonröhren und Elektromotoren, die auf geometrischen Grundflächen basierend, ein komplexes System von mechanischen Bewegungen darstellen. Alle Grundflächen beruhen auf mathematischen Formen wie Rechteck, Quader oder Kreis und strahlen Exaktheit und Präzision aus.

Trotz der geradezu staubfrei umgesetzten technischen Konstruktionen, die Siegfried Kreitner in mühevoller Arbeit an der Drehbank selbst ausführt, wirken seine Arbeiten weder steril noch kalt. Siegfried Kreitner verbindet die perfekt konstruierte Technik mit klaren geometrischen Formen, kühlem Neonlicht und minimalen Bewegungen zu Skulpturen, die trotz ihres an sich Artifiziellen, einen Hauch des Lebens ausstrahlen. Sie orientieren sich zumeist an der menschlichen Proportion, übersteigen nur wenig die Größe des Betrachters und erhalten durch die sensibel austarierte Bewegung eine positiv, lebendige und zugleich meditativ beruhigende Ausstrahlung. Überhaupt haben sie sehr viel Menschliches, orientiert sich die Taktung der Bewegungen doch an Sequenzen wie dem Atemrhythmus, der beispielsweise in der Serie der Breathing Cubes nachvollzogen werden kann.

»IV 2003«, Stahl, Aluminium, 1 Elektromotor 1,5 U/min, Neonsystem Blauentladung Æ 43 bis 52 cm x 440 bis 450 cm. Die rotierende Bewegung eines Elektromotors wird durch einen Kurbeltrieb und 7 Parallelogramme in die expandierende bzw. kontrahierende Bewegung der sieben Segmente umgewandelt. Expansion und Kontraktion dieser Teile (in ruhiger, menschlicher Atemfrequenz) bewirken ein ständig variierendes Austreten des Neonlichtes. Neupfarrplatz Vilshofen, 2006

Selbst in der Arbeit VIII 2008 erkennt man erst auf den zweiten Blick langsame Bewegungen, die geräuschlos Neonröhren an Kettengelenken auf und ab senken. Das umhüllende transparente Acrylglasrohr verbindet sich mit dem weißen Licht im Inneren zu einer künstlichen Wirklichkeit, die durch die sanfte aber konstante Bewegung Bezug zum umliegenden Raum aufnimmt. Schon Wolfgang Ulrich bezeichnete Kreitners Arbeiten »als Gebilde, die trotz aller Fremdheit freundlich und wie angenehme Zeitgenossen erscheinen« (2) und uns als Science Fiction Vorstellung über »anderes als irdisch-organische Lebensformen« (3) nachdenken lassen. Diese positive Stimmung und Lebendigkeit erzielt Siegfried Kreitner durch die behutsamen, nicht allzu weit ausladenden Bewegungen, die weder Agressives noch Martialisches an sich haben und die Zeit und Ruhe des Betrachters mit einbeziehen, die es zum Ergründen der Arbeit bedarf.


Ebenso in der Minimalkinetischen Arbeit; (ohne Titel) von 2006. Die blauen Neonröhren nehmen den Betrachter sofort gefangen. Unterschiedlich kippen sie gegen- und zueinander und verharren nur für einen einzigen, kurzen Moment alle gleichzeitig in der Waagerechten, um sich anschließend wieder voneinander abzuwenden. Chaos wirkt hier gegen Präzision, Lebendigkeit gegen Starrheit. Der Betrachter sehnt sich nach beidem zugleich, wie der ewige Kampf zwischen dem perfektem Quadrat und dem unendlichen Kreis und damit letztlich zwischen Ratio und Emotion. Bei Siegfried Kreitner sind beide Sieger. Die vielteilige pfeilerartige Stele Royal, die als eine der wenigen Arbeiten einen Titel trägt und nach der Ausstellung in der Galerie Royal in München benannt wurde (4), nimmt 2004 zum ersten Mal im Werk von Kreitner das Thema der Farbe nicht nur in Gestalt von Licht, sondern verschieden gefärbter Plexiglasscheiben auf. Ebenso lautlos wie alle anderen Objekte, bewegen sich die farbigen Einzelscheiben in unterschiedlichem Takt hin- und her. Kaum wird das Innere der Skulptur preisgegeben, schließt es sich auch schon wieder und öffnet sich an anderer Stelle. Gleich dem Rhythmus eines Musikstückes oder Tanzes, fesseln uns die exakt aufeinander abgestimmten, unterschiedlich schnellen Bewegungen.

Das Aufgreifen unterschiedlicher Farben in einer Arbeit ist seither wichtiger Ansatz im Werk von Siegfried Kreitner. Nicht mehr die Lichtquellen allein, die durch Bewegungsabläufe ihre Strahlkraft und somit Intensität verändern, komponieren die Arbeiten, sondern Farbe per se wird zum Bestandteil der Werkaussage. Gleich der entscheidenden Wende in der Malerei des 20. Jahrhunderts, die mit der Loslösung der Farbe vom Gegenstand zum alleinigen Thema des Bildes, eine analytische Phase der Auseinandersetzung mit Farbe bis in die zeitgenössische Entwicklung initiierte, sucht auch Kreitner in seinen aktuellen Arbeiten farbimmanente Eigenschaften in der Bildhauerei auszuloten. Er setzt farbiges Licht gegen unterschiedlich farbige Teilelemente seiner Skulpturen, wie beispielsweise 18 farbige Kunststoffelemente und ein Neonsystem mit Blauentladung in I 2007 oder er schafft Kontraste von Farbe und Licht, die zu einer starken gegenseitigen Steigerung führen, wie im Malteserkreuz Schwarz mit Neonelement Rotentladung. Letztlich erweitert die Mehrfarbigkeit die Bedeutungsebene der Arbeiten und bringt durch das Zusammentreffen von Neonlichtsystemen mit farbigen Teilelementen die Wahrnehmung von Farbe ins Wanken. Minimale Bewegungen lassen durch unterschiedlich starkes Auftreffen von gefärbtem Licht die Farben unterschiedlich erscheinen oder zerlegen das Licht im Newton‘schen Sinne in die Prismenfarben (5) als Summe der Wellenlängen, wie wir sie im Regenbogen als Spektralfarben kennen.

(1) Ruth Vollmer (1903-1982) gehörte, neben Sol LeWitt, Robert Smithson, Eva Hesse oder Richard Tuttle, zur amerikanischen Avantgarde der 1960er Jahre. Mit ihrem mathematischen Formalismus hat Vollmer in ihrem Werk die amerikanische Suche nach alternativen Modellen der geometrischen Abstraktion maßgeblich bereichert.
(2) Ulrich, Wolfgang, Die Erotik des Professionellen, in: Siegfried Kreitner, Minimalkinetik, München 2004, S. 2.
(3) Ebenda
(4) Ausstellung „zusammenräumen”, Siegfried Kreitner und Annegret Hoch, Galerie Royal 2002.
(5) Newton Isaak, Theorie der Prismenfarben, in: Philosophical Transactions, London, 1672. Anjalie Chaubal
24.08.2008
Künstlerhaus Ziegelhütte
24.08.2008
Künstlerhaus Ziegelhütte
Beitrag zu Künstler