Darmstädter Sezession

Über das Werk von Vera Röhm

Von Anca Arghir – 08.08.2013

Künstlerkritik

Als Vera Röhm, Mitte der 70er Jahre, das Modell für die Werkgruppe »Ergänzungen« entwickelte, bedeutete dies die Erforschung des Bereichs imaginärer Körper zwischen Natur und Zivilisation. Unbelastet von apriorischer Theorie ließ sie sich dabei von ihrer Sensibilität für klare Formen industrieller Präzision leiten und interessierte sich für ihre räumliche Entfaltung.

Die visuelle Grammatik leitet sich hier von einer Geometrie der Geraden ab, die auch architektonische Werte einbezieht, und deren Deutlichkeit in der schlichten Struktur und in ihrer geglätteten Oberfläche zu erfahren ist. Vera Röhm entschied sich für das scharfkantige Profil des Würfels, für das kategorisch Waagerechte der rechteckigen Platte oder für das eindeutig Vertikale eines Balkens mit quadratischem Querschnitt.

All diese Elemente vermitteln den Eindruck einer Ordnung, die konstruktivistisch anmutet, ohne dass aber der konstruktivistische Code rationalisierter Formverhältnisse übernommen worden wäre. Die Künstlerin entschärft das Statische, das den fest definierten Formen eigen ist, durch Risse und Kurven, die sie der Masse zufügt. Sie praktiziert Schnitte und Brechungen durch die rechtwinkligen Volumina, um über diese Eingriffe hinaus das Abenteuerliche im Inneren geometrisch beschreibbarer Gestalten hervorbrechen zu lassen.

Die Gegenüberstellung von »offen« und »geschlossen« kommt in einer verdoppelten Stofflichkeit zum Ausdruck: Vera Röhm verbindet Acrylglas und Holz, Durchsichtiges und Opakes, Glasiges und Mineralisches. Sie versucht also ‑ um mit Gaston Bachelard zu sprechen – »terrestrische Imagination« und flüchtige Impressionen in feste Formen zu bannen.

Im Begriff »Ergänzung« deutet sich diese kontrastive Komplementarität an, welche das Werk auf allen Ebenen prägt, von der technischen Strategie bis hin zur ästhetischen Aussage. Bereits die Strenge der stereotomischen Ausführung bewirkt eine Konzentration von Kräften und vermittelt den Eindruck einer inneren Dynamik. Die Art, wie die »Ergänzung« den Raum durchdringt, kann als heftige Gebärde empfunden werden, die sich im Kern der Materie als Implosion darstellt und zum gleichsam kathartischen Schauspiel steigert.

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