Darmstädter Sezession

AUF EIN NEUES: DAS MENSCHENBILD IN UNSERER ZEIT

Von Horst Dieter Bürkle – 17.08.2010

Allgemein

Wenn es sich die Darmstädter Sezession 2010 zur Aufgabe gemacht hat, genau sechzig Jahre nach dem legendären ersten Darmstädter Gespräch und der zugehörigen Sezessionsausstellung ein weiteres Mal danach zu fragen, wie «Das Menschenbild in unserer Zeit» aussieht oder aussehen könnte, sollten wir uns einen Augenblick lang vor Augen halten, vor welchen Hintergründen eine solche Suche damals artikuliert worden ist. Als 1950 – ausgehend von einem Vorschlag des jungen Bildhauers Wilhelm Loth – in Darmstadt die Frage nach dem Menschenbild damaliger Gegenwart in einer Ausstellung erstmals behandelt wurde, war die Ausgangslage gegenüber heutigem Betrachtungsstandpunkt eine fundamental andere. Land wie Leute waren weithin geprägt von der Wandlung, die das Ende des II. Weltkriegs mit sich gebracht hatte.

Wilhelm Loth, »Weibliche Figur, sitzender Zustand«, 1948, Bronze, 85 x 54 x 78 cm

Trümmern; bei ansteigenden Arbeitslosenzahlen war das so genannte Wirtschaftswunder noch außer Sichtweite, doch konnte seit Beginn des Jahres immerhin damit begonnen werden, die Versorgung der Bevölkerung weitgehend ohne die bis dahin notwendigen Lebensmittelmarken abzuwickeln. Umso bemerkenswerter, dass einem Teil der seinerzeitigen Bevölkerung vermehrt danach war, sich auch wieder um die bis dahin stark eingeengten Kunst- und Kulturbedürfnisse jener Zeit zu kümmern. Hinter den Entsetzlichkeiten der Nazidiktatur, hinter Völkerschlachten und Nachkriegsinferno war die Suche nach angemessenem Menschenbild genaugenommen mehr als nur ein Gebot der Stunde. Dabei ging es nicht allein darum, eine Antwort darauf zu finden, ob der Mensch nach all den schrecklichen Geschehnissen – anthropozentrisch gedacht – überhaupt noch als »Maß aller Dinge« betrachtet werden durfte und wie ihn die Kunst erfassen kann, wenn sie denn, wie der konservative Kunsthistoriker Hans Sedlmayr während der damaligen Diskussionen anführte, »ein sehr empfindliches Diagnostikon für den Zustand des Menschen« sein soll.

Im Nachhinein betrachtet, ging es bei den äußerst emotional geführten Gesprächen des Jahres 1950 allerdings vorrangig um jene Streitpfeile, die die jeweiligen Anhänger von gegenständlicher und abstrakter Kunst in ihren Köchern hatten, ausgefochten vor einem Publikum, welches das Gelingen von Kunst überwiegend am Grad der Imitation eines vorgefundenen oder idealisiert Natürlichen zu messen gewohnt war und das sich – so scheint es im Rückblick – nur in geringem Maß mit der Frage befasste, ob nach all den erlittenen Traumata das Bild des Menschen womöglich für immer entwertet bleiben könnte. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auch auf Theodor W. Adornos etwa zeitgleich geäußerten folgenschweren Satz, demzufolge es barbarisch sei, nach Auschwitz noch ein Gedicht zu schreiben. Jahre später hat Adorno den Satz zwar nicht völlig widerrufen, doch immerhin abgeschwächt.

Heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends, plagen uns Auseinandersetzungen wie die vom Sommer des Jahres 1950 nicht mehr in gleichem Maße. Wiewohl das Menschenbild einmal mehr im Wandel begriffen ist. Die Erkenntnisse, die das hinter uns liegende Jahrhundert der Menschheitsgeschichte hinzugefügt hat, haben sowohl philosophisches Denken als auch ethische Grundfesten und mit ihnen die künstlerische Auseinandersetzung damit radikal verändert. Ergo auf ein Neues: »Das Menschenbild in unserer Zeit«.

Und weshalb das Thema dann in einem so genannten »Ziegelhüttenjahr«, was bedeutet: Nur für die Bildhauer? Dafür gibt es zwei Gründe. Zunächst einen kalendarischen: Weil seit der erstmaligen Fragestellung exakt sechzig Jahre vergangen sind. Und dann einen zweiten, gewichtigeren: Menschenbild war von der steinzeitlichen Venus von Willendorf über die Kuroi von Melos, die Sarkophage aus Cerveteri und die Büsten der römischen Cäsaren bis in die Neuzeit wie kaum eine andere Kunstform an plastische Ausdrucksformen gekoppelt. Und wenngleich sich das während der Dauer der Moderne allmählich verschob, blieb das Postulat erhalten, suchte man in der Bildhauerei, in der sich Abstraktion und Figuration seit jeher weit weniger antagonistisch gegenüberstanden als in der Malerei, weiterhin nach Entwürfen für ein Bild vom Menschen.

Es sei dahingestellt, ob der englische Künstler Damien Hirst mit seiner 2007 geschaffenen, aus Platin und nahezu 9.000 Diamanten bestehenden Schädelskulptur das derzeit gelegentlich von Verblendung und Größenwahn geprägte Bild des Menschen treffsicher bezeichnet hat. Wir hätten das 75 Millionen teure, spätkapitalistische Barockstück für diese Ausstellung gerne hergeholt, um unser Spektrum an Exponaten zu erweitern, mussten uns freilich mit bescheideneren Beispielen begnügen. Und so lässt sich auf einen ersten, rasch hingeworfenen Blick auf‘s Ausgestellte der Eindruck gewinnen, es habe sich so entscheidend anderes in der Szenerie eigentlich gar nicht getan. Doch stimmt das auch?

verinnerlichen, dass – global betrachtet – vor sechzig Jahren die Moderne bereits mehr oder minder an ihrem Ende angelangt war, quasi auslief und allmählich schon das heraufzudämmern begann, was wir heute mit Begriffen wie Transavantgarde, wie Spät- oder Postmoderne bezeichnen. Hierzulande ließ sich das in den Fünfzigerjahren nur deshalb noch nicht so richtig wahrnehmen, weil uns der durch die Nazijahre bedingte Nachholbedarf die Sicht darauf einstweilen noch verstellt hatte. Doch lernte man einigermaßen rasch, was gerade am Beispiel des Bildhauers Wilhelm Loth besonders anschaulich wird.

Als Loth Ende der vierziger Jahre die erste Ausstellung zum Thema »Menschenbild in unserer Zeit« angestoßen hat, war er gerade einmal 29 Jahre alt und hat sich in seiner künstlerischen Arbeit schon da weitgehend abgesetzt vom klassischen Menschenbild. »Die Verbindung zur Natur weicht der Abstraktion«, schrieb Uwe Haupenthal in seiner diesbezüglichen Dissertation, »Loth transformiert das empirische Erscheinungsbild des Menschen in ein naturunabhängiges Gefüge. Er gestaltet nicht ‚Wahrnehmungsbilder‘, sondern ‚Vorstellungsbilder‘«. Und diese seine Vorstellungsbilder stießen im Darmstadt der unmittelbaren Nachkriegszeit noch vehement auf lautstarke Empörung eines Publikums, das weder begreifen wollte noch offenbar konnte, dass man eine weibliche Figur, wie die von ihm in der Sezessionsausstellung des Sommers 1948 gezeigte, dermaßen »verzeichnet«.

Wilhelm Loth freilich war solcher Widerstand schon seinerzeit durchaus nicht fremd: »Eine Wandlung des Wertbegriffs, wie wir sie heute erleben«, formulierte er damals, »ist in der Geschichte nicht einmalig. Es haben schon öfter und früher Leute verständnislos vor neuen Bildern gestanden.« Dabei waren seine »Bilder« zu diesem Zeitpunkt so überaus neu ja noch nicht einmal. Noch experimentierte er auf diversen Pfaden, um letztlich auf jenen Weg zu gelangen, der ihn ein Jahrzehnt später dann auf seine endgültige Schiene setzen sollte, von der die an zentraler Stelle dieser Ausstellung postierte Plastik »An das Leben« deutlich kündet.

Wie sehr das Menschenbild speziell in der Plastik schon immer vom jeweiligen Zeitgeist geprägt wurde, ist für mich einmal mehr zutage getreten bei den Vorbereitungen zu dieser Ausstellung, bei der es unter anderem auch darum ging, zwischen Rosenhöhe und Innenstadt einen Skulpturen-Parcours abzustecken und auszuloten, der entlang einer Kette von rund 16 plastischen Arbeiten aus der Zeit zwischen 1900 und 2000 genau dies zutage fördert. Wir haben diese »Erkenntnisstrecke«, die von hohlem Pathos aus wilhelminischer Zeit ebenso kündet wie von plastischen Bekenntnissen existenzieller Nöte und Ängste aus jüngeren Dezennien, in das Programm dieser Ausstellung mit eingebaut und es ist ein überaus spannender Exkurs zum vorliegenden Thema daraus geworden.

Bärbel Dieckmann »Badende II«, 2004

Ähnlich wie in der Ausstellung auf dem Gelände der Ziegelhütte zeigt sich dabei, dass die Befürchtungen der einstigen Anhänger naturalistischer Gegenständlichkeit grundlos geblieben sind; von einem Überhandnehmen abstrakter Plastik kann nicht annähernd die Rede sein. Gemessen daran, dass sich auf dem genannten Parcours keine einzige nonfigurative Plastik findet, sind solche in der Ausstellung mit Arbeiten von gleich vier Künstlern beinahe überrepräsentiert. Dazu zählen ein Paar von Volker Beyer aus Holz, ein solches von Hagen Hilderhof aus Cortenstahl, drei abstrakte Figuren von Sigrid Siegele aus gebrannten Ziegeln und – in der Galerie des Künstlerhauses Ziegelhütte eine »Daphne« des Georg von Kovats, einer Figur, die der mediterranem Geist ungemein zugeneigte Künstler zu Lebzeiten in mehreren skulpturalen Versionen ausgeformt hat.

Ihnen gegenüber befindet sich eine gut aufgestellte Phalanx von – im besten Sinne – Traditionalisten, angeführt von Richard Heß und seiner kraftvollen »Frau mit Rabe«, gefolgt von seiner einstigen Schülerin Bärbel Dieckmann, dann Bernd Altenstein, Joachim Dunkel, Detlef Kraft, Eberhard Linke, Hubertus von Pilgrim und – last not least – Thomas Duttenhoefer.

Subjektivität und Intuition:
Thomas Duttenhoefers Krolow-Statue am Aufgang zur Darmstädter Rosenhöhe
(Foto: Horst Dieter Bürkle)

Während einzig Fritz Schwarzbecks »Paar« noch dem in Vorkriegszeiten von Despiau, Laurens und Kolbe vorgegebenen Stil verpflichtet ist, sind die übrigen durchgehend Vertreter der von derNachkriegszeit geprägten Bildhauer, d. h. sie bauen zwar bewusst auf Fundamenten, die von Praxiteles über Michelangelo bis Rodin gelegt worden sind, doch zeugen ihre Arbeiten gleichzeitig unverkennbar vom Geist der Ära nach den von menschlichem Zerstörungswahn in Konzentrationslagern und bei Atombombenabwürfen ausgelösten Erschütterungen des Jahrhunderts. Das Individuum (und mit ihm der Bildhauer dieser Generation) sah sich danach in der Situation, ein neues Bild seiner selbst schaffen zu müssen. Dieses Bild, so beschrieb es der französische Kunsthistoriker Jean-Luc Daval, sollte weniger scharf umrissen sein, denn durch die Absage an alle religiösen und idealistischen Bezüge verurteilte sich der Mensch dazu, einzig Subjektivität und Intuition als authentisch anzuerkennen.

An zwei Stellen der Ausstellung – bei Ludmila Seefried-Matejkova und bei dem jungen Preisbewerber Rainer Kurka finden sich ob ihrer Wirklichkeitsnähe Anklänge an die Hyperrealisten der siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die sich mit der Abformung des Wirklichen befassten. Doch im Gegensatz zu einem Künstler wie etwa Duane Hanson, der den menschlichen Körper in allen Details definitiv abformt, unterliegt der Verismus der Figuren in den vorliegenden Fällen noch unverkennbar bewusst geäußertem Stilwillen.

Hanne F. Juritz, »Das Menschenbild«, 2010

Und dann sind da noch die Ausflüge ins Reich des beinahe oder gänzlich Surrealen, hier angeführt von Michael Schwarzes »In die Zukunft horchend«. Was könnte es wohl sein, das sein Horcher dabei vernimmt oder zu vernehmen erhofft? Antworten auf ungelöste Fragen der Gegenwart? Etwa darauf, ob dem vorwärts schreitenden und zugleich rückgreifenden Harlekin des in der Ex-DDR groß gewordenen Christoph Reichenbach sein angedeuteter Spagat gelingt? Ob aus dem entschieden zu früh aus dem Madonnenleib geschnittenen Knäblein der Laura Baginski ein neuer Heilsbringer werden kann? Antworten auf die Frage was im klassischen Kopf der Griechin vorgeht beim Blick auf den cleanen Vorgang einer In-vitro-Fertilisation bei meiner eigenen Arbeit? Ob wir es in der Zukunft zu tun haben könnten mit technoiden Homunculi wie denen in den Materialcollagen der Holländerin Alexandra Klein? Oder ob es nicht besser oder doch lohnenswert sein könnte, einfach in andere, weit entlegene Welten zu entkommen, wie es die jüngste Förderpreisträgerin der Sezession, die Polin Agata Agatowska mit ihrem »Umzug zum Mars« nahezulegen scheint?

Detlef Kraft, »Brian Jones«, 2010, Messing, 58 x 65 x 30 cm

In einem Punkt wollten wir sechzig Jahre nach dem ersten Gespräch zum Menschenbild unserer Zeit über den damals gesteckten Rahmen hinausgehen und außerdem das Medium Film befragen. Der war anno 1950 nur wenig in der Lage, Aussagen über ein gültiges Menschenbild zu formulieren, weil für‘s damalige Kinopublikum ein von Alltagssorgen ablenkendes Unterhaltungskino von überwiegend seichtester Art angesagt war. Die hat sechzig Jahre später zwar auch immer noch nicht ausgedient, doch existiert darüber hinaus mittlerweile ein Kino, das ausgesprochen differenzierte Menschenbilder zu liefern vermag. Weshalb wir während der Dauer der Ausstellung in wöchentlichem Abstand Filme zeigen wollten, die sich auf eingehende Weise mit den sehr unterschiedlichen Befindlichkeiten des Menschen befassen. Ein Vorhaben, das wir aufgrund finanzieller Engpässe in letzter Minute dann leider doch streichen mussten. Was es hingegen geben wird, ist ein Symposium, das am 18. September in der Darmstädter Kunsthalle stattfindet und bei dem Repräsentanten diverser Geistesrichtungen sich zum Thema Menschenbild in unserer Zeit äußern werden. Auch dabei dürfte einmal mehr erkennbar sein, dass die Suche nach einem gültigen Menschenbild wohl immer aktuell bleiben und kaum ein Ende finden wird.

Man kann und darf deshalb auch weiterhin bei der anschaulichen Metapher bleiben, die der Kunsthistoriker Wieland Schmied im Jahre 1968 gefunden hatte: »Es scheint«, schrieb er im damals erschienenen Katalog zur Menschenbilder-Ausstellung auf der Mathildenhöhe »als ob es dem alten Dorian Gray noch immer ein unverzichtbares Bedürfnis wäre, von Zeit zu Zeit auf den Dachboden seines Hauses zu steigen und nachzusehen, was denn nun sein beiseitegestelltes Bildnis über ihn aussagt«.

 

Horst Dieter Bürkle

15.08.2010
Künstlerhaus Ziegelhütte
15.08.2010
Künstlerhaus Ziegelhütte
15.08.2010
Künstlerhaus Ziegelhütte