Darmstädter Sezession

Ausnahmezustand

Von Horst Dieter Bürkle – 03.08.2011

Allgemein

Wann immer ich in die Geschichte der diversen Sezessionen hinabgetaucht bin, um nach Vergleichslinien zu suchen für die der Darmstädter, gab es in vielerlei Hinsicht stets nur wenig Grund, nicht mit berechtigtem Stolz auf die Entwicklung der Darmstädter Sezession zu blicken. Wiewohl sie zur Zeit ihrer Entstehung unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg bezüglich ihrer expressionistischen Grundhaltung eher eine Nachzüglerposition einnahm, war doch im weiteren zu beobachten, dass sie in zunehmendem Maße eine höchst beachtenswerte Rolle zu spielen vermochte, wie sie etwa jener der ältesten unter den sich abspaltenden Gruppierungen, der Münchener Secession schon nicht mehr zukam, ganz zu schweigen von der Berliner Secession, die, 1898 gegründet, sich bereits 1910 wieder aufgelöst hatte und später eine Fortsetzung als Neue Secession fand.

Die zweitälteste der Sezessionen, die Wiener Secession wiederum, ist in der Rückschau zumindest zeitweise nicht eben als Inbegriff von Fortschrittlichkeit in Erscheinung getreten: Zählte etwa bei der Entstehung der Darmstädter Sezession mit Herta Michel zumindest eine Frau zu den Gründungsmitgliedern, wurde in Wien erst achtundvierzig Jahre nach Gründung der Secession die erste Frau als Mitglied in die Vereinigung aufgenommen und es dauerte beinahe noch einmal so lange, ehe man 1990 den großen Hauptraum des eigenen Ausstellungsgebäudes für eine Frau öffnete und zwar für Maria Lassnig; ein Jahr zuvor noch hatte man das für die amerikanische Künstlerin Cindy Sherman abgelehnt. Dafür jedoch hatten die Wiener bereits anno 1937 dort in quasi vorauseilendem Gehorsam vorsorglich eine Hitlerbüste aufgestellt, zu einem Zeitpunkt, als in Darmstadt viele unter den Mitgliedern der hiesigen Sezession bereits als entartet aussortiert worden waren und ins Exil abwandern mussten.

Solchermaßen und historisch betrachtet, lässt es sich mit den Verlaufslinien der Darmstädter hervorragend leben. In einer Sache allerdings war mein Blick auf die Wiener Secession immer ein sehr neidvoller. Dort nämlich, wo es um deren vereinseigenes Ausstellungsgebäude geht, das ihnen ihr Mitglied Joseph Maria Olbrich entworfen und bereits ein Jahr nach Gründung nahe dem Wiener Karlsplatz gebaut hat.

Besagter Neid ist speziell in diesem Jahr wieder einmal in mir aufgestiegen, nachdem bekannt war, dass es auf unserem seit Jahrzehnten angestammten Platz in den Ausstellungshallen auf der Mathildenhöhe keinen Termin für uns werde geben können, da dort dringende Sanierungsmaßnahmen anstehen. Weshalb wir uns denn dann auch, wie der Titel es ersichtlich ausweist, in diesem Jahre »vielfach verorten« mussten. Dass das nicht leicht werden würde, war uns a priori klar – schon relativ einfaches Ausweichen mit Teilen unserer Jahresausstellung, so etwa mit den Bewerbern um den Preis der Sezession im Jahr 1997, als der Platz in den Ausstellungshallen für die große Schau mit dem Titel »Die Darmstädter Sezession – Die Kunst des 20. Jahrhunderts im Spiegel einer Künstlervereinigung« nicht ausgereicht hat, um auch noch Platz zu finden für die Arbeiten von damals 25 Bewerbern.

Das Gebäude der Wiener Secession

Wir mussten solche Ausweicherfahrungen auch 2007 machen, als wir uns anlässlich einer Gegeneinladung für die in unserer Partnerstadt Graz beheimatete Sezession, die uns zuvor großzügig ihren Platz im dortigen Künstlerhaus überlassen hatte, hier in Darmstadt mit unterzubringen hatten. Auch damals bot uns das Designhaus am Eugen-Bracht-Weg hilfreich Asyl. Ging es in den beiden hier aufgezeigten Fällen auch nur um einen weiteren Ausstellungsplatz, so machte das doch auch deutlich, wieviel mehr an organisatorischem und logistischem Aufwand es jedesmal erfordert und es war uns allen klar, dass er – wie heuer mit vier Ausstellungsplätzen – sich naturgemäß potenziert.

Dass wir es damit auch den Besuchern und Betrachtern der Exponate etwas schwerer machen, liegt auf der Hand. Ganz sicherlich wird der Besucher der Ateliers des Museums Künstlerkolonie eine Stunde nach Betrachtung der dort gezeigten Fotos und Installationen den nur dreihundert Meter kurzen Fußweg zum Designhaus kaum scheuen, um sich anschließend die Arbeiten der Bewerber um den diesjährigen Preis für junge Künstler und die Sonderschau der Preisträgerin von 2009 anzusehen. Aber wird er sich auch eine oder gar zwei Wochen später erneut auf den Weg machen, um sich die – räumlich deutlich weiter auseinander liegenden – Ausstellungsstücke in der Ziegelhütte an der Kranichsteiner Straße und/oder die Zeichnungen in der Galerie Südhessen am Luisenplatz anzusehen? Wir hoffen es zwar, wissen können wir es nicht. Es bleibt ein Wagnis. Erst nach Ende aller vier der diesjährigen Ausstellungen werden wir Genaueres wissen.

Wie dem auch sei: Hätten wir wie die Wiener ein eigenes Ausstellungsgebäude, müssten solcherart Überlegungen gar nicht erst angestellt werden. Ausnahmezustand wäre ein Fremdwort. Wir könnten mehr oder weniger das ganze Jahr über kleine und feine Ausstellungen machen, einmal kühn vorausschauende, wie es einer Sezession allemal gebührt, einmal überlegt zurückblickende, wie es einer Künstlervereinigung wie der Darmstädter Sezession mit ihrem so reichhaltigen, bald hundertjährigen Erbe ebenfalls ansteht. Schon vergessen, dass von den über fünfzig Kunstpreisträgern unserer Stadt die Hälfte aus der Sezession kam? Kaum ein Thema wäre ausdenkbar, zu dem sich aus unseren eigenen Reihen nicht eine abwechslungsreiche intermediale Schau herbei zaubern ließe.

Die Stadtväter vor und vor allem nach dem unseligen »tausenjährigen Reich« waren sich dessen überwiegend bewusst und haben mit diesen Pfunden stets zu wuchern gewusst. Nicht von ungefähr erging an das jeweils amtierende Oberhaupt der Mathildenhöhe konstant die Weisung, dieser Sezession ungeachtet sonstiger Strömungen alle zwei Jahre ihre Räume für deren Jahresausstellung zur Verfügung zu stellen.

»Häddsde, wärsde, dädsde«, sagt der Hesse, wenn er sich gezwungen sieht, Träume abzuwürgen. Dennoch muss Träumen erlaubt bleiben. Ich versuche mir vorzustellen, es sei den Begründern der Darmstädter Sezession wie denen der Wiener damals gelungen, sich ein eigenes Haus zu schaffen und es wäre wie bei den Wienern letztlich dazu gekommen, dass dieses Sezessionshaus heute auf die Rückseite der deutschen 50-Cent-Stücke geprägt wäre wie das der Wiener auf die 50-Cent-Stücke der Österreicher. Das würde uns stolz machen.

Aber vielleicht klappt das ja noch mit dem »Weltkulturerbe Mathildenhöhe«. Dann hätten wir es auch ohne Eigenbau geschafft.

Und das mit einem einmaligen Ausnahmezustand!

07.08.2011
Museum Künstlerkolonie